Insti­tu­tio­nel­ler Wan­del gesell­schaft­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on – Autorin: Adi­na Eggert.

„Last not least“ – der vier­te von ins­ge­samt vier Essays, die sich damit aus­ein­an­der­set­zen, wie die Zukunft von Mas­sen­me­di­en und Sozia­len Medi­en auch poli­tisch ver­ant­wort­lich gestal­tet wer­den kön­nen. Adi­na Eggert nimmt sich hier­für dem insti­tu­tio­nel­len Wan­del gesell­schaft­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on an und dis­ku­tiert die „undenk­ba­re De-Insti­tu­tio­na­li­sie­rung der publi­zis­ti­schen Medi­en“. Ein dickes Brett, ein span­nen­der Text – abso­lut lesenswert!

Die voll­kom­me­ne De-Insti­tu­tio­na­li­sie­rung der publi­zis­ti­schen Medi­en ist nicht möglich

Lan­ge über­le­ge ich, mit wel­chen aus­ge­wähl­ten Wor­ten ein Essay über den Wan­del von Kom­mu­ni­ka­ti­on in der Gesell­schaft wohl zu begin­nen hat. Mache mir Gedan­ken dar­über, wie ich am bes­ten kom­mu­ni­zie­re, was für Erwar­tun­gen und Ansprü­che ich selbst an mei­ne eige­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on stel­le und wel­che Ansprü­che der Hoch­schu­le die­sen gegen­über ste­hen. Hal­te mir die legi­ti­mier­ten Regeln und Nor­men die­ser Insti­tu­ti­on sowie ihre und mei­ne Rol­le in der Öffent­lich­keit vor Augen, pas­se mei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on dem­entspre­chend an. Neben­bei schrei­be ich einer Kom­mi­li­to­nin inner­halb von weni­gen Sekun­den eine Nach­richt über eine Online-Platt­form, den­ke wenig über die For­mu­lie­rung, son­dern eher über den Inhalt, den ich ver­mit­teln möch­te, nach. 

Eine Situa­ti­on, die den Wan­del, den gesell­schaft­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on seit eini­gen Jah­ren bestrei­tet, greif­bar macht. Wenn sich die eige­nen Ansprü­che und Erwar­tun­gen an Kom­mu­ni­ka­ti­on in unter­schied­li­chen Medi­en bereits auf die­se Art und Wei­se dif­fe­ren­zie­ren las­sen, und wenn das Schrei­ben einer Online-Nach­richt durch eine gewis­se infor­mel­le­Struk­tur ver­ein­facht wird, wie gestal­tet sich unter Berück­sich­ti­gung der vor­an­schrei­ten­den Digi­ta­li­sie­rung, dem Aus­bau­tech­no­lo­gi­scher Infra­struk­tur und der Neu-Insti­tu­tio­na­li­sie­rung von Sozia­len Medi­en die Kom­mu­ni­ka­ti­on der gesam­ten Öffent­lich­keit? Wie trä­ge und schwer wirkt die Kom­mu­ni­ka­ti­on in publi­zis­ti­schen Medi­en dage­gen und was führt dazu, dass sie seit Jah­ren eine legi­ti­mier­te und vor allem eine gesell­schafts­re­le­van­te Insti­tu­tio­nen ist, deren De-Insti­tu­tio­na­li­sie­rung undenk­bar erscheint?

Seit jeher lebt und besteht die Gesell­schaft in einem kom­ple­xen Kon­strukt aus Sys­te­men und Unter­sys­te­men, aus Ord­nun­gen, Insti­tu­tio­nen und Orga­ni­sa­tio­nen. Rol­len in der Gesell­schaft und ver­schie­de­ne Akteu­re in die­sem als Pro­zess zu ver­ste­hen­dem Gerüst schaf­fen durch Kom­mu­ni­ka­ti­on ihre eige­nen Regeln und Nor­men, Erwar­tun­gen an ande­re und ansich selbst. So gilt es auch für die bis vor eini­gen Jah­ren herr­schen­de Medi­en­ord­nung, in der sich durch das Leben die­ser Regeln und Nor­men und das wie­der­keh­ren­de Typi­sie­ren von Hand­lun­gen die publi­zis­ti­schen Medi­en als wesent­li­che, gesell­schafts­re­le­van­te und öffent­lich­keits­bil­den­de Insti­tu­tio­nen gestal­ten konn­ten (vgl. Jar­ren 2019, S. 166). Der­so­zio­lo­gi­sche Neo-Insti­tu­tio­na­lis­mus, der für das Ver­ständ­nis des kom­mu­ni­ka­ti­ven Wan­dels zunächst her­an­ge­zo­gen und­s­ei­ne Auf­fas­sung und Inter­pre­ta­tio­nen von Insti­tu­tio­nen ange­nom­men wer­den, beschreibt die­se Insti­tu­tio­nen als Regel­sys­te­me. Sie struk­tu­rie­ren, begren­zen und ermög­li­chen das sozia­le Ver­hal­ten unse­rer Gesell­schaft. So eta­bliert sich der Auf­trag der publi­zis­ti­schen Medi­en durch eine fort­wäh­ren­de Ste­reo­ty­pi­sie­rung, zu einem Her­stel­len von all­ge­mei­ner Öffent­lich­keit, in der sich – durch jour­na­lis­ti­sche Beob­ach­tung und Refle­xi­on – die Gesell­schaft selbst beob­ach­ten und anhand von kom­mu­ni­zier­ten Ent­schei­dungs­ab­sich­ten ande­rer eige­ne Ent­schei­dun­gen tref­fen kann. (vgl. Jar­ren 2019, S. 164)

Wer spielt(e) die Haupt­rol­le in der gesell­schaft­li­chen Kommunikation?

Die uni­ver­sel­len, aktu­el­len Mas­sen­me­di­en wie die Zei­tung, das Radio oder das Fern­se­hen genie­ßen durch ihre jah­re­lan­ge Eta­blie­rung und den inten­si­ven Insti­tu­tio­na­li­sie­rungs­pro­zess in der Gesell­schaft ein gro­ßes Ver­trau­en und eine hohe Reich­wei­te, sie spie­len die Haupt­rol­le in der öffent­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on (vgl. Jar­ren 2019, S. 164). Saxer for­mu­liert sie auch als „kom­ple­xe insti­tu­tio­na­li­sier­te Sys­te­me um orga­ni­sier­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nä­le von spe­zi­fi­schem Leis­tungs­ver­mö­gen“ (Saxer 1999). Sie bean­spru­chen, nach Über­le­gun­gen von Kurt Imhof, vor allem Rele­vanz in der Her­stel­lung von poli­ti­scher Öffent­lich­keit, sie neh­men öffent­li­che Auf­ga­ben wahr (vgl. Jar­ren 2019b, S. 349). Ehrin­ger greift wei­ter auf, dass die­se Insti­tu­ti­on der Mas­sen­me­di­en sich, nach dem Neo-Insti­tu­tio­na­lis­mus, vor allem durch die vier Ebe­nen der Insti­tu­tio­na­li­sie­rung aus­zeich­nen, die alle die Basis einer aus Erwar­tungs­struk­tu­ren kon­stru­ier­ten Umwelt gemein hät­ten (vgl. Ehrin­ger 2019, S. 55). Eine Erwar­tung, die sich auf der regu­la­ti­ven (Dar­stel­lungs­for­men in Medi­en), der nor­ma­ti­ven (Rol­len oder Rou­ti­nen), der kul­tu­rell-kogni­ti­ven (Beein­flus­sung der Wahr­neh­mung von Wirk­lich­keit durch Gat­tun­gen oder Bericht­erstat­tungs­for­ma­te) und der tech­no­lo­gi­schen Ebe­ne nie­der­schla­ge (vgl. Kat­zen­bach 2020, S. 5 und Jar­ren 2019, S. 169).

Wir als Gesell­schaft erwar­ten dem­nach also eine ganz bestimm­te Bericht­erstat­tung, eine Kom­mu­ni­ka­ti­on sei­tens des Anbie­ters, die sich an all­ge­mei­nen, nor­ma­ti­ven Regeln und Rou­ti­nen, wie bei­spiels­wei­se am Pres­se­ko­dex oder an Staats­ver­trä­gen ori­en­tiert. Regel­sys­te­me, die den Hand­lungs­spiel­raum der Insti­tu­ti­on begren­zen. „Benimm­re­geln“ für Gesprä­che zwi­schen Politiker*innen und Journalist*innen sind bekannt, Aus­wir­kun­gen von par­tei­ischer Arti­ku­la­ti­on im Vor­aus klar. Dem­nach erfüll­ten die (publi­zis­ti­schen) Medi­en seit vie­len Jah­ren artig die Erwar­tun­gen an ihre Kern­leis­tung: die Bereit­stel­lung von The­men, wel­che sowohl für die all­ge­mei­ne Gesell­schaft als auch für indi­vi­du­el­le Lebens­wel­ten rele­vant sind (vgl. Jar­ren 2019, S. 168).

Ein Vor­abend­pro­gramm nach Sche­ma F, die Bör­se, die Tages­schau pünkt­lich um 20:00 Uhr, der Gong, die Ein­gangs­me­lo­die. Guten Abend mei­ne Damen und Her­ren, glei­che Tona­li­tät, die­sel­be Spra­che, jeden Abend. Das Wet­ter, die Lot­to­zah­len, im Anschluss der neue Tat­ort – Erwar­tun­gen erfüllt.

Die Tages­schau – gera­de hier lie­ße sich beob­ach­ten, wie vor allem durch die poli­ti­schen Debat­ten und Akteu­re, die jour­na­lis­tisch für das mög­lichst brei­te Publi­kum the­ma­ti­siert wer­den, für Rezipient*innen dazu bei­tra­gen, Inter­es­sen der poli­ti­schen Akteu­re sicht- und greif­bar zu machen und in der eige­nen Inter­es­sen– und Ent­schei­dungs­fin­dung zu unter­stüt­zen, wel­che sich wie­der­um auf poli­ti­sche Debat­ten aus­wir­ken kön­nen, die erneut durch Kom­mu­ni­ka­ti­on und media­le Auf­merk­sam­keit in das Licht der Öffent­lich­keit gerückt wer­den (vgl. Jar­ren 2019, S. 164) und nach dem Gong um 20:00 Uhr ertönen.

Dass die Medi­en­gat­tun­gen, so unter­schied­lich sie in ihren orga­ni­sier­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nä­len auch sein mögen, neben­ein­an­der exis­tie­ren kön­nen, ohne ein­an­der in ihrer Legi­ti­ma­ti­on zu gefähr­den oder ihre bestehen­den Regeln zu bre­chen, lie­ge nach Jar­ren in der Natur der Iso­mor­phie (vgl. Jar­ren 2019, S. 169). Ein Pro­zess, in dem sich Orga­ni­sa­tio­nen inner­halb eines orga­ni­sa­to­ri­schen Fel­des anein­an­der ori­en­tie­ren und sich anglei­chen, da ihnen die­sel­be insti­tu­tio­nel­le Erwar­tung ent­ge­gen gebracht wer­de (vgl. Ehrin­ger 2019, S. 57). Durch das gegen­sei­ti­ge Aus­rich­ten anein­an­der kön­ne wie­der­um die Aner­ken­nung der gel­ten­den Regeln und Nor­men erhöht und die Erwar­tungs­struk­tu­ren gestärkt wer­den (vgl. Jar­ren 2019, S. 169). Die Ebe­nen der Insti­tu­ti­on grei­fen: Regu­la­ti­ve Insti­tu­tio­nen erle­ben Legi­ti­ma­ti­on durch eine erzwun­ge­ne Iso­mor­phie, nor­ma­ti­ve Insti­tu­tio­nen durch nor­ma­ti­ven Druck und kul­tu­rell-kogni­ti­ve Insti­tu­tio­nen durch mime­ti­sche Pro­zes­se. Auf Iso­mor­phie fol­ge Legi­ti­mi­tät (vgl. Ehrin­ger 2019, S. 63 f.).

Nach Eta­blie­rung der ers­ten Print­me­di­en, ihrer Nor­men und Wer­te, ihrer ste­ti­gen wie­der­keh­ren­den Hand­lun­gen und kom­mu­ni­ka­ti­ven Ele­men­te, betrat der Hör­funk die Medi­en­ord­nung. Ein Fak­tor, eine neue Wett­be­werbs­form im Feld der Medi­en, wel­cher nach Jar­ren jedoch kei­nen Schock aus­löst, son­dern, nach den Prin­zi­pi­en der Iso­mor­phie, durch eine anglei­chen­de Insti­tu­tio­na­li­sie­rung in einer trä­gen Imple­men­tie­rung die Wer­te und Nor­men über­nahm. Eine Aus­rich­tung der Medi­en und Journalist*innen anein­an­der sei der Kern die­ser Über­le­bens­stra­te­gie. Glei­ches geschah wenig spä­ter für das Fern­se­hen, das zunächst nor­ma­ti­ve For­men inkre­men­tell über­nahm und in sei­nem spä­te­ren Ver­lauf die Wer­te und Nor­men durch eige­ne Regu­la­ri­en wie die dua­le Rund­funk­ord­nung erwei­ter­te. Hör­funk und Fern­se­hen, zunächst nur als öffent­li­che Medi­en ein­ge­führt, spä­ter als dua­le Rund­funk­ord­nung mit dem pri­va­ten Rund­funk, nah­men so unter nor­ma­ti­vem Druck Ein­fluss auf das Gesamt­me­di­en­sys­tem (vgl. Jar­ren 2019, S. 171).

Die Medi­en­ord­nung bestand, Medi­en und Jour­na­lis­mus hat­ten ihren Insti­tu­tio­na­li­sie­rungs­pro­zess durch­lau­fen, spiel­ten die Haupt­rol­le in gesell­schaft­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on und kon­sti­tu­ier­ten, ganz im Sin­ne des Neo-Insti­tu­tio­na­lis­mus, die all­ge­mei­ne Öffent­lich­keit. In der Gesell­schaft eta­bliert, von ihr geschätzt und aner­kannt. Über allem, was publi­ziert wur­de, lag der Fil­ter der Medi­en und des Jour­na­lis­mus. Bestand doch ein erheb­li­cher Ein­griff in die Kon­sti­tu­ie­rung einer Öffent­lich­keit und ihrer eige­nen Mei­nungs­bil­dung, so wur­de sie durch Regeln und Ver­trä­ge wie die Pres­se- und Rede­frei­heit legi­ti­miert. Regu­lie­run­gen durch die bestehen­de Medi­en­po­li­tik – eben­falls eine kon­sti­tu­ier­ten Insti­tu­ti­on – war gege­ben und natio­nal­staat­li­che Ver­trä­ge sicher­ten die Erwar­tungs­struk­tu­ren der Gesell­schaft ab, eine Finan­zie­rungs­be­tei­li­gung für Nutzer*innen war durch insti­tu­tio­nel­le Hand­lun­gen legi­ti­miert. Eine De-Insti­tu­tio­na­li­sie­rung der publi­zis­ti­schen Medi­en undenkbar.

Die tat­säch­li­che Mög­lich­keit der De-Institutionalisierung

Bis schließ­lich ein neu­es, anders­ar­ti­ges Set an Nor­men und Leit­ideen einen exo­ge­nen Schock aus­lös­te, Iso­mor­phie ver­wei­ger­te, sich nicht in das bestehen­de natio­nal­staat­li­che Medi­en­sys­tem ein­reih­te und einen jour­na­lis­ti­scher Anspruch an Kom­mu­ni­ka­ti­on von Grund auf ablehn­te. Natio­nal­staat­li­che För­de­run­gen wur­den nicht benö­tigt, insti­tu­tio­nal work wur­de zu insti­tu­tio­nal entre­pre­neurs, pri­va­te statt öffent­li­che Dienst­leis­tun­gen wur­den ange­bo­ten (vgl. Jar­ren 2019, S. 172). 

Die Sozia­len Medi­en, die zusam­men­ge­fasst als alle „[…] Ange­bo­te auf Grund­la­ge digi­tal ver­netz­ter Tech­no­lo­gien, die es Men­schen ermög­li­chen, Infor­ma­tio­nen aller Art zugäng­lich zu machen und davon aus­ge­hend sozia­le Bezie­hun­gen zu knüp­fen und/​oder zu pfle­gen“ (Tad­di­cken, Schmidt 2017, S. 8) bezeich­net wer­den kön­nen, kon­sti­tu­ier­ten sich. Platt­for­men bie­ten in die­sem Fall die Infra­struk­tur für die Kom­mu­ni­ka­ti­on von Nutzer*innen, die die­se sowohl ver­öf­fent­li­chen als auch kura­tie­ren (vgl. Kat­zen­bach 2020, S. 1). Das Pro­blem für publi­zis­ti­sche Medi­en: die neu­en Inter­me­diä­re kön­nen mehr als sie selbst. Sie bie­ten, so Jar­ren, Ori­en­tie­rung und struk­tu­rel­le Ord­nung, jedoch auch kom­mu­ni­ka­ti­ve Macht für alle Akteu­re, eine fle­xi­ble Orga­ni­sa­ti­on von Inter­es­sen und die ein­fa­che Koor­di­na­ti­on von (kom­mu­ni­ka­ti­ven) Hand­lun­gen – völ­lig los­ge­löst von poli­tisch-recht­li­chen oder kul­tu­rel­len Vor­ga­ben und den Ver­mitt­lungs­leis­tun­gen der pro­fes­sio­nel­len Journalist*innen und Medi­en (vgl. Jar­ren 2019, S. 164, 172). Die­se neu­en Platt­for­men stre­ben, so Jar­ren nach Imhof, nicht nach einem publi­zis­ti­schen Ver­mitt­lungs­in­ter­es­se (vgl. Jar­ren 2019b, S. 349).

Pri­va­te Kom­mu­ni­ka­ti­on macht Inter­ak­ti­ons– und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­zie­hun­gen zwi­schen den Anbie­tern und Nutzer*innen Platz. Die Indi­vi­dual­kom­mu­ni­ka­ti­on erreicht einen neu­en Grad an Frei­heit (vgl. Jar­ren 2019, S. 175). Neu-Insti­tu­tio­na­li­sie­rung – jedoch nicht durch Iso­mor­phis­mus, son­dern aus­schließ­lich durch Kom­mu­ni­ka­ti­on. Doch bedeu­te­te die Insti­tu­tio­na­li­sie­rung der neu­en Platt­for­men auto­ma­tisch die De-Insti­tu­tio­na­li­sie­rung der bestehen­den Kanä­le und Ord­nun­gen und die Ableh­nung der Mecha­nis­men des Neo– Institutionalismus?

Laut Kat­zen­bach bedeu­te dies zunächst einen fun­da­men­ta­len insti­tu­tio­nel­len Wan­del, Kurt Imhof bestä­tigt dies mit sei­ner Annah­me über einen zwei­ten, struk­tu­rel­len Wan­del der Öffent­lich­keit. Fest­zu­hal­ten blie­be an die­ser Stel­le, dass durch die­sen Wan­del und durch die mit den neu­en Inter­me­diä­ren ein­her­ge­hen­de Re-Insti­tu­tio­na­li­sie­rung der publi­zis­ti­schen Medi­en der sozio­lo­gi­sche Neo-Insti­tu­tio­na­lis­mus stark kri­ti­siert wer­den kön­ne. Nach Flo­ri­an (2008, S.132) wäre der Neo-Insti­tu­tio­na­lis­mus durch sei­nen Fokus auf Sta­bi­li­tät und Iso­mor­phien nicht in der Lage, sozia­le Insti­tu­tio­nen, ihre Ent­ste­hung, ihren Wan­del und ihre Viel­falt zu begrei­fen. Es wür­de eine Sicht aus der Pro­zess­per­spek­ti­ve gefor­dert, die Phä­no­me­ne wie die ange­nom­me­ne unmög­li­che De-Insti­tu­tio­na­li­sie­rung (bei­spiels­wei­se von publi­zis­ti­schen Medi­en) ermög­li­chen wür­de (vgl. Flo­ri­an 2008, S. 132). Die Pra­xis­theo­rie nach Pierre Bour­dieu, die durch das Auf­grei­fen des US-ame­ri­ka­ni­schen Neo-Insti­tu­tio­na­lis­mus zu einer stär­ke­ren Betrach­tung gelangt, ver­sucht, eigen­stän­di­ges, sub­jek­ti­ves und wie­der­hol­tes Han­deln der Akteur*innen der Gesell­schaft (wie er es nennt: Habi­tus) und die Rol­le von Insti­tu­tio­nen in der sozia­len Gesell­schaft zu ver­ei­nen. Flo­ri­an führt wei­ter aus: „Auf die­ser metho­do­lo­gi­schen Basis las­sen sich sozia­le Insti­tu­tio­nen in einer dop­pel­ten Exis­ten­zwei­se erfas­sen: einer­seits in ihrer gegen­ständ­li­chen Objek­ti­vi­tät als beson­de­re Struk­tur­for­men und Mecha­nis­men sozia­ler Pra­xis, ande­rer­seits in der sub­jek­ti­vier­ten Form ein­ver­leib­ter men­ta­ler (und kör­per­li­cher) Struk­tu­ren (Dis­po­si­tio­nen). Erst die Gene­se und Repro­duk­ti­on der Wahrnehmungs‑, Denk– und Bewer­tungs­sche­ma­ta des Habi­tus ver­lei­hen Insti­tu­tio­nen die für ihre Repro­duk­ti­on not­wen­di­ge Legi­ti­mi­tät der Frag­lo­sig­keit oder moti­vie­ren den für insti­tu­tio­nel­len Wan­del erfor­der­li­chen Zwei­fel an die­sen Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten.“ (Flo­ri­an 2008b, S. 4296)

Im erwei­ter­ten Neo-Insti­tu­tio­nel­len Sinn bedürf­ten vor­lie­gen­de Rol­len, Regeln und Regu­lie­run­gen einer erneu­ten Klä­rung, nach­dem die bestehen­de Ord­nun­gen auf­grund wesent­li­cher nor­ma­ti­ver, regu­la­ti­ver und kul­tu­rell-kogni­ti­ver Unter­schie­de in der neu­en Instanz nicht mehr anwend­bar sind (vgl. Kat­zen­bach 2020, S. 2). Neu defi­niert wer­den müss­ten vor allem die Rol­len der Akteu­re, der Nutzer*innen der Sozia­len Medi­en, und ihr sozia­les Han­deln (vgl. Jar­ren 2019, S. 166), aber auch die Rol­le der neu­en Inter­me­diä­re und ihre all­ge­mei­nen gesell­schaft­li­chen Erwar­tun­gen an sie (vgl. Bros­da, Schulz 2020). Dort, wo die Pres­se durch öko­no­mi­schen Wett­be­werb und der Rund­funk durch medi­en­recht­li­che Regu­lie­run­gen begrenzt wird, wer­den die­se zwei tech­nisch getrenn­ten Märk­te im Inter­net erst­mals zusam­men­ge­führt und las­sen eine Flut an Infor­ma­tio­nen frei, die kei­ne natio­nal­staat­li­chen Gren­zen kennt (vgl. Bros­da, Schulz 2020). Was erwar­ten wir von einer kom­mu­ni­ka­tiv kon­sti­tu­ier­ten Insti­tu­ti­on? Wie flie­ßen eige­ne Denk­mus­ter und habi­tua­li­sier­ten Hand­lun­gen und Erfah­run­gen aus der Insti­tu­ti­on publi­zis­ti­scher Medi­en in die Kon­sti­tu­ie­rung der neu­en Inter­me­diä­re ein? Begrei­fen wir nach Legi­ti­ma­ti­on der Sozia­len Medi­en als Insti­tu­ti­on den Jour­na­lis­mus wei­ter­hin als uner­läss­lich in der Gestal­tung der Öffent­lich­keit oder kann die neue Insti­tu­ti­on mit ihren erwei­ter­ten Hand­lungs­spiel­räu­men die tra­di­tio­nel­le Rol­le des Jour­na­lis­mus erset­zen? Und wie kann, als Pen­dant zu jour­na­lis­ti­schen Selek­ti­ons­ver­fah­ren in Mas­sen­me­di­en, die Rol­le der publi­zis­ti­schen Medi­en in der neu­en Insti­tu­ti­on der Sozia­len Medi­en nach Öffent­lich­keit ringen?

Von insti­tu­tio­nal work zu insti­tu­tio­nal entrepreneurs

Nach einem von den Mas­sen­me­di­en bestimm­ten Struk­tur­wan­del der Öffent­lich­keit sind es nun die Sozia­len Medi­en, die sich kom­mu­ni­ka­tiv zu Insti­tu­tio­nen kon­sti­tu­ie­ren und somit, auf­bau­end auf Über­le­gun­gen von Kurt Imhof, einen nächs­ten Wan­del der Öffent­lich­keit aus­lö­sen (vgl. Jar­ren 2019b, S. 349). Platt­for­men wur­den, aus Neo-Insti­tu­tio­nel­ler Sicht, auf­grund neu­er Wer­te und Leit­bil­der, jedoch von insti­tu­tio­nel­len Unter­neh­mern, von Jar­ren auch insti­tu­tio­nal entre­pre­neurs genannt, ent­wi­ckelt. Goog­le, Face­book und Twit­ter zei­gen, dass die Kon­zep­te neu­er Inter­me­diä­re aus­schließ­lich wer­be­fi­nan­ziert und aus öko­no­mi­schem Antrieb exis­tie­ren. So roman­tisch eine nach Bour­dieus Habi­tus logi­sche Schluss­fol­ge­rung auch wäre, dass durch die Gene­se und Repro­duk­ti­on der eige­nen Hand­lun­gen ent­stan­de­ne Zwei­fel an der Selbst­ver­ständ­lich­keit der Insti­tu­ti­on zu einer Neu­aus­rich­tung führ­te (vgl. Flo­ri­an 2008b, S. 4269), so ernüch­ternd ist die Wahr­heit, dass die wirt­schafts­ge­trie­be­ne Mas­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on eine neue Platt­form zur Aus­brei­tung erlangt.

Hier fol­ge zwar wahr­schein­lich auf die per­sön­li­chen Reflek­ti­on und Erwar­tungs­hal­tung an die Insti­tu­ti­on Medi­en eine selbst­be­stimm­te und ent­ge­gen der Iso­mor­phie agie­ren­de Kom­mu­ni­ka­ti­on, jedoch ist die ent­stan­de­ne Inter­ak­ti­ons­be­zie­hung für Nutzer*innen viel­leicht kom­mu­ni­ka­tiv, aber noch lan­ge nicht par­ti­zi­pa­tiv. Struk­tu­ren wer­den vor­ge­ge­ben, eine Betei­li­gung an der Gestal­tung der Platt­for­men ist nicht mög­lich. Trotz der hohen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­macht, die die Platt­for­men den Nutzer*innen ver­lei­hen, ist es immer dem­nach stets die Anbie­ter­sei­te, die die Struk­tur defi­niert und das Nut­zungs­ver­hält­nis zu ihren eige­nen Vor­tei­len lenkt. Eine insti­tu­tio­nel­le Legi­ti­mi­tät kann sich jedoch auf die Ermög­li­chung von Indi­vi­dual­kom­mu­ni­ka­ti­on, also der für alle Akteur*innen gel­ten­den Rede­frei­heit, stüt­zen, solan­ge sie der Frei­heit, die sie ihren Nutzer*innen ver­spricht und der Unab­hän­gig­keit jour­na­lis­ti­scher Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wei­sen, nicht grund­sätz­lich wider­spricht. So ist es mög­lich, dass sie den Nut­zern wie infor­mel­le und stark form­lo­se und weni­ger als for­mel­le, also beson­ders form­ge­ben­de Insti­tu­tio­nen vor­kom­men (vgl. Jar­ren 2019, S. 172, 175).

Kat­zen­bach führt wei­ter aus, dass der fun­da­men­ta­le Pro­zess der Neu­in­sti­tu­tio­na­li­sie­rung in der für die Gesell­schaft rele­van­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on den Sozia­len Medi­en eine Rol­le als selbst­ver­ständ­li­ches Mit­tel zur pri­va­ten und gesell­schaft­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on bei­misst. Ändert sich die per­sön­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on (so auch ihr Frei­heits­grad in den Medi­en), so ände­re sich auch die Erwar­tungs­hal­tung an kom­mu­ni­ka­ti­ves Han­deln, gegen­über ande­rer Akteur*innen und Orga­ni­sa­tio­nen. Eine kol­lek­ti­ve Ver­schie­bung der Erwar­tungs­hal­tung wäre denk­bar (vgl. Kat­zen­bach 2020, S. 2).

Betrach­te ich hier als Akteu­rin in den Sozia­len Medi­en das eige­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­hal­ten und mei­ne Erwar­tun­gen an die Platt­for­men, sowie ande­re Nutzer*innen wie bei­spiels­wei­se auch Orga­ni­sa­tio­nen, Par­tei­en oder Ver­bän­de, neh­me ich bewusst war, wie ich von der durch Platt­for­men insti­tu­tio­na­li­sier­ten Öffent­lich­keit, nach dem Akzep­tie­ren der vor­ge­ge­be­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nä­le und ‑struk­tu­ren, erwar­te, dass sich ande­re Akteu­re des tra­di­tio­nel­len Medi­en­sys­tems eben­falls an ihr betei­li­gen und sich an die von den Platt­for­men vor­ge­ge­be­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men anpas­sen. Eine Ent­hal­tung aus Debat­ten und Dis­kus­sio­nen im digi­ta­len öffent­li­chen Raum, der nach Haber­mas noch nicht ein­mal als die­ser bezeich­net wer­den dürf­te (vgl. Haber­mas 2006), ent­sprä­che nicht mei­nen per­sön­li­chen Erwar­tun­gen an die heu­ti­ge, digi­ta­li­sier­te und stark ver­netz­te Medi­en­land­schaft. Nichts des­to trotz besteht in mei­nen Augen die Gefahr, dass der neue öffent­li­che Raum als eine Grund­la­ge für dis­kus­si­ons­fä­hi­ge und öffent­lich­keits­re­le­van­te Kom­mu­ni­ka­ti­on durch die Fül­le an Stim­men und Infor­ma­tio­nen geflu­tet wer­den könnte.

Algo­rith­mus­bla­se statt Journalismusfilter

Die jour­na­lis­ti­sche Arbeit, ihre Tätig­keit als Fil­ter für all­ge­mein rele­van­te The­men und ihre regu­la­ti­ven Nor­men in den Mas­sen­me­di­en wer­den in den Sozia­len Medi­en fal­len gelas­sen, die neu­en Kom­mu­ni­ka­ti­ons­an­ge­bo­te, ‑kanä­le und ‑ansprü­che unter­schei­den sich grund­le­gend von bekann­ten Struk­tu­ren. Es wer­den kei­ne Gate­kee­per benö­tigt, die die The­men nach Rele­vanz für die All­ge­mein­heit selek­tie­ren und jour­na­lis­ti­sche Ansprü­che sicher­stel­len. Auf den Platt­for­men geschieht das glei­che wie wäh­rend des ers­ten Struk­tur­wan­dels der Öffent­lich­keit: „[…] der Jour­na­lis­mus in den Mas­sen­me­di­en hat auch sei­ne den Ton ange­ben­de (Mei­nungs­te­nor) wie den Dar­stel­lungs­stil (Spra­che; bild­li­che Dar­stel­lungs­for­men; For­men der Kri­tik etc.) prä­gen­de Funk­ti­on ver­lo­ren“ (Jar­ren 2019b, S. 353).

Der neue, digi­ta­le Gate­kee­per nennt sich Algo­rith­mus. Im Gegen­satz zu jour­na­lis­ti­schen Ansprü­chen für Rele­vanz in publi­zis­ti­schen Medi­en liegt hier der Anspruch bei der Indi­vi­dua­li­sie­rung und dem Kon­sti­tu­ie­ren einer eige­nen, klei­nen Öffent­lich­keit. Durch unge­fil­ter­te Kom­mu­ni­ka­ti­on und Aner­ken­nung die­ser durch ein auf­ge­bau­tes Netz­werk ist es mir als Nut­ze­rin sogar mög­lich, über mein Netz­werk hin­aus die neue all­ge­mei­ne Öffent­lich­keit zu errei­chen und, im bes­ten Fall, die Erwar­tun­gen ande­rer Akteur*innen an sie mit mei­ner Kom­mu­ni­ka­ti­on zu bestä­ti­gen und die Platt­for­men insti­tu­tio­nell zu bestärken.

Nach Kat­zen­bach sind auch wäh­rend des zwei­ten Struk­tur­wan­dels der Öffent­lich­keit, in dem wir uns zur Zeit befin­den, die bestehen­den Ebe­nen der Insti­tu­tio­na­li­sie­rung ein Indiz dafür, dass sich Ord­nungs– und Wand­lungs­pro­zes­se, wie wir sie in der Neu­aus­rich­tung des Medi­en­sys­tems erle­ben, durch ganz unter­schied­li­che Mecha­nis­men und an ver­schie­de­nen Orten abspie­len. Mit­hil­fe die­ser insti­tu­ti­ons­theo­re­ti­sche Basis las­se sich eine Dop­pel­be­we­gung wech­sel­sei­ti­ger Insti­tu­tio­na­li­sie­rung beschrei­ben. Platt­for­men re– insti­tu­tio­na­li­sie­ren durch ihre neu­en For­men die Öffent­lich­keit, wäh­rend die­se gleich­zei­tig von Öffent­lich­keit, Poli­tik oder den Nutzer*innen insti­tu­tio­nell gestal­tet wird (vgl. Kat­zen­bach 2020, S. 5f.).

Ein Schritt in Rich­tung Re-Insti­tu­tio­na­li­sie­rung publi­zis­ti­scher Medien

Denn auch, wenn sich die Sozia­len Medi­en zunächst als kul­tu­rell und poli­tisch unab­hän­gig eta­bliert und die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wei­se und ‑regu­lie­rung der tra­di­tio­nel­len Medi­en durch die Ein­rich­tung eige­ner Kom­mu­ni­ka­ti­ons­struk­tu­ren und ‑richt­li­ni­en abge­lehnt haben, so wäre es für die Insti­tu­tio­nen Jour­na­lis­mus und Poli­tik ver­mut­lich fatal, die­se nicht wahr­zu­neh­men. Nied­ri­ge Ein­tritts­bar­rie­ren in einen gesell­schaft­li­chen Dia­log mit der neu­en Öffent­lich­keit, wie sie die Platt­for­men bie­ten (vgl. Jar­ren 2019, S. 172), kön­nen, und dafür plä­die­re ich, den ers­ten wich­ti­gen Schritt in der Re-Insti­tu­tio­na­li­sie­rung von publi­zis­ti­schen Medi­en und jour­na­lis­ti­schen Ansprü­chen dar­stel­len. Der Struk­tur­wan­del gesell­schaft­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on ist noch nicht voll­endet, eine voll­kom­me­ne Inte­gra­ti­on der Platt­for­men in die Gesell­schaft und die Poli­tik steht noch aus (vgl. Kat­zen­bach 2020, S. 12). Jar­ren führt zum Pro­zess der Insti­tu­tio­na­li­sie­rung der Öffent­lich­keit aus: „Hori­zon­tal wie ver­ti­kal dif­fe­ren­ziert sich das Inter­me­diä­re Sys­tem der Gesell­schaft wie auch die Öffent­lich­keit aus. Für die­sen Dif­fe­ren­zie­rungs­pro­zess sind Social-Media-Platt­for­men rele­vant, weil sie zahl­rei­che Mög­lich­kei­ten für die Inter­es­sen­ar­ti­ku­la­ti­on Ein­zel­ner wie Grup­pen oder Orga­ni­sa­tio­nen ermög­li­chen. Zudem kön­nen Social Media sowohl fle­xi­bel genutzt (Medi­en­nut­zung) wie auch benutzt wer­den (Medi­en­ge­brauch). Damit ent­ste­hen für Ein­zel­ne wie Orga­ni­sa­tio­nen neue For­men von Teil­ha­be, Teil­nah­me, Mit­glied­schaft wie der sons­ti­gen Inklu­si­on.“ (Jar­ren 2019b, S. 360)

Wie der Beginn einer Imple­men­tie­rung von poli­ti­schen The­men in den Sozia­len Medi­en aus­se­hen kann, zei­gen bereits Twit­ter-Accounts von Politiker*innen und Par­tei­en, offi­zi­el­le Accounts mas­sen­me­di­al rele­van­ter Nach­rich­ten­agen­tu­ren oder auch ein­zel­ne Nutzer*innen der Platt­for­men wie bei­spiels­wei­se Blogger*innen, die ihre Stim­me erhe­ben und die für ihre Öffent­lich­keit rele­van­ten The­men kom­mu­ni­zie­ren kön­nen. Poli­tisch moti­vier­te Blogger*innen schaf­fen hier bereits eine Schnitt­stel­le zwi­schen einem gewis­sen Rezipient*innen-Anspruch an zuver­läs­si­ge und jour­na­lis­tisch geprüf­te Infor­ma­tio­nen und dem Adap­tie­ren der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­struk­tu­ren der neu­en Inter­me­diä­re. Ist das poli­ti­sche Inter­es­se und der Anspruch an eine jour­na­lis­tisch Auf­be­rei­tung erst ein­mal in einer Tei­löf­fent­lich­keit geweckt, fließt es in den Pro­zess des struk­tu­rel­len Wan­dels von Kom­mu­ni­ka­ti­on mit ein, beein­flusst gegen­sei­tig Platt­for­men und Öffent­lich­keit, schürt Erwar­tun­gen und kon­sti­tu­iert publi­zis­ti­sche Medi­en erneut. Die Öffent­lich­keit, die sich zunächst als ein Akteur im tra­di­tio­nel­len Medi­en­sys­tem füg­te, insti­tu­tio­na­li­siert und durch Aus­rich­tung an kol­lek­ti­ven Ent­schei­dun­gen und Erwar­tun­gen ange­passt wur­de, ist von den neu­en Platt­for­men abhän­gig, die wie­der­um von der Öffent­lich­keit und ihren Akteur*innen abhän­gen. Ein Kreis­lauf, in den es in den nächs­ten Jah­ren gilt, ein gesell­schafts­re­le­van­tes The­ma wie poli­ti­sche Akteu­re und Debat­ten einzuschleusen.

Insti­tu­tio­nel­ler Wan­del der Medienregulierungen

So fle­xi­bel wie die Inte­gra­ti­on von Poli­tik in die Sozia­len Medi­en noch erschei­nen mag, so fle­xi­bel soll­ten in Zukunft aber auch, so for­dern eben­falls Bros­da und Schulz, vor allem um den neu­en Erwar­tun­gen der Öffent­lich­keit an (poli­ti­sche und kul­tu­rel­le) Kom­mu­ni­ka­ti­on gerecht zu wer­den, die Auf­ga­ben­be­rei­che der publi­zis­ti­schen, öffent­lich-recht­li­chen Medi­en gestal­tet und Hand­lungs­be­rei­che aus­ge­wei­tet wer­den. Das ver­nach­läs­si­gen der jour­na­lis­ti­schen Bril­le und ihrer Fil­ter­funk­ti­on im Inter­net zu Beginn der Aus­dif­fe­ren­zie­rung der Medi­en zieht die Ver­än­de­rung der regu­la­ti­ven Ebe­ne mit sich.

Kön­nen Pres­se­recht und Staats­ver­trä­ge den öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk regeln, sind es nach Kat­zen­bach vor allem Com­mu­ni­ty Gui­de­li­nes und AGBs, die die viel­sei­ti­ge Kom­mu­ni­ka­ti­on der Nutzer*innen auf den Platt­for­men bestim­men. Sind es letzt­end­lich die­se infor­mel­len Regeln, die die Platt­for­men stel­len und selbst als einen Fil­ter für die Art und Wei­se der Kom­mu­ni­ka­ti­on set­zen, ist es doch das ein­fa­che dar­über hin­weg Scrol­len durch Nutzer*innen, was Kat­zen­bach sowie Bros­da und Schulz kri­tisch anmer­ken, aber gleich­zei­tig die infor­mel­le Eigen­schaft der neu­en Platt­for­men aus­ma­chen. Medi­en­po­li­tik wie sie der­zeit bestün­de, müs­se sich unter Berück­sich­ti­gung der neu­en Platt­for­men, ihrer indi­vi­du­el­len Regu­la­ri­en und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­we­ge auf eine erheb­lich aus­ge­wei­te­te Zahl von Sta­ke­hol­dern aus­rich­ten, um dis­kursfä­hig zu sein (vgl. Bros­da & Schulz 2020).

Das Beför­dern der Nutzer*innen zu rele­van­ten Kommunikationsakteur*innen im poli­ti­schen Dis­kurs, die durch tech­no­lo­gi­sche Infra­struk­tu­ren eige­ne Inter­es­sen tei­len, sich mit Gleich­ge­sinn­ten ver­net­zen und eine eige­nen Öffent­lich­keit schaf­fen kön­nen, füh­ren im Ide­al­fall zu einem hohen Gemein­schafts­ge­fühl, das es auch für Bros­da und Schulz gilt, im Sin­ne des Jour­na­lis­mus und der publi­zis­ti­schen Medi­en, trotz der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­flut im Inter­net, bei­zu­be­hal­ten. Im struk­tu­rel­len Wan­del, in dem wir uns befin­den, könn­te eine Inte­gra­ti­on die­ser Kommunikationsakteur*innen in den Pro­zess der Medi­en­re­gu­lie­rung als kon­sti­tu­ie­ren­des Mit­glied in Kom­bi­na­ti­on mit der fort­füh­ren­den Bin­dung der Inter­me­diä­re an die Grund­rech­te ent­schei­dend sein.

Plä­doy­er für eine Re-Insti­tu­tio­na­li­sie­rung der tra­di­tio­nel­len publi­zis­ti­schen Medien

Maria Löb­lich betont noch ein­mal das Wis­sen, wel­ches Akteur*innen über die Bedin­gun­gen ihres Han­delns haben. Sie spei­chern es in ihren Regeln und Rou­ti­nen. Legi­ti­mier­te Insti­tu­tio­nen, in denen Hand­lungs­mus­ter eta­bliert sind, wür­den, im Sin­ne des Neo– Insti­tu­tio­na­lis­mus, so lan­ge nicht in Fra­ge gestellt wer­den, bis eine Unter­bre­chung die übli­chen Hand­lun­gen der Akteur*innen stoppt und ein Pro­zess des sozia­len Wan­dels statt­fin­det. Hier wür­den Insti­tu­tio­nen reor­ga­ni­siert und müss­ten ihre Legi­ti­ma­ti­on erneut begrün­den und erar­bei­ten (vgl. Löb­lich 2017, S. 433). Ver­än­der­te Nut­zungs­for­men im Medi­en­be­reich, wie bei der Insti­tu­tio­na­li­sie­rung der neu­en Inter­me­diä­re und im vor­an­schrei­ten­den Struk­tur­wan­del der gesell­schaft­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on, wür­den in die­sem Fal­le die publi­zis­ti­schen Medi­en dazu ver­an­las­sen, ihre Daseins­be­rech­ti­gung als Insti­tu­ti­on auf die Pro­be zu stel­len. Im vor­lie­gen­den Essay wird vor allem die Ver­ant­wor­tung sowie die Beein­flus­sun­gen der Platt­for­men betont, doch ohne Öffent­lich­keit, ohne jeden ein­zel­nen Nut­zer und jede ein­zel­ne Nut­ze­rin gäbe es die neue media­le Öffent­lich­keit nicht. Viel­leicht liegt es jetzt in der Ver­ant­wor­tung der Rezipient*innen, die Ansprü­che an die For­mu­lie­rung von Nach­rich­ten in den Sozia­len Medi­en zu über­den­ken, zurück zu keh­ren zu den Ansprü­chen an wah­re Aus­sa­gen und fun­dier­te Infor­ma­tio­nen, an eine ange­mes­se­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on und somit den Pro­zess des gesell­schaft­li­chen, insti­tu­tio­nel­len Wan­dels, als wesent­li­cher Bestand­teil des­sen, in eine anspruchs­vol­le Rich­tung zu len­ken. Eine Re– Insti­tu­tio­na­li­sie­rung der publi­zis­ti­schen Medi­en durch die moder­ne Gesell­schaft in ihrer Rol­le als glo­ba­le Kommunikationsgesellschaft.

Über die Autorin

Adi­na Eggert stu­diert Kom­mu­ni­ka­tions­man­age­ment und über­zeugt mit ihrem sehr per­sön­lich gehal­te­nen Essay. Stu­die­ren­de des Mas­ter­stu­di­en­gangs Kom­mu­ni­ka­tions­man­age­ment argu­men­tie­ren im Ergeb­nis die­ses Semi­nars sorg­fäl­tig und stel­len fun­dier­te Über­le­gun­gen an: Wie kann ein öffent­lich-recht­li­cher Rund­funk gestal­tet wer­den? Wel­che Mög­lich­kei­ten gibt es, Medi­en­zu­kunft ange­sichts zuneh­men­der Ver­schie­bun­gen der Medi­en­nut­zung zu den­ken? Wel­che Rol­le spie­len Plattformen?

Und sie schrei­ben Essays – ein eher unge­wöhn­li­ches For­mat im Stu­di­um. Im Regel­fall wer­den eher wis­sen­schaft­li­che Haus­ar­bei­ten ver­fasst. Das Expe­ri­ment, die Autorin­nen und Autoren auf einen Essay zu ver­pflich­ten, ist erfolg­reich – und bringt erstaun­li­che Ergeb­nis­se, die hier geteilt wer­den. Vier Arbei­ten errei­chen im Rah­men der Begut­ach­tung eine 1,0 – und wer­den geteilt. Prä­di­kat: Lesenswert!

Lite­ra­tur zum Essay

Bros­da, Cars­ten; Schulz, Wolf­gang (2020): Wir brau­chen eine neue Medi­en­po­li­tik. Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zeitung

Ehrin­ger, Wolf­gang (2019): Stra­te­gi­sches Manage­ment und Neo-Insti­tu­tio­na­lis­mus – Legi­ti­mi­tät als Quel­le für­un­ter­neh­me­ri­sche Wett­be­werbs­vor­tei­le. Wies­ba­den: Sprin­ger Gabler

Flo­ri­an, Micha­el (2008a): Fel­der und Insti­tu­tio­nen. Der sozio­lo­gi­sche Neo-Insti­tu­tio­na­lis­mus und die Per­spek­ti­ven einer­pra­xis­theo­re­ti­schen Insti­tu­tio­nen­ana­ly­se. Ber­li­ner Jour­nal für Sozio­lo­gie 18: 1:129–155

Flo­ri­an, Micha­el (2008b): Öko­no­mi­sche Insti­tu­tio­nen als sozia­le Pra­xis: Der Bei­trag von Pierre Bour­dieu zur „neuen“Wirtschaftssoziologie. Leip­zig: Gesis

Haber­mas, Jür­gen (2006): Poli­ti­cal Com­mu­ni­ca­ti­on in Media Socie­ty: Does Demo­cra­cy Still Enjoy an Epis­temic Dimen­si­on? The Impact of Nor­ma­ti­ve Theo­ry on Empi­ri­cal Rese­arch. Com­mu­ni­ca­ti­on Theo­ry16(4), 411–426.

Jar­ren, Otfried (2019): Fun­da­men­ta­le Insti­tu­tio­na­li­sie­rung: Social Media als neue glo­ba­le­Kom­mu­ni­ka­ti­ons­in­fra­struk­tur. Publi­zis­tik: 64 S. 163–179

Jar­ren, Otfried (2019b): Medi­en– und Öffent­lich­keits­wan­del durch Social Media als gesell­schaft­li­che   Her­aus­for­de­rung   wie   als   For­schungs­feld.    In    M. Eisen­eg­ger,    L.    Udris    &    P.     Ettin­ger     (Hg.),     Wan­del     der Öffent­lich­keit und der Gesell­schaft: Gedenk­schrift für Kurt Imhof (S. 349–406).Wiesbaden: Sprin­ger VS

Kat­zen­bach, Chris­ti­an (2020): Die Öffent­lich­keit der Platt­for­men: Wech­sel­sei­ti­ge (Re-)Institutionalisierung von­Öf­fent­lich­keit und Platt­for­men. Wies­ba­den: VS Verlag

Kops, Man­fred (2014): Die Medi­en in Deutsch­land zwi­schen Markt, Staat und Zivil­ge­sell­schaft. Eine Lang­zeit­be­trach­tung für die Jah­re zwi­schen 1950 und 2020. Köln: Insti­tut für Rundfunkökonomie

Löb­lich, Maria (2017): Legi­ti­mi­tät in der Medi­en­po­li­tik: Eine struk­tu­ra­ti­ons­theo­re­ti­sche und neo-insti­tu­tio­na­lis­ti­sche Per­spek­ti­ve. In Publi­zis­tik 62:425–443 Wies­ba­den: Sprin­ger Fachmedien

Saxer, U. (1999): Der For­schungs­ge­gen­stand der Medi­en­wis­sen­schaft. In J.-F. Leo­nard, H.-W. Lud­wig, H.-W. Schwar­ze & E. Strass­ner (Hrsg.), Medi­en­wis­sen­schaft – ein Hand­buch zur Ent­wick­lung der­Me­di­en und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men. 1. Teil­band (S. 1–14). Ber­lin: De Gruyter

Stark, B. & Magin, M. (2019): Neu­er Struk­tur­wan­del der Öffent­lich­keit durch Infor­ma­ti­ons­in­ter­me­diä­re – Wie­Face­book, Goog­le & Co. die Medi­en und den Jour­na­lis­mus ver­än­dern. In M. Eisen­eg­ger, L. Udris & P. Ettin­ger (Hg.), Wan­del der Öffent­lich­keit und der Gesell­schaft: Gedenk­schrift für Kurt Imhof _​(S. 377–406).Wiesbaden: Sprin­ger VS

Tad­di­cken, Moni­ka; Schmidt, Jan-Hin­rik (2017): Ent­wick­lung und Ver­brei­tung sozia­ler Medi­en. In Jan-Hin­rik Schmidt & Moni­ka Tad­di­cken (Hrsg.), Hand­buch Sozia­le Medi­en. Wies­ba­den: Sprin­ger Fach­me­di­en, S. 3–22

Im Dia­log mit der Ver­gan­gen­heit – der Öffent­lich­keits­be­griff. Autorin: Chris­ti­na Wicke.

Das drit­te von ins­ge­samt vier Essays, die sich damit aus­ein­an­der­set­zen, wie die Zukunft von Mas­sen­me­di­en und Sozia­len Medi­en auch poli­tisch ver­ant­wort­lich gestal­tet wer­den kön­nen. Chris­ti­na Wicke nimmt den vor allem durch die Tech­no­lo­gie stark beschleu­nig­ten Struk­tur­wan­del der Öffent­lich­keit in den Blick. Hier­für lädt sie die Lese­rin­nen und Leser ein, eine kom­ple­xe The­ma­tik tie­fer zu durch­drin­gen. His­to­ri­sche Brü­cken­schlä­ge und eine fei­ne Meta­pho­rik run­den ihre Argu­men­ta­ti­on ab und geben Ori­en­tie­rung in einer von Unge­wiss­heit gepräg­ten Lage:

Struk­tur­wan­del der Öffent­lich­keit – Chan­ce oder Kri­se für die Demokratie?

Öffent­lich­keit gilt als die Wie­ge unse­rer Demo­kra­tie – und sie geht uns ver­lo­ren. So könn­te man zumin­dest aktu­ell pes­si­mis­tisch argu­men­tie­ren. Ob es wirk­lich so weit kommt ver­mag zum aktu­el­len Zeit­punkt wohl nie­mand zu sagen, sicher ist jedoch, dass sich die Öffent­lich­keit ver­än­dert. Schon Anfang der 1960er Jah­re hat Jür­gen Haber­mas einen ers­ten Struk­tur­wan­del der Öffent­lich­keit beschrie­ben, nun spre­chen Wis­sen­schaft­ler von einem erneu­ten Wandel. 

Auf den ers­ten Blick könn­te man mei­nen, die Digi­ta­li­sie­rung und die damit ver­bun­de­nen neu­en Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mög­lich­kei­ten hät­ten die Welt zu einer bes­se­ren gemacht – jeder kann sagen was er will, wann er will und wo er will. Nicht weni­ge Wis­sen­schaft­ler bekla­gen jedoch eine dar­aus resul­tie­ren­de Frag­men­tie­rung der Öffent­lich­keit und ein schie­res Über­an­ge­bot an Informationen.

Zu beob­ach­ten ist dies auch an der aktu­el­len Coro­na-Pan­de­mie – die Mei­nun­gen über die Kri­sen­po­li­tik der Regie­rung gehen stark aus­ein­an­der und wer­den eben­so stark im Netz dis­ku­tiert – mit teil­wei­se direk­ten Aus­wir­kun­gen auf anste­hen­de Ent­schei­dun­gen. Sel­ten hat jedoch ein The­ma die Ansich­ten in der Bun­des­re­pu­blik so sehr gespal­ten wie die Coro­na-Poli­tik. Die Fra­ge, die sich vor die­sem Hin­ter­grund stellt, ist nun also, ob ein erneu­ter Struk­tur­wan­del der Öffent­lich­keit Chan­cen für eine demo­kra­ti­sche­re Form von Öffent­lich­keit bie­tet – oder ob er die Demo­kra­tie in die Kri­se stürzt.

Demo­kra­tie und Öffentlichkeit

Auch – oder gera­de – bei der Betrach­tung aktu­el­ler Pro­blem­stel­lun­gen kann es sinn­haft sein einen Blick in die Ver­gan­gen­heit zu wer­fen. Denn im demo­kra­ti­schen Pro­zess spielt Öffent­lich­keit schon immer eine wich­ti­ge Rol­le. Man kommt nicht umhin sie als Bedin­gung der Demo­kra­tie zu bezeich­nen – denn nicht zuletzt war sie die zen­tra­le For­de­rung der Auf­klä­rung gegen­über der Staats­ge­walt und wird bis heu­te als Schlüs­sel­ter­mi­nus der moder­nen Staats, Staats­rechts und Gesell­schafts­theo­rie ange­se­hen (Imhof, 2003). Schon Jere­my Bent­ham bezeich­net Öffent­lich­keit als das uni­ver­sa­le Mit­tel gegen Macht­miss­brauch, das eine Regie­rung dazu zwin­gen kön­ne, sich zu recht­fer­ti­gen (Spli­chal, 2017).

Sicher­lich war der Öffent­lich­keits­be­griff im Lau­fe der Zeit einem gewis­sen Wan­del unter­wor­fen, Öffent­lich­keit und Demo­kra­tie zie­hen sich jedoch untrenn­bar mit­ein­an­der ver­bun­den durch die Zeit­ge­schich­te (vgl ebd.).

Die­sen Wan­del sicher­lich am pro­mi­nen­tes­ten beschrie­ben hat Jür­gen Haber­mas (Haber­mas, 1990, 1962) – und auch wenn sein Ver­ständ­nis von Öffent­lich­keit in der Rea­li­tät wohl schwer­lich umzu­set­zen ist (und er dafür über die Jah­re berech­tig­te Kri­tik ein­ste­cken muss­te), so ist es doch sinn­voll, für die Betrach­tung gera­de genann­ter Fra­ge­stel­lung den Haber­ma­schen Öffent­lich­keits­be­griff als erstre­bens­wer­tes Ide­al anzu­se­hen. Denn trotz der Tat­sa­che, dass Haber­mas sei­ne Gedan­ken vor fast 60 Jah­ren nie­der­ge­schrie­ben hat, sind sie noch immer fast zeit­los aktu­ell (Deutsch­land­funk Kul­tur, 2019; SRF, 2012). Vor dem Hin­ter­grund der Digi­ta­li­sie­rung und den damit ver­bun­de­nen neu­en Mög­lich­kei­ten stellt sich zur Zeit viel­mehr die Fra­ge, ob wir dem öffent­li­chen Dis­kurs wie Haber­mas ihn begreift nicht näher sind, als wir es je zuvor waren – denn nicht weni­ge Autoren bezeich­nen Social Media Ange­bo­te als die Kaf­fee­häu­ser der digi­ta­len Ära (Krü­ger, 2019; Wei­chert, 2011).

Mit dem Haber­ma­schen‘ Öffent­lich­keits­be­griff muss auto­ma­tisch auch die Vor­stel­lung von Plu­ra­li­tät und einem deli­be­ra­ti­ven Kon­zept von Demo­kra­tie ein­her­ge­hen (Goe­rtz, 2015, S. 22). Vor der aktu­el­len Legi­ti­ma­ti­ons­kri­se der Poli­tik (Wall­ner, 2018, S. 56) eine sicher­lich nicht unbe­rech­tig­te Vor­stel­lung – als ganz­heit­li­ches Kon­zept in der Rea­li­tät jedoch genau­so schwer umzu­set­zen, wie Haber­mas Ide­al von Öffent­lich­keit selbst. Er selbst räumt ein, dass deli­be­ra­ti­ve Model­le in klei­ne­ren Krei­sen nach­weis­bar pro­duk­ti­ve Erträ­ge brin­gen, für so gro­ße Sys­te­me wie eine Bun­des­re­pu­blik jedoch völ­lig unge­eig­net sind (Haber­mas, 2006). Nun könn­te man die Vor­stel­lung einer deli­be­ra­ti­ven Demo­kra­tie­form schnell als Uto­pie abtun – oder sich die Fra­ge stel­len, wel­chen Bei­trag das digi­ta­le Zeit­al­ter für eine demo­kra­ti­sche­re Zukunft leis­ten kann. Dafür müs­sen die fol­gen­den Aspek­te betrach­tet werden:

- kön­nen sozia­le Netz­wer­ke die Funk­ti­on von öffent­li­chen Räu­men erfüllen?

- wel­chen Bei­trag zu einer demo­kra­ti­sche­ren Gemein­schaft kann Par­ti­zi­pa­ti­on leisten?

- wie kann eine funk­tio­nie­ren­de Exis­tenz des Medi­en­sys­tems gesi­chert werden?

Das Inter­net als dis­kur­si­ver Raum

Vie­le kri­ti­sche Theo­re­ti­ker (ein­schließ­lich Haber­mas selbst) sind der Mei­nung, das Inter­net kön­ne (noch) nicht als öffent­li­cher Raum gewer­tet wer­den (Deutsch­land­funk Kul­tur, 2019; Haber­mas, 2006; SRF, 2012). Folgt man der Argu­men­ta­ti­on Haber­mas‘, dass Öffent­lich­keit dort ent­steht, wo mün­di­ge Bür­ger mit­ein­an­der dis­ku­tie­ren und öffent­li­che Grün­de aus­tau­schen, dann haben sie ver­mut­lich Recht. Vie­les, was im Netz geschieht hat wenig bis gar nichts mit dem Aus­tausch von Grün­den zu tun – zumin­dest nicht mit dem Aus­tausch öffent­li­cher Gründe.

Natür­lich kann auch man argu­men­tie­ren, dass auf Platt­for­men wie Insta­gram ledig­lich Bil­der aus­ge­tauscht wer­den und kei­ne Argu­men­te oder ein Tweet mit sei­nen 280 Zei­chen Platz kei­nen Raum für „ech­te“ Grün­de bie­tet (Deutsch­land­funk Kul­tur, 2019). Doch die­se Sicht wird der Sach­la­ge nicht ganz gerecht.

Wie anders wäre es zu erklä­ren, dass ein blau­haa­ri­ger jun­ger Mann eine gan­ze Par­tei mit nur einem Video in Erklä­rungs­nö­te brin­gen kann und auch eta­blier­te Talk­run­den dazu bringt, sich mit sei­nen in einem You­tube-Video ver­öf­fent­lich­ten The­sen zu befas­sen (Bre­her, 2021; Dell, 2019; N‑tv Nach­rich­ten, 2019)?

Ein ähn­li­ches Bei­spiel gibt es auch aus jüngs­ter Zeit, wenn auch weni­ger medi­en­wirk­sam: Die Sat.1‑Moderatorin Mar­le­ne Lufen bekam von ihrem Sen­der eine Son­der­sen­dung zum Coro­na-Lock­down, nach­dem ein pri­va­tes Video zu die­sem The­ma auf ihrem Insta­gram-Kanal fast 11 Mil­lio­nen mal ange­schaut wor­den war (Mati­so­witsch, 2021). Zusätz­lich ent­stand auch auf Twit­ter eine Dis­kus­si­on über ihr Video (Twit­ter, 2021) – zwar mit einer begrenz­ten Anzahl von Zei­chen, jedoch – zumin­dest in mei­nen Augen – ein Aus­tausch von Argumenten.

Selbst­ver­ständ­lich kann man nicht davon aus­ge­hen, dass ein sol­cher Aus­tausch der Regel­fall ist und Nut­zer durch ihren Aus­tausch zum Gemein­wohl bei­tra­gen. In den genann­ten Fäl­len müs­sen jedoch wohl auch die kri­tisch­ten aller Theo­re­ti­ker aner­ken­nen, dass sich um die unkon­trol­lier­ten State­ments (Deutsch­land­funk Kul­tur, 2019), die die­se Vide­os ursprüng­lich waren, eine Dis­kus­si­on ent­spon­nen hat, die sich sowohl zwi­schen Inter­net­nut­zern, aber auch im Dis­kurs der klas­si­schen Medi­en abge­spielt hat. Auch Hash­tags wie #metoo oder #black­live­s­mat­ter haben Bewe­gun­gen mit einer welt­wei­ten Rele­vanz her­vor­ge­bracht – und sie begren­zen sich ledig­lich auf einen Hashtag.

Inter­es­sant ist in die­sem Zusam­men­hang auch die Ent­wick­lung neu­er Mög­lich­kei­ten wie zuletzt der App Club­house, deren Prin­zip einer digi­ta­len Podi­ums­dis­kus­si­on gleicht – aktu­ell wahr­schein­lich die digi­ta­le Form, die einem Aus­tausch von Grün­den im Ver­ständ­nis der kri­ti­schen Theo­rie am nächs­ten kommt. Denn noch gibt es für die Akteu­re dort kei­ne Mög­lich­keit Inhal­te zu mone­ta­ri­sie­ren – die App ist jedoch auch nur für einen aus­ge­wähl­ten Kreis an Zuhö­rern zugäng­lich (Wolcken­haar, 2021).

Die­se Bei­spie­le bedeu­ten nicht, dass jede Kom­mu­ni­ka­ti­on im Inter­net – sofern man denn in man­chen Fäl­len über­haupt davon spre­chen kann – auch gleich der Aus­tausch von Argu­men­ten sein muss, jedoch kön­nen auch im Netz Kom­mu­ni­ka­ti­ons­räu­me ent­ste­hen, in denen ansatz­wei­se eine Art Dis­kurs ent­ste­hen kann (SRF, 2012) (die Beto­nung liegt hier jedoch aus­drück­lich auf kann). Man könn­te sol­che Räu­me im Netz als „vor­po­li­tisch“ (Wall­ner, 2018, S. 58) bezeich­nen, die die „authentische[n] Reprä­sen­tanz von Bür­ger­wil­len“ ermög­li­chen (Vgl. ebd.).

Par­ti­zi­pa­ti­on

Argu­men­tiert man ent­spre­chend wei­ter, müss­te die Fra­ge eigent­lich nicht mehr lau­ten, wel­che Chan­cen ein erneu­ter Struk­tur­wan­del der Öffent­lich­keit (Bros­da, 2013; Stark & Magin, 2019, S. 379) bringt, son­dern eher, wie wir sie nut­zen kön­nen. Aber auch das wäre zu kurz gegriffen.

Opti­mis­ten wür­den wohl sagen, die Digi­ta­li­sie­rung brin­ge ganz neue For­men von Teil­ha­be mit sich und schaf­fe eine nie dage­we­se­ne demo­kra­ti­sche Form – eben dem Haber­ma­schen Ide­al sehr nahe. Denn die Vor­tei­le lie­gen auf der Hand: gerin­ge Ein­tritts­bar­rie­ren, schnel­le Rück­ka­nä­le, Inter­ak­ti­on mit Poli­ti­kern, die sonst uner­reich­bar wären…Jeder kann sei­ne Mei­nung äußern und so zum poli­ti­schen Pro­zess beitragen. 

Auf den ers­ten Blick mag dies wie die Lösung all unse­rer Pro­ble­me klin­gen, ist an die­ser Stel­le aber lei­der zu kurz gegrif­fen. Denn es müs­sen auch die Risi­ken betrach­tet – und sich damit ver­bun­den die Fra­ge gestellt wer­den, ob nicht der durch die­se Mög­lich­kei­ten ent­ste­hen­de Infor­ma­ti­ons­über­fluss für die Demo­kra­tie eher abträg­lich ist (Bros­da & Schulz, 2020). Denn es besteht die Gefahr, dass sich der von Haber­mas erhoff­te Plu­ra­lis­mus in Frag­men­tie­rung wan­delt. Manch einer geht sogar so weit zu sagen, es sei schon zu spät, die Öffent­lich­keit als Spie­gel der Demo­kra­tie sei zer­bro­chen (Deutsch­land­funk Nova, 2020).

Par­ti­zi­pa­ti­on kann (und auch hier liegt die Beto­nung wie­der aus­drück­lich auf kann) einen Bei­trag zu einer demo­kra­ti­sche­ren Gesell­schaft leis­ten, wenn wir ler­nen, sie rich­tig zu nut­zen. Wenn wir rich­tig damit umge­hen, eröff­nen sich neue Per­spek­ti­ven für die Zukunft, die tat­säch­lich zu einer demo­kra­ti­sche­ren Gesell­schaft füh­ren könn­ten (Bros­da, 2013). So könn­te die Betei­li­gung von Bür­gern als Gegen­pol zu ver­mach­te­ten und öko­no­mi­sier­ten Medi­en gese­hen wer­den – und bil­det einen Raum für freie Dis­kus­si­on, in der durch den zwang­lo­sen Zwang des bes­se­ren Argu­ments die best­mög­li­chen Ent­schei­dun­gen gefun­den wer­den kön­nen (Krü­ger, 2019). Vor­aus­ge­setzt man unter­stellt den betei­lig­ten Akteu­ren im Inter­es­se des Gemein­wohls und nicht in ihrem pri­va­ten Inter­es­se zu argu­men­tie­ren. Denn auch wenn sich im Netz bereits ähn­li­che Mus­ter zei­gen wie in der rea­len Gesell­schaft, bei­spiels­wei­se dass eini­ge Nut­zer ihre Mei­nung wirk­mäch­ti­ger äußern als ande­re (Kut­scher, 2016) oder sich erfah­rungs­ge­mäß nur die­je­ni­gen poli­tisch betei­li­gen, die sich auch außer­halb digi­ta­ler Mög­lich­kei­ten bereits poli­tisch enga­giert haben (DJI/​ TU Dort­mund, 2011), zei­gen sich auch immer wie­der Bei­spie­le von Gegen­öf­fent­lich­kei­ten (Fili­po­vic, 2019), die im Netz ent­stan­den sind und die Poli­tik erheb­lich unter Druck set­zen (Wall­ner, 2018, S. 72).

Die Öko­no­mi­sie­rung der Medienlandschaft

Vor­aus­set­zung dafür, dass Bür­ger im Netz durch den Aus­tausch von Argu­men­ten über­haupt einen Bei­trag zur Demo­kra­tie leis­ten kön­nen, sind jedoch Rah­men­be­din­gun­gen, die einen aus­ge­gli­che­nen Dis­kurs sichern. Die­se müs­sen geschaf­fen wer­den. Denn eine kri­ti­sche Öffent­lich­keit kann nicht funk­tio­nie­ren, wenn den Bür­gern nur ein­sei­ti­ge Infor­ma­tio­nen zur Ver­fü­gung ste­hen – oder ein Algo­rith­mus ent­schei­det, wel­che Infor­ma­tio­nen ange­zeigt wer­den (Lobe, 2018).

In einer idea­len Vor­stel­lung dis­kur­si­ver Öffent­lich­keit haben mün­di­ge Bür­ger die Chan­ce mit­ein­an­der zu dis­ku­tie­ren und öffent­li­che Argu­men­te aus­zu­tau­schen – dies setzt jedoch vor­aus, dass alle Bür­ger die glei­che Infor­ma­ti­ons­grund­la­ge besit­zen, um sich eine Mei­nung zu bil­den. Die­se zu schaf­fen ist neben ihrer Kon­troll­funk­ti­on eigent­lich Auf­ga­be der Mas­sen­me­di­en (Jar­ren, 2008; Pötzsch, 2009; Spli­chal, 2017). Wie gut oder schlecht sie die­ser Auf­ga­be über die letz­ten Jah­re nach­ge­kom­men sind mag an die­ser Stel­le ein­mal dahin­ge­stellt bleiben.

Noch vor eini­gen Jah­ren wur­de der öffent­li­che Dis­kurs jedoch klar durch die klas­si­schen Medi­en und damit durch den Jour­na­lis­mus bestimmt (Bros­da, 2013). Dies ist heut­zu­ta­ge nicht mehr der Fall, das digi­ta­le Netz schluckt und inte­griert gleich­zei­tig alle bestehen­den Medi­en­for­ma­te – sowohl Fern­se­hen, Radio als auch Zei­tun­gen (Bros­da, 2013; Wei­chert, 2011). Plu­ra­li­tät und Unab­hän­gig­keit kön­nen schon seit Jah­ren nicht mehr als Maß­stä­be unse­res Medi­en­sys­tems ange­se­hen werden.

Zur Ursa­chen­for­schung lohnt sich auch hier wie­der ein Blick in die Ver­gan­gen­heit: Denn wäh­rend Kant und Bent­ham die Öffent­lich­keit noch als das Mit­tel gegen den Miss­brauch von Macht ansa­hen, erkann­ten Kri­ti­ker wie Karl Marx, Fer­di­nand Tön­nies oder Karl Bücher, dass auch die Pres­se nicht frei von hege­mo­nia­len Ein­flüs­sen ist (Spli­chal, 2017). Eine unab­hän­gi­ge Bericht­erstat­tung vor dem Hin­ter­grund pri­vat­wirt­schaft­li­cher Inter­es­sen erscheint nahe­zu unmög­lich – und die Digi­ta­li­sie­rung ver­stärkt die­sen Effekt noch. Das liegt zum einen dar­an, dass es kein hin­rei­chen­des Geschäfts­mo­dell mehr für Qua­li­täts­me­di­en gibt (Beck, 2018, S. 400), zum ande­ren an der Markt­macht ein­zel­ner Akteu­re (Faul­ha­ber, 2019).

Die aktu­el­le Zei­tungs­kri­se macht das Dilem­ma beson­ders deut­lich: durch den Auf­schwung digi­ta­ler Ange­bo­te ver­lie­ren die eta­blier­ten Medi­en ihre Finan­zie­rungs­grund­la­ge – Reich­wei­ten und Auf­la­gen sin­ken. Im Jahr 2020 wur­den rund 14% weni­ger Publi­kums­zeit­schrif­ten ver­kauft als noch zwei Jah­re zuvor (Vogel, 2020), bekann­te Tages­zei­tun­gen wie die Süd­deut­sche Zei­tung, die Frank­fur­ter All­ge­mei­ne oder auch die Bild Zei­tung ver­lie­ren ste­tig an Auf­la­ge (Schrö­der, 2020). Das bringt Medi­en­häu­ser in Bedräng­nis, die Kon­se­quenz sind Stel­len­strei­chun­gen, zusam­men­ge­leg­te Redak­tio­nen und „Ein­zei­tungs­krei­se“ (Beck, 2018). Plu­ra­li­tät und Mei­nungs­viel­falt? Fehl­an­zei­ge. Hin­zu kommt die enor­me Markt­macht ein­zel­ner Akteu­re: Netz­gi­gan­ten wie Face­book und Goog­le bestim­men die Spiel­re­geln am Markt, nicht weni­ge Medi­en­un­ter­neh­men haben kei­ne ande­re Wahl, als sich in eine völ­li­ge Abhän­gig­keit zu bege­ben – denn der Algo­rith­mus bestimmt, wel­che Arti­kel die Leser ange­zeigt bekom­men (Faul­ha­ber, 2019).

Hoff­nungs­lo­se Opti­mis­ten wür­den jetzt argu­men­tie­ren, dass die Digi­ta­li­sie­rung genau an die­ser Stel­le Chan­cen der Par­ti­zi­pa­ti­on auch für klei­ne Redak­tio­nen und Ein­zel­per­so­nen bie­tet – los­ge­löst von wirt­schaft­li­chen Ein­flüs­sen, in Regio­nen, in denen es kei­ne publi­zis­ti­schen Ein­hei­ten mehr gibt und auch The­men eine Stim­me gebend, über die sonst nie­mand berichtet.

Bis zu einem gewis­sen Grad mag das auch stim­men – um begrün­det dis­ku­tie­ren zu kön­nen, bräuch­te es jedoch eine gemein­sa­me Infor­ma­ti­ons­grund­la­ge – andern­falls ent­wi­ckelt sich die erhoff­te Plu­ra­li­tät in frag­men­tier­te Tei­löf­fent­lich­kei­ten und der Spie­gel der Öffent­lich­keit zerbricht.

Der Algo­rith­mus als Zer­stö­rer der Demokratie

Das Pro­blem der Inter­me­diä­re (oder wohl eher einer unab­hän­gi­gen demo­kra­ti­schen Mei­nungs­bil­dung) ist, dass die Geschäfts­mo­del­le von Face­book, Twit­ter & Co. rein wer­be­fi­nan­ziert sind und aus­schließ­lich der Pro­fit­ma­xi­mie­rung die­nen (Stark & Magin, 2019, S. 389). Rele­vanz wird nicht mehr anhand redak­tio­nel­ler Leit­wer­te und jour­na­lis­ti­scher Qua­li­täts­kri­te­ri­en gemes­sen, son­dern folgt der Logik des Algo­rith­mus (Stark & Magin, 2019, S. 377), die zum einen rela­tiv belie­big gestal­tet ist, zum ande­ren aber auch eine Art Black Box dar­stellt. Denn nur die Unter­neh­men selbst wis­sen, wie der Algo­rith­mus aus­wählt, was er aus­wählt (Lobe, 2018). Wäh­rend im Jour­na­lis­mus noch Nach­rich­ten­fak­to­ren als klas­si­sche Rele­vanz­be­grün­dung die­nen, bestimmt der Algo­rith­mus allein durch Popu­la­ri­tät beim Nut­zer (also ledig­lich durch einen ein­zi­gen Fak­tor!) über die Inhal­te des News­feed (Stark & Magin, 2019, S. 385). Dar­aus erge­ben sich mög­li­che Pro­ble­me für unse­re demo­kra­ti­sche Gesellschaft:

- Die Schwie­rig­keit des Ein­zel­nen, selbst­be­stimmt zu han­deln und sich zu infor­mie­ren und sich auf­grund des­sen eine umfas­sen­de Mei­nung zu bil­den (Mar­ti­ni, 2019)

- Statt­des­sen: Pola­ri­sie­rung von Mei­nun­gen und Frag­men­tie­rung von Öffentlichkeit

- Funk­ti­ons­fä­hig­keit des Markt­me­cha­nis­mus durch schwer angreif­ba­re oli­go­po­lis­ti­sche Markt­struk­tu­ren (Mar­ti­ni, 2019)

Die­se Pro­ble­me kön­nen nicht allein durch Par­ti­zi­pa­ti­on gelöst wer­den, Öffent­lich­keit allein reicht nicht aus (Des Freed­man, 2017) – Par­ti­zi­pa­ti­on kann und muss jedoch ihren Teil dazu bei­tra­gen, das Fort­be­stehen einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft zu sichern.

Was pas­sie­ren muss

Von der „Ret­tung der Demo­kra­tie“ zu spre­chen, wäre an die­ser Stel­le viel­leicht doch etwas zu hoch gegrif­fen – die Demo­kra­tie kann jedoch in eine ernst­haf­te Kri­se gera­ten, wenn wir uns die­sen erneu­ten Struk­tur­wan­del nicht bewusst machen – und dar­auf reagie­ren. Nicht nur in der Wis­sen­schaft, son­dern vor allem in der Gesellschaft.

Öffent­lich­keit muss als Raum gesi­chert blei­ben, in der ein Dis­kurs mög­lich ist (nicht als Raum, in dem zwin­gend bei jeder Art von Kom­mu­ni­ka­ti­on auch ein Dis­kurs statt­fin­den muss, auch das wäre uto­pisch). Um eine sta­bi­le Basis der Demo­kra­tie zu gewähr­leis­ten, braucht es des­we­gen wei­te­re Regu­lie­run­gen. Denn nur wenn die­se Basis gewähr­leis­tet ist, kann auch Par­ti­zi­pa­ti­on im Netz einen Bei­trag zu einer deli­be­ra­ti­ve­ren Form von Demo­kra­tie leis­ten – und hel­fen der aktu­el­len Legi­ti­ma­ti­ons­kri­se entgegenzuwirken.

Dem Jour­na­lis­mus fällt hier­bei die Auf­ga­be zu, die zer­bro­che­nen Tei­le des Spie­gels zusam­men­zu­hal­ten, sodass wei­ter­hin ein kom­plet­tes Bild erkenn­bar ist. Denn die Digi­ta­li­sie­rung und die damit ver­bun­de­nen neue Medi­en­for­men machen den Jour­na­lis­mus nicht obso­let, er wird viel­mehr wich­ti­ger denn je. Sei­ne Auf­ga­be wird wei­ter­hin dar­in bestehen, kri­tisch zu hin­ter­fra­gen und ein­zu­ord­nen – er muss sich jedoch mit neu­en Öffent­lich­kei­ten ver­net­zen und zu einer dis­kur­si­ve­ren Art von Jour­na­lis­mus wer­den (Bros­da, 2013). Nur so kann er neu­en Öffent­lich­kei­ten gerecht wer­den. Ob dies wei­ter­hin in Form klas­si­scher Redak­tio­nen pas­sie­ren wird bleibt abzu­war­ten. Mög­li­cher­wei­se wer­den sich in die­ser Hin­sicht in Zukunft wei­te­re Model­le ent­wi­ckeln, über die wir heu­te nur spe­ku­lie­ren. Eine Stu­die von For­schern im Auf­trag der Lan­des­an­stalt für Medi­en in Düs­sel­dorf hat bei­spiels­wei­se gezeigt, dass Men­schen durch­aus bereit sind, Geld für qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­gen Jour­na­lis­mus zu bezah­len – jedoch eher als Abo-Modell, wie es bei­spiels­wei­se Anbie­ter wie Net­flix oder Spo­ti­fy ver­tre­ten – auch dar­aus könn­ten sich Zukunfts­for­men für den Jour­na­lis­mus ent­wi­ckeln (Well­b­rock & Buschow, 2020).

In eine ähn­li­che Rich­tung den­ken auch Gos­tom­zyk et al.: Sie schla­gen ein fast schon revo­lu­tio­nä­res Kon­zept vor: näm­lich eine Koope­ra­ti­on zwi­schen öffentlci­hen und pri­va­ten Rund­funk­sen­dern. Eine enge­re Zusam­men­ar­beit bei Film­pro­duk­ti­on und Recher­che wür­de den eine Men­ge Geld spa­ren, die öffent­lich-recht­li­chen Sen­der könn­ten dann zu einer „unab­hän­gi­gen Digi­ta­l­agen­tur für Qua­li­täts­in­hal­te“ wer­den, indem sie in einer platt­form­ähn­li­chen Form auf ver­tie­fen­de oder wei­ter­füh­ren­de jour­na­lis­ti­sche Qua­li­täts­an­ge­bo­te der pri­va­ten Sen­der hin­wei­sen. Denn auf sich allein gestellt, sei kei­ne der bei­den Säu­len dau­er­haft in der Lage gegen Platt­form- und Strea­ming­an­bie­ter zu bestehen (Witt­rock, 2020).

Auch For­ma­te wie die App Buz­zard gewin­nen vor die­sem Hin­ter­grund der Pola­ri­sie­rung von Mei­nun­gen an Bedeu­tung: die App stellt bei­spiels­wei­se einen Nach­rich­ten­über­blick vom lin­ken bis rech­ten Spek­trum der deut­schen Medi­en­land­schaft zur Ver­fü­gung – so kön­nen sich Nut­zer einen umfas­sen­den Über­blick bil­den (Buz­zard, 2021).

Damit die Exis­tenz eines qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­gen Jour­na­lis­mus jedoch wei­ter­hin gesi­chert blei­ben kann, muss der Staat sei­ne Auf­ga­be wahr­neh­men und unter­stüt­zend zum Bei­spiel in Form von Sub­sti­tu­tio­nen eingreifen.

Auch hier sei noch ein­mal der Blick in die Ver­gan­gen­heit erwähnt: Auch dies ist kein neu­er Vor­schlag – Fer­di­nand Tön­nies hat bereits im frü­hen 19. Jahr­hun­dert vor­ge­schla­gen, zur Siche­rung ihrer Unab­hän­gig­keit die Pres­se durch Sub­sti­tu­tio­nen zu unter­stüt­zen (Spli­chal, 2017). Mit die­ser Ansicht ist er nicht allein: aus ver­schie­dens­ten Län­dern im euro­päi­schen Raum kommt die For­de­rung nach direk­ten Sub­ven­tio­nen, um qua­li­ta­ti­ve Pres­se­ar­beit zu sichern (vgl. Künz­ler et Al. 2013). Auch Deutsch­land plant bereits, „die erfor­der­li­che digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on des Ver­lags­we­sens“ (Sterz & Bor­gers, 2020) mit bis zu 220 Mil­lio­nen Euro zu unter­stüt­zen. Das Geld soll über meh­re­re Jah­re ver­teilt an Ver­la­ge von Abon­ne­ment­zei­tun­gen aus­ge­zahlt wer­den, um bei­spiels­wei­se den Auf­bau von Online-Shops, Rubri­ken­por­ta­len oder Apps zu unter­stüt­zen. Dies ist sicher­lich ein ers­ter Schritt in eine gute Rich­tung, um die Exis­tenz von Qua­li­täts­jour­na­lis­mus zu sichern wird er jedoch wohl nicht aus­rei­chen. An die­ser Stel­le sind auch Medi­en­un­ter­neh­men gefragt, neue Mög­lich­kei­ten für Bezahl­mo­del­le zu ent­wi­ckeln, denn ein guter, unab­hän­gi­ger Jour­na­lis­mus ist für eine funk­tio­nie­ren­de Demo­kra­tie unerlässlich.

Doch auch in Bezug auf inter­me­diä­re Platt­for­men wie Face­book, Insta­gram und Co. müs­sen wei­te­re Regu­lie­run­gen getrof­fen werden.

Auch wenn es vie­len von uns im All­tag wahr­schein­lich läs­tig erscheint: Der neue Medi­en­staats­ver­trag und auch die Daten­schutz­grund­ver­ord­nung leis­ten mit ihrer Trans­pa­renz­norm in die­ser Hin­sicht schon einen wich­ti­gen Bei­trag, um Nut­zern eine eigen­ver­ant­wort­li­che­re Ent­schei­dung über die Ver­wen­dung ihrer Daten zu ermög­li­chen (Dogru­el et al., 2020).

Im Hin­blick auf Algo­rith­men und ihre bereits beschrie­be­ne Markt­macht muss in Sachen Trans­pa­renz jedoch noch deut­lich nach­ge­bes­sert wer­den. Denk­bar wären in die­se Rich­tung unzäh­li­ge Mög­lich­kei­ten – von noch mehr ver­pflich­ten­den Trans­pa­renz­hin­wei­sen auf Sei­ten der Platt­for­men („Du siehst sehr vie­le Bei­trä­ge zum The­ma xx, bist du dir des­sen bewusst?“) bis hin zu einer gesetz­lich ver­an­ker­ten Pflicht auf eine aus­ge­wo­ge­ne Dar­stel­lung. Inwie­weit ein sol­ches Gesetz jedoch tat­säch­lich umge­setzt wer­den könn­te, bleibt wohl mehr als fraglich.

Um sicher­zu­stel­len, dass die Öffent­lich­keit als dis­kur­si­ver Raum weder mit den Mit­teln der Staats­ge­walt erstickt wird, noch durch Pri­vat­in­ter­es­sen domi­niert wird (Imhof, 2010), müss­te außer­dem dar­über nach­ge­dacht wer­den, ein unab­hän­gi­ges Gre­mi­um ein­zu­rich­ten, das zwi­schen den unter­schied­li­chen Inter­es­sen vermittelt.

Um jedoch Bedin­gun­gen für eine nach­hal­ti­ge Demo­kra­tie zu schaf­fen – und dies ist in mei­nen Augen einer der wesent­lichs­ten und auch nach­hal­tigs­ten Punk­te – ist es uner­läss­lich, die Medi­en­kom­pe­tenz der Bür­ger zu för­dern. Dies kann unter ande­rem an Schu­len gesche­hen, muss es aller­dings nicht aus­schließ­lich – denn nicht nur die Schü­ler sind die­je­ni­gen, die sich in den neu­en Öffent­lich­kei­ten zurecht­fin­den müs­sen. Aus Bür­ger­sicht ist es leicht den Staat in die Pflicht zu neh­men, oder die Ver­ant­wor­tung an Platt­for­men und Medi­en­un­ter­neh­men abzu­ge­ben. Was dabei jedoch schnell ver­ges­sen wird, ist, dass wir als Gesell­schaft genau­so in der Pflicht sind, für eine demo­kra­ti­sche Struk­tur zu sor­gen – und das Gespräch mit­ein­an­der zu suchen. Vor dem Hin­ter­grund pola­ri­sie­ren­der Mei­nun­gen und einer zuneh­mend frag­men­tier­ten Öffent­lich­keit wird das immer schwe­rer – aber genau des­we­gen müs­sen wir dar­an arbei­ten. Nicht umsonst argu­men­tie­ren Phi­lo­so­phen wie Kant und Haber­mas mit dem Aus­tritt aus der selbst­ver­schul­de­ten Unmün­dig­keit oder spre­chen von einer sich selbst auf­klä­ren­den Gesell­schaft. Und auch wenn ins­be­son­de­re Jür­gen Haber­mas oft vor­ge­wor­fen wur­de, er ver­wechs­le den Semi­nar­raum mit der Rea­li­tät – so bleibt sein Ide­al einer Öffent­lich­keit, in der der Aus­tausch von öffent­li­chen Argu­men­ten statt­fin­det, nicht ganz uto­pisch. Es kann jedoch nur statt­fin­den, wenn alle Berei­che inein­an­der­grei­fen: die Gesell­schaft, recht­li­che Rah­men­be­din­gun­gen, unab­hän­gi­ge Insti­tu­tio­nen und ein funk­tio­nie­ren­der Aus­tausch mit Betei­li­gung der Bür­ger. Nur dann kann gewähr­leis­tet wer­den, dass die Öffent­lich­keit als Demo­kra­tie in nicht noch klei­ne­re Stü­cke zerbricht.

Über die Autorin

Chris­ti­na Wicke stu­diert Kom­mu­ni­ka­tions­man­age­ment und beweist in ihrem Essay ein Gefühl für Spra­che und Stil. Ihr Text ent­stand im Rah­men eines Semi­nars der Kom­Ma-Pro­fes­sur mit der Ziel­rich­tung, die Zukunft der Medi­en, die Zukunft des Me-dien­sys­tems in Deutsch­land aus­zu­lo­ten. Stu­die­ren­de des Mas­ter­stu­di­en­gangs Kom­mu­ni­ka­tions­man­age­ment argu­men­tie­ren im Ergeb­nis die­ses Semi­nars sorg­fäl­tig und stel­len fun­dier­te Über­le­gun­gen an: Wie kann ein öffent­lich-recht­li­cher Rund­funk gestal­tet wer­den? Wel­che Mög­lich­kei­ten gibt es, Medi­en­zu­kunft ange­sichts zuneh­men­der Ver­schie­bun­gen der Medi­en­nut­zung zu den­ken? Wel­che Rol­le spie­len Plattformen?

Und sie schrei­ben Essays – ein eher unge­wöhn­li­ches For­mat im Stu­di­um. Im Regel­fall wer­den eher wis­sen­schaft­li­che Haus­ar­bei­ten ver­fasst. Das Expe­ri­ment, die Autorin­nen und Autoren auf einen Essay zu ver­pflich­ten, ist erfolg­reich – und bringt erstaun­li­che Ergeb­nis­se, die hier geteilt wer­den. Vier Arbei­ten errei­chen im Rah­men der Begut­ach­tung eine 1 – und wer­den geteilt. Prä­di­kat: Lesenswert! 

Lite­ra­tur zum Essay

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Neu­ge­stal­tung des öffent­lich-recht­li­chen Rund­funks – Autor: Niko Gülle

Der zwei­te von ins­ge­samt vier Essays, die sich damit aus­ein­an­der­set­zen, wie die Zukunft von Mas­sen­me­di­en und Sozia­len Medi­en auch poli­tisch ver­ant­wort­lich gestal­tet wer­den kön­nen. Niko Gül­le nimmt sich in die­sem Kon­text den öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk vor. Sei­ne These: 

Der öffent­lich-recht­li­che Rund­funk benö­tigt kei­ne Neu­ge­stal­tung, son­dern Updates!

Dass der öffent­lich-recht­li­che Rund­funk (ÖRR) stets um sei­ne Legi­ti­ma­ti­on kämp­fen muss, wird auch in ganz greif­ba­ren All­tags­si­tua­tio­nen sicht­bar. Zuge­ge­ben, die­se All­tags­si­tua­ti­on hat tat­säch­lich direkt etwas mit dem ÖRR zu tun. Beim Umzug in eine neue Woh­nung wer­den mein Mit­be­woh­ner – ein lang­jäh­ri­ger Freund – und ich nach eini­gen Wochen stan­des­ge­mäß vom Bei­trags­ser­vice der ARD, des ZDF und des Deutsch­land­ra­di­os begrüßt. Sie for­dern den Rund­funk­bei­trag ein. Die Begrün­dung: Sie bie­ten „täg­lich ein hoch­wer­ti­ges, unab­hän­gi­ges und viel­fäl­ti­ges Pro­gramm rund um Poli­tik, Wirt­schaft, Kul­tur und Sport. Die­ses Ange­bot lässt sich heu­te auf unter­schied­lichs­ten Wegen emp­fan­gen – ob über Radio, TV, Com­pu­ter oder Smart­pho­ne“ (ARD ZDF Deutsch­land­ra­dio Bei­trags­ser­vice 2020). Dies scheint mei­nen Mit­be­woh­ner nicht aus­rei­chend zu über­zeu­gen: Die Reak­ti­on auf den Bei­trags­ser­vice beinhal­tet Ver­är­ge­rung und Unver­ständ­nis über die Höhe des Bei­trags von 17,50 Euro. Und ich als Kom­mu­ni­ka­tions­man­age­ment-Stu­dent ertap­pe mich zumin­dest kurz dabei, wie ich in Tei­len Ver­ständ­nis für die­se Hal­tung auf­brin­ge und sie sogar tei­le. Jetzt – nach aus­führ­lichs­ter Lite­ra­tur­re­cher­che zum The­ma Neu­ge­stal­tung des ÖRR – zeigt mein Kom­pass in eine kla­re­re Rich­tung. Es braucht auch in Zukunft unab­ding­bar einen star­ken, sei­nen Funk­ti­ons­auf­trag erfül­len­den ÖRR. Um die maß­geb­li­che Rol­le für eine „gelin­gen­de gesell­schaft­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on“ (Hal­ler 2003, S. 181; aus Arnold 2016, S. 553)  in Zei­ten frag­men­tier­ter Publi­ka, der Ten­denz zu gefil­ter­ter Medi­en­nut­zung und der Mei­nungs­macht von Inter­me­diä­ren wie Goog­le und Face­book kon­se­quent aus­üben zu kön­nen, bedarf es jedoch einer digi­tal- und publi­kums­zen­trier­te­ren Aus­rich­tung. Eine zeit­ge­mä­ße, dyna­mi­sche Medi­en­po­li­tik und ein sta­bi­ler Rund­funk­bei­trag bil­den dafür die Grundvoraussetzungen.

Die Rol­le jour­na­lis­ti­scher Medi­en für das gesell­schaft­li­che Gespräch

Falls Sie sich als Leser*in nun fra­gen, wie genau ich zu die­ser Über­zeu­gung und den noch all­ge­mein for­mu­lier­ten Schluss­fol­ge­run­gen kom­me, neh­me ich sie in die­sem Essay mit in die Welt mei­ner Recher­che – und damit in die Welt des ÖRR. Zu Beginn lohnt zum bes­se­ren Ver­ständ­nis der Gesamt­the­ma­tik zunächst ein Blick auf die grund­le­gen­den Funk­tio­nen jour­na­lis­ti­scher Mas­sen­me­di­en. Hal­lers Idee von Jour­na­lis­mus als „gelin­gen­der gesell­schaft­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on“ impli­ziert, dass die­ser eine gemein­sa­me Medi­en­rea­li­tät als Ori­en­tie­rungs­rah­men für aktu­el­le Ereig­nis­se und Zusam­men­hän­ge schaf­fe (vgl. Arnold 2016, S. 553). Otfried Jar­ren (2020, S. 244) kon­kre­ti­siert die­sen Zusam­men­hang zwi­schen Medi­en­in­hal­ten und dem gesell­schaft­li­chen Gespräch: „Durch ihren vor­ran­gi­gen Bezug auf das Sys­tem Poli­tik, das all­ge­mein ver­bind­li­che Ent­schei­dun­gen gene­riert, ermög­li­chen sie einen Mehr­sys­tem­blick auf die Gesell­schaft, weil die Pro­blem­an­zei­gen aus den gesell­schaft­li­chen Teil­sys­te­men an die Poli­tik als zen­tra­le Lösungs­in­stanz adres­siert wer­den. Die Mas­sen­me­di­en grei­fen die Pro­ble­me auf (The­ma­ti­sie­rung), orga­ni­sie­ren und mode­rie­ren die Debat­te und kom­men­tie­ren die­se. Die Pro­ble­me der Gesell­schaft, die als all­ge­mein lösungs­be­dürf­tig ange­se­hen wer­den, wer­den wesent­lich durch die uni­ver­sel­len, aktu­el­len Mas­sen­me­di­en sicht­bar gemacht und kön­nen gesamt­ge­sell­schaft­lich ver­folgt wer­den“. In der Lite­ra­tur wird ana­log dazu das Bild der gesell­schaft­li­chen Sebst­be­ob­ach­tung bemüht (vgl. Sie­gert et al. 2018, S. 228). Für die­se böten jour­na­lis­ti­sche Mas­sen­me­di­en den Rezipient*innen viel­fäl­ti­ge Mög­lich­kei­ten, um die in einer Demo­kra­tie wesent­li­chen Pro­zes­se der Mei­nungs­bil­dung anzu­re­gen (vgl. ebd.). Alex­an­der Fili­po­vić (vgl. 2019, S. 92) betont die Dienst­funk­ti­on von Medi­en für das Gemein­wohl. Denn öffent­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on ermög­li­che es, neben indi­vi­du­el­len auch gemein­sam geteil­te, kol­lek­ti­ve Wert- und Hand­lungs­maß­stä­be im All­tag her­an zu zie­hen (vgl. ebd.). Doch aus der inten­si­ven Lite­ra­tur­re­cher­che her­aus wird klar, dass der Bedarf nach die­sen For­men des Jour­na­lis­mus nicht aus­rei­chend vom Markt nach­ge­fragt wird. Man­fred Kops (vgl. 2016, S. 9) bei­spiels­wei­se gibt zu Beden­ken, dass tief­grün­di­ge Hin­ter­grund­be­rich­te über gesell­schaft­lich rele­van­te The­men bei den Bür­gern eher auf wenig Inter­es­se stie­ßen, obwohl ins­be­son­de­re die­se Dar­stel­lungs­form den gemein­wohl­för­der­li­chen Jour­na­lis­mus aus­ma­che. Die­se teils feh­len­de Nach­fra­ge der ein­zel­nen Rezipient*innen („Ich inter­es­se mich nicht für die Bei­trä­ge des ÖRR, war­um soll­te ich dann zah­len?“) ist ein sich stets wie­der­ho­len­des Kern­ar­gu­ment, das – wie wir im Lau­fe die­ses Essays sehen wer­den – aus mei­ner Sicht jedoch zu kurz gegrif­fen ist. Aus medi­en­öko­no­mi­scher Sicht sei hier auf den Ter­mi­nus der meri­to­ri­schen Bedürf­nis­se ver­wie­sen. Ein sol­ches Bedürf­nis liegt zum Bei­spiel in einer umfas­sen­den, viel­fäl­ti­gen Mei­nungs­bil­dung, die unter nor­ma­len markt­li­chen Umstän­den nicht zu Stan­de kom­men könn­te und durch öffent­li­che Ein­fluss­nah­me unter­stützt wer­de (vgl. Rau 2019, S. 40 f.). Dass dies einen extrem her­aus­for­dern­den Spa­gat, ins­be­son­de­re in Zei­ten der Digi­ta­li­sie­rung, dar­stellt, fasst Rau (2019, S. 41) so zusam­men: „Wobei auch in dann voll­stän­dig digi­tal durch­drun­ge­nen Medi­en­wel­ten die Fra­ge bleibt, wie Indi­vi­du­al­prä­fe­ren­zen zu kol­lek­ti­ven Prä­fe­renz­vor­stel­lun­gen aggre­giert wer­den (kön­nen)“.

Zurück zur der­zei­ti­gen Rol­le jour­na­lis­ti­scher Mas­sen­me­di­en in der Gesell­schaft: Kurt Imhof  (2010, S. 5) spricht bereits vor elf Jah­ren von einem „Struk­tur­wan­del der Öffent­lich­keit“. Dem­nach habe sich der Groß­teil der Bericht­erstat­tung aus einer nor­ma­ti­ven, auf Sach­ver­hal­ten beru­hen­den Prä­gung ten­den­zi­ell in Rich­tung eines emo­tio­na­lis­ti­schen Wett­be­werbs um News ent­wi­ckelt (vgl. ebd.). Unter­hal­tung in der Infor­ma­ti­on scheint sich durch For­ma­te wie News­ga­mes, Aug­men­ted Rea­li­ty usw. zu einem Qua­li­ät­skri­te­ri­um im heu­ti­gen Jour­na­lis­mus auf­zu­schwin­gen  (vgl. Süs­sen­ba­cher 2018, S. 206). Bern­hard Pörk­sen schlägt in eine ähn­lich nach­denk­li­che Ker­be, dia­gnos­ti­ziert am Bei­spiel der ame­ri­ka­ni­schen CNN Tem­po­wahn und Wett­läu­fe um Infor­ma­tio­nen im digi­ta­len Zeit­al­ter (vgl. 2018, S. 42). In sozia­len Netz­wer­ken kom­me eine geziel­te Mani­pu­la­ti­on der öffent­li­chen Mei­nung durch inter­es­sen­ge­lei­te­te Akteu­re hin­zu (vgl. ebd., S. 45). Die sich abzeich­nen­de, düs­te­re Bestands­auf­nah­me scheint sich fort­zu­set­zen, wenn Mit­sch­ka & Unter­ber­ger (vgl. 2018, Vor­wort) zu Beden­ken geben, dass unse­re Gesell­schaf­ten neben öko­no­mi­schen und tech­no­lo­gi­schen extre­me poli­ti­sche Umbrü­che wie Popu­lis­mus, sozia­le Seg­men­tie­rung und einen Ver­trau­ens­ver­lust in die Demo­kra­tie durch­lie­fen. Es gibt aller­dings auch einen Sil­ber­streif am Hori­zont. Denn genau an die­ser Stel­le kom­men mei­nes Erach­tens jour­na­lis­ti­sche Mas­sen­me­di­en mit einem star­ken Stel­len­wert ins Spiel, um neu­tra­le Infor­ma­tio­nen zu ver­mit­teln und Ori­en­tie­rung zu geben. Mit Pörk­sen (2018, S. 47) lässt sich argu­men­tie­ren, „dass die seriö­se, unauf­ge­reg­te­re, bewusst ent­schleu­nig­te Ein­ord­nung, die erör­tern­de Suche nach der rich­ti­gen Ton­la­ge und der ange­mes­se­nen Reak­ti­on für die klas­si­schen Medi­en ein neu­es Gewicht bekommt – gera­de in Kri­sen­si­tua­tio­nen, gera­de bei Kata­stro­phen in Echt­zeit, gera­de im Fal­le von Atten­ta­ten und Anschlä­gen“. Zu die­ser Ein­schät­zung passt die Ana­ly­se des Prä­si­den­ten der deut­schen Pres­se­ver­le­ger, Mathi­as Döpf­ner, der den Medienrezipient*innen in der fort­wäh­ren­den Coro­na-Pan­de­mie das stär­ke­re Bedürf­nis nach dif­fe­ren­zier­ter und ver­trau­ens­wür­di­ger Bericht­erstat­tung beschei­nigt (vgl. Hanfeld 2020, S. 16).

Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen zum öffent­lich-recht­li­chen Rundfunk

Unab­hän­gig von der Coro­na-Pan­de­mie las­sen sich die beschrie­be­nen Anfor­de­run­gen an jour­na­lis­ti­sche Mas­sen­me­di­en – ihre gewich­ti­ge Rol­le für Mei­nungs­bil­dungs­pro­zes­se in der Demo­kra­tie – in beson­de­rer Form auf den öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk über­tra­gen. Im deut­schen Rund­funk­staats­ver­trag (ebd. 2019, S. 17), der zuletzt im Okto­ber 2018 durch den 22. Rund­funk­än­de­rungs­staats­ver­trag eine Auf­fri­schung erhielt, ist der Auf­trag des ÖRR in Para­graph 11 festgelegt:

(1) „Auf­trag der öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk­an­stal­ten ist, durch die Her­stel­lung und Ver­brei­tung ihrer Ange­bo­te als Medi­um und Fak­tor des Pro­zes­ses frei­er indi­vi­du­el­ler und öffent­li­cher Mei­nungs­bil­dung zu wir­ken und dadurch die demo­kra­ti­schen, sozia­len und kul­tu­rel­len Bedürf­nis­se der Gesell­schaft zu erfül­len. Die öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk­an­stal­ten haben in ihren Ange­bo­ten einen umfas­sen­den Über­blick über das inter­na­tio­na­le, euro­päi­sche, natio­na­le und regio­na­le Gesche­hen in allen wesent­li­chen Lebens­be­rei­chen zu geben. (…) Ihre Ange­bo­te haben der Bil­dung, Infor­ma­ti­on, Bera­tung und Unter­hal­tung zu die­nen. Sie haben Bei­trä­ge ins­be­son­de­re zur Kul­tur anzu­bie­ten. Auch Unter­hal­tung soll einem öffent­lich-recht­li­chen Ange­bots­pro­fil entsprechen.

(2) Die öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk­an­stal­ten haben bei der Erfül­lung ihres Auf­trags die Grund­sät­ze der Objek­ti­vi­tät und Unpar­tei­lich­keit der Bericht­erstat­tung, die Mei­nungs­viel­falt sowie die Aus­ge­wo­gen­heit ihrer Ange­bo­te zu berück­sich­ti­gen“.

Um die­sen nicht-kom­mer­zi­ell ori­en­tier­ten Auf­trag sicher­zu­stel­len, ist dem ÖRR die fes­te Finanz­aus­stat­tung in Form des Rund­funk­bei­trags gesetz­lich in Para­graph 11 und 12 des Staats­ver­tra­ges zuge­si­chert (vgl. ebd., S. 24). Anders als die kom­mer­zi­el­len Anbie­ter unter­lie­ge der ÖRR aller­dings star­ken Regu­lie­run­gen in Bezug auf das Pro­gramm und mög­li­che Wer­bung, was ten­den­zi­ell für höhe­re Kos­ten und gerin­ge­re Ein­nah­men spre­che (vgl. Beck 2018, S. 286). Trotz die­ser Limi­ta­tio­nen des ÖRR ent­bren­nen um die­sen fes­ten Finan­zie­rungs­rah­men zuneh­mend Dis­kus­sio­nen und Ver­är­ge­rungs­po­ten­zia­le. Dies zeigt sich in all­tags­ähn­li­chen Situa­tio­nen beim Umzug in eine neue Woh­nung, aber eben auch in einem euro­pa­wei­ten Dis­kurs. Die öffent­lich-recht­li­chen Anbie­ter in Ungarn und Polen ent­wi­ckel­ten sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zu Staats­or­ga­nen (vgl. Grass­muck 2018, S. 313). Die däni­sche Regie­rung beschloss die Umstel­lung von der Rund­funk­ab­ga­be zu einer Finan­zie­rung über Steu­ern, was den ÖRR eben­falls unter direk­te­re poli­ti­sche Kon­trol­le stel­le (vgl. ebd.). In einer Volk­ab­stim­mung 2018 hat sich die Schweiz mit gro­ßer Mehr­heit gegen die Abschaf­fung des Bil­lag – dem Pen­dant zum deut­schen Bei­trags­ser­vice – aus­ge­spro­chen (vgl. ebd.). Dies ist ein Mut­ma­cher inmit­ten beweg­ter Zei­ten. Zumal die Aus­wer­tung laut Vol­ker Grass­muck (vgl. ebd.) demons­triert habe, dass ins­be­son­de­re die jun­ge Genera­ti­on ein­deu­tig für den Erhalt des Bil­lag votierte.

Nach wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen ist die Ent­schei­dung der Schwei­zer Bevöl­ke­rung eine wich­ti­ge Vor­aus­set­zung für die Erfül­lung des Funk­ti­ons­auf­trags. So fan­den Eber­wein et al. (2019, S. 143) her­aus, „dass die Finan­zie­rung öffent­li­cher Medi­en einen direk­ten Ein­fluss auf den Publi­kums­er­folg hat: Rund­funk­ver­an­stal­ter mit einer höhe­ren öffent­li­chen Finan­zie­rung erzie­len höhe­re Markt­an­tei­le, eine grö­ße­re Rele­vanz als Infor­ma­ti­ons­quel­le und ein höhe­res Ver­trau­en in die Unab­hän­gig­keit von äuße­ren Ein­flüs­sen“. In der Recher­che herrsch­te lite­ra­tur­über­grei­fen­der Kon­sens, dass alter­na­ti­ve Model­le wie bei­spiels­wei­se ein Gebüh­ren-Split­ting mit pri­va­ten Anbie­tern oder Abo­mo­del­le für den ÖRR auf­grund öko­no­mi­scher und recht­li­cher Pro­blem­stel­lun­gen kei­ne frucht­ba­ren Optio­nen dar­stel­len (vgl. Dörr et al. 2016, S. 67 f.; vgl. Grass­muck 2018, S. 314 f.). Daher bewer­te ich es als umso bedenk­li­cher, wenn die kom­mer­zi­el­len, pri­va­ten Anbie­ter immer wie­der Ein­gren­zun­gen und bud­ge­tä­re Beschrän­kun­gen des ÖRR for­dern (vgl. Beck 2018, S. 246; vgl. Rau 2019, S. 39). Schließ­lich sind die­se Pri­vat­sen­der neben den klas­si­schen Ein­nah­men wie Wer­bung und Spon­so­ring ohne gro­ße Ein­schrän­kun­gen in der Lage, Sen­der­fa­mi­li­en zu grün­den (vgl. Beck 2018, S. 276). Dies unter­neh­men deut­sche Sen­der umfäng­lich und legen damit Kos­ten­stel­len zusam­men (vgl. ebd.). Außer­dem lie­gen die kumu­lier­ten Markt­an­tei­le der öffent­lich-recht­li­chen und pri­va­ten Sen­der in Deutsch­land auf einem sehr ähn­li­chen Niveau (vgl. Beck 2018, S. 287), sodass von einem sich ergän­zen­den Mit­ein­an­der aus­ge­gan­gen wer­den kann. Die wach­sen­de Kri­tik von­sei­ten der pri­va­ten Anbie­ter erhält zudem Skur­ri­li­tät, wenn Patrick Don­ges (vgl. 2016, S. 90) dar­auf hin­weist: „Die Erfül­lung des Funk­ti­ons­auf­tra­ges durch den öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk ist (…) die Vor­aus­set­zung der Zulas­sung pri­vat-kom­mer­zi­el­ler Anbie­ter – ein Fakt, der in medi­en­po­li­ti­schen Debat­ten mit­un­ter ver­lo­ren geht“. Ohne einen funk­tio­nie­ren­den ÖRR kann ver­fas­sungs­recht­lich dem­nach kein pri­va­ter Rund­funk exis­tie­ren. Mit die­sen Argu­men­ten möch­te ich an die kom­mer­zi­el­len Rund­funk­an­bie­ter appel­lie­ren, sich die­se Aus­gangs­si­tua­ti­on stär­ker bewusst zu machen und den ÖRR nicht aus rein markt­li­chen Gesichts­punk­ten, son­dern mit Blick auf die gesamt­ge­sell­schaft­li­che Auf­ga­be zu betrach­ten. Es braucht ein dua­les Rund­funk­sys­tem, das sich gegen­sei­tig stützt, die Stär­ken und Schwä­chen des jeweils ande­ren Modells ide­al kom­ple­men­tiert. Aller­dings ist dem ÖRR an die­ser Stel­le eben­falls ein Vor­wurf zu machen, sich mit einer Viel­zahl von unter­hal­ten­den Talk­shows und Seri­en zu stark in das Hoheits­ge­biet der pri­va­ten Sen­der bege­ben zu haben (vgl. Beck 2018, S. 287 f.). Mit Beck (2018, S. 221) lässt sich ein dif­fe­ren­zier­tes Resü­mee die­ses Abschnitts zie­hen: „Auch die öffent­lich-recht­li­chen Fern­seh­pro­gram­me zei­gen mitt­ler­wei­le vie­le der für die kom­mer­zi­el­len Pro­gram­me geschil­der­ten Struk­tu­ren, was als Ergeb­nis von Pro­gramm­kon­ver­genz und Anpas­sung an ver­än­der­te Publi­kums­er­war­tun­gen begrif­fen wer­den kann. Auf­grund ihres Funk­ti­ons­auf­tra­ges unter­hal­ten die öffent­lich-recht­li­chen Anstal­ten aber in weit­aus stär­ke­rem Maße jour­na­lis­tisch arbei­ten­de Redak­tio­nen mit einem publi­zis­ti­schen Qua­li­täts­an­spruch, der sich nicht nur auf die Haupt­nach­rich­ten­sen­dun­gen beschränkt“.

Medi­en­nut­zung der Jün­ge­ren stellt den ÖRR vor Herausforderungen

Mit dem Stich­wort „ver­än­der­te Publi­kums­er­war­tun­gen“ nimmt Klaus Beck dan­kens­wer­ter­wei­se die Über­lei­tung zum nächs­ten gro­ßen The­men­kom­plex vor, wel­cher für eine adäqua­te Bestands­auf­nah­me des ÖRR – vor­nehm­lich in Bezug auf Deutsch­land – unab­ding­bar ist: Die aktu­el­le Medi­en­nut­zung der Bevöl­ke­rung. Mit einem all­ge­mei­nen Blick auf die Nut­zung von Video- und Audio-For­ma­ten ist zu kon­sta­tie­ren, dass der Groß­teil der Deut­schen linea­re Ange­bo­te nutzt (vgl. ARD-/ZDF-Stu­die Mas­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on 2020, S. 3). In der Ziel­grup­pe der 14- bis 29-Jäh­ri­gen offen­bart sich jedoch ein gegen­läu­fi­ger Trend. Nicht-linea­re Ver­brei­tung­we­ge wie Strea­ming-Anbie­ter oder You­Tube domi­nie­ren im Video-Sek­tor, Musik-Strea­ming­diens­te wie Spo­ti­fy lie­gen vor Radio­sen­dern bei den unter 30-Jäh­ri­gen (vgl. ebd.). Ins­ge­samt zeich­nen sich all­ge­mei­ne Reich­wei­ten­ver­schie­bun­gen hin zu ent­li­nea­ri­sier­ten Ange­bo­ten ab (vgl. ebd., S. 13). Zu die­ser Erkennt­nis kom­men auch Jörg Schnei­der und Mark Eisen­eg­ger in der Schweiz, die die News­re­por­toires der 16- bis 29-Jäh­ri­gen im Zeit­raum von 2009 bis 2017 unter­such­ten. Dabei stel­len sie fest, dass der Anteil der News-Depri­vier­ten und Glo­bal Sur­fer stark zuneh­me (vgl. Schnei­der & Eisen­eg­ger 2018, S. 93). Die­se bei­den Grup­pen infor­mier­ten sich vor allem über (sozia­le) Online-Medi­en und sei­en durch eine eher unter­durch­schnitt­li­che Nut­zung qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ger Nach­rich­ten­me­di­en gekenn­zeich­net (vgl. ebd.). Auch Dörr et al. (2016, S. 24) ana­ly­sie­ren eine gewis­se Frag­men­tie­rung des Medi­en­pu­bli­kums: „Die 14- bis 49-Jäh­ri­gen und erst recht die 14- bis 29- Jäh­ri­gen wen­den sich in immer grö­ße­rem Maß den pri­va­ten Pro­gram­men und Abruf­an­ge­bo­ten zu, sodass man durch­aus von einem Genera­tio­nen­ab­riss zu Las­ten des öffent­lich-recht­li­chen Fern­se­hens spre­chen kann. Hin­zu kom­men spe­zi­fi­sche Frag­men­tie­rungs­ten­den­zen durch die Mög­lich­kei­ten der Inter­net­kom­mu­ni­ka­ti­on, die den gesell­schaft­li­chen Dis­kurs ver­än­dern“.

Die aktu­el­le ARD-ZDF-Stu­die „Mas­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on 2020“ sen­det neben die­ser gro­ßen Her­aus­for­de­rung mit Blick auf das Publi­kum jedoch eben­so posi­ti­ve Nach­rich­ten: Dem­nach lie­gen öffent­lich-recht­li­che Medi­en – anders als Dörr et al. befürch­ten – in fast allen Bewer­tungs­ka­te­go­rien vor den Pri­vat­sen­dern. Sie wer­den als glaub­wür­digs­te Quel­le ein­ge­stuft und ste­hen für rele­van­te The­men. Die öffent­lich-recht­li­chen Medi­en gel­ten als wich­tigs­te Infor­ma­ti­ons­in­stanz für poli­ti­sche Inhal­te, auch bei jun­gen Men­schen. Und, das kommt durch­aus über­ra­schend, sie bil­den ins­ge­samt das viel­sei­tigs­te und aus­ge­gli­chens­te Ange­bots­pro­fil für Audio- und TV-For­ma­te ab. Die Pri­vat­sen­der und glo­ba­le Platt­for­men punk­ten gegen­über dem ÖRR im Unter­hal­tungs­be­reich mit pass­ge­nau­en Inhal­ten (vgl. ARD-ZDF-For­schungs­kom­mi­si­on 2020, S. 43–50). For­schung aus Öster­reich legt nahe, dass eine Unter­scheid­bar­keit zu pri­va­ten Sen­dern als wich­ti­ges Bewer­tungs­kri­te­ri­um des ÖRR aus Sicht des Publi­kums gilt (vgl. Gon­ser & Rei­ter 2018, S. 151). Dort kom­me außer­dem eine hohe Rele­vanz und Wert­schät­zung des ÖRR zum Aus­druck, wenn es um Viel­falt, Infor­ma­ti­ons­über­blick, regio­na­le Bericht­erstat­tung und Rand­the­men gehe (vgl. ebd., S. 156). Unter­hal­tungs­for­ma­te von öffent­lich-recht­li­chen Medi­en wer­den hin­ge­gen als Absen­kung der Qua­li­tät für eine höhe­re Quo­te kri­tisch bewer­tet (vgl. ebd., S. 151). Alar­mie­rend ist die Tat­sa­che, dass der ÖRR vor allem, aber nicht nur bei jün­ge­ren Men­schen die gerings­ten Wer­te für Unab­hän­gig­keit ver­bucht (vgl. ARD-ZDF-For­schungs­kom­mi­si­on 2020, S. 43 f.). Die Haupt­er­klä­rung dafür dürf­te in zuge­schrie­be­ner poli­ti­scher Ein­fluss­nah­me inner­halb der Kon­troll­gre­mi­en und in Bezug auf Per­so­nal­ent­schei­dun­gen lie­gen (vgl. Gon­ser & Rei­ter 2018, S. 159 ff.; vgl. Beck 2018, S. 238 f.; vgl. Don­ges 2016, S. 92; vgl. Jar­ren 2020, S. 246).

„funk“ als wich­ti­ger Schritt in der Digitalstrategie

Aus den Erkennt­nis­sen der Mas­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on-Stu­die wird deut­lich, dass sich das media­le Inter­net zur domi­nie­ren­den Nut­zungs­form in der jun­gen Ziel­grup­pe ent­wi­ckelt hat (vgl. ebd., S. 38). Die­sen Trend haben die öffent­lich-recht­li­chen Sen­der in Deutsch­land erkannt und zumin­dest teil­wei­se geeig­ne­te Maß­nah­men getrof­fen. An vor­ders­ter Front zu nen­nen ist dabei das von ARD und ZDF gemein­sam ins Leben geru­fe­ne Jugend­an­ge­bot „funk“. Dabei spie­len die Macher*innen der Platt­form die Inhal­te mit einer auf die jun­gen Ziel­grup­pe zuge­schnit­te­nen Stra­te­gie aus: „Wir wol­len mit unse­ren Inhal­ten Men­schen zwi­schen 14 und 29 errei­chen. Das kön­nen wir natür­lich nicht mit ein und dem­sel­ben Ange­bot. Denn eine 14-jäh­ri­ge Schü­le­rin sucht im Netz nach ande­ren Din­gen als ein 29-jäh­ri­ger Berufs­tä­ti­ger. Des­we­gen pro­du­zie­ren wir unter­schied­li­che For­ma­te für Men­schen mit unter­schied­li­chen Inter­es­sen – und las­sen funk für jeden etwas anders aus­se­hen“ (Funk 2021). Die Jugend­aus­ga­be des ÖRR ist neben der eige­nen Web­sei­te nur über Inter­me­diä­re wie You­Tube, Snap­chat und Face­book ver­füg­bar (vgl. Stark & Stei­ner 2018, S. 85). Sie soll als Inno­va­ti­ons­trei­ber für die im Rund­funk­staats­ver­trag fest­ge­schrie­be­nen Berei­che Bil­dung, Infor­ma­ti­on, Unter­hal­tung und Bera­tung fun­gie­ren (vgl. ebd.). Video als Kern­me­di­um, eine aus­ge­präg­te Feed­back­kul­tur und Koope­ra­tio­nen mit Influ­en­cern sind fes­ter Teil der Stra­te­gie (vgl. ebd.). Den Nutzer*innen ist es zudem mög­lich, sich mit eige­nen For­ma­t­ideen bei „funk“ zu bewer­ben und so das Ange­bot selbst mit­zu­ge­stal­ten (vgl. Funk 2021). Bir­git Stark & Miri­am Stei­ner (2018, S. 86) sehen in dem Jugend­an­ge­bot einen „Para­dig­men­wech­sel, denn als Con­tent-Netz­werk für Web­for­ma­te löst es sich kom­plett vom Gedan­ken des klas­si­schen linea­ren Fern­se­hens und damit vom Gedan­ken eines vor­ge­ge­be­nen Fern­seh­pro­gramms“. Dass eine sol­che Platt­form über­haupt geschaf­fen wer­den konn­te, mach­ten erst ver­än­der­te Rah­men­be­din­gun­gen im Rund­funk­staats­ver­trag mög­lich. Dort wur­den zen­tra­le Beschrän­kun­gen wie der Drei-Stu­fen-Test zur Bestim­mung des gesell­schaft­li­chen Mehr­wer­tes und Ver­weil­dau­er­be­schrän­kun­gen für Tele­me­di­en­an­ge­bo­te in Bezug auf die Spe­zi­fi­ka des Jugend­me­di­ums „funk“ auf­ge­ho­ben (vgl. ebd., S. 84 ff; vgl. RStV, S. 21 ff.). Das in Para­graph 11g gere­gel­te Jugend­an­ge­bot sol­le die Lebens­rea­li­tät der jun­gen Ziel­grup­pe abbil­den und damit sei­nen Bei­trag zur Erfül­lung des Funk­ti­ons­auf­trags leis­ten (vgl. RStV, S. 23). Mit Stark & Stei­ner (vgl. 2018, S. 89) lässt sich „funk“ treff­lich als eine schma­le Grat­wan­de­rung zwi­schen den nor­ma­ti­ven Anfor­de­run­gen an den ÖRR und einer ini­di­vi­du­el­len, unter­hal­tungs­ori­en­tier­ten Logik von Online-Platt­for­men beschrei­ben. Ich sehe in die­sem Jugend­an­ge­bot grund­sätz­lich einen essen­zi­el­len Schritt für den ÖRR, sich stär­ker an den Inter­es­sen der 14- bis 29-Jäh­ri­gen zu ori­en­tie­ren und die­se auf eine pass­ge­naue Art mit Inhal­ten zu ver­sor­gen. Eine beglei­ten­de Recher­che auf Face­book unter­streicht aber, dass der Unter­hal­tungs­aspekt nicht zu sehr aus­ge­reizt wer­den darf – Vide­os wie „Alman im Home Office“ oder „33 Zun­gen­küs­se in 3 Stun­den“ erschei­nen mir per se noch nicht gemein­wohl­för­der­lich. Pro­ble­ma­tisch könn­te die schwie­ri­ge Sicht­bar­keit des For­ma­tes sein, da „funk“ auf den ers­ten Blick noch kei­ne Ver­bin­dung zu ARD und ZDF sug­ge­riert. Außer­dem geben die bei­den öffent­lich-recht­li­chen Anbie­ter die Bei­trags­se­lek­ti­on in die Hän­de der Inter­me­diä­re, die die Inhal­te von „funk“ auf Basis von Algo­rith­men dis­tri­bu­ier­ten (vgl. Stark & Stei­ner 2018, S. 88) – und spie­len damit ihren größ­ten und gefähr­lichs­ten Kon­tra­hen­ten in die Karten.

Inter­me­diä­re trei­ben den ÖRR in die Enge

Die Bedro­hung durch ande­re glo­bal play­er auf dem digi­ta­len Medi­en­markt betrifft dabei auch die pri­va­ten Sen­der: „Neue Akteu­re und Ange­bots­for­men, ins­be­son­de­re Platt­for­men und Inter­me­diä­re ent­zie­hen dem Wer­be­markt Inves­ti­tio­nen, die nicht mehr für die Jour­na­lis­mus-Finan­zie­rung zur Ver­fü­gung ste­hen. Gleich­zei­tig erzeu­gen sie algo­rith­misch oder durch die Bün­de­lung von User Gene­ra­ted Con­tent ein Ange­bot, das mög­lich­wei­se von Tei­len der Öffent­lich­keit als funk­tio­na­les Äqui­va­lent zu jour­na­lis­tisch pro­du­zier­ten Nach­rich­ten und Kom­men­ta­ren ange­se­hen wird und durch­aus infor­mie­rend sowie mei­nungs­bil­dend wir­ken kann“ (Beck 2018, S. 351). Die­se extre­me Kon­kur­renz auf dem Wer­be­markt könn­te eine Erklä­rung dafür sein, war­um Pres­se und pri­va­ter Rund­funk nei­di­sche Bli­cke auf die kri­sen­si­che­re Finan­zie­rung des ÖRR wer­fen. Doch genau genom­men sind alle drei Ange­bots­for­men von Inter­me­diä­ren bedroht. Denn die­se böten Internet-Nutzer*innen bereits heu­te eine zen­tra­le Ori­en­tie­rungs­funk­ti­on und setz­ten sich damit gegen eta­blier­te Medi­en­an­bie­ter durch (vgl. Seufert 2017, S. 24). Die­se Befun­de sind ins­be­son­de­re für den ÖRR dra­ma­tisch, gefähr­den sie doch die gesell­schaft­li­che Legi­ti­ma­ti­on des Funk­ti­ons­auf­trags. Wenn Platt­for­men zuneh­mend als Gate­kee­per für die Ent­ste­hung und Aus­ge­stal­tung der digi­ta­len Öffent­lich­keit aus Sicht des Publi­kums ein­ge­schätzt wer­den (vgl. Dobusch 2018, S. 308 ff.), braucht es einen ÖRR, der die­ser Ent­wick­lung ent­schlos­sen ent­ge­gen­steu­ert. Das Kern­ge­schäft der Platt­for­men liegt näm­lich ledig­lich dar­in, frem­de Inhal­te zugäng­lich zu machen (vgl. Dörr et al. 2016, S. 16 f.). Sie ermög­lich­ten einer­seits attrak­ti­ve Ver­öf­fent­li­chungs- und Krea­ti­vi­täts­spiel­räu­me für nicht-kom­mer­zi­el­le Akteu­re, ande­rer­seits stel­le die algo­rith­mi­sche Fil­te­rung von Inhal­ten eine Gefahr dar (vgl. Dobusch 2018, S. 308 ff.). Die Auto­ma­tis­men die­ser digi­ta­len Platt­for­men kön­nen getrost als Gegen­pol des Funk­ti­ons­auf­trags des ÖRR bezeich­net wer­den, denn es kom­me „ (…) schnell zu einer Ent­frem­dung zu ande­ren Lebens­mi­lieus, ins­be­son­de­re auch zu einer gewis­sen poli­ti­schen und kul­tu­rel­len Iso­lie­rung (…)“ (Dörr et al. 2016, S. 17). Auch wenn die an öko­no­mi­schen Zie­len inter­es­sier­ten Inter­me­diä­re wie Goog­le gewis­se Infor­ma­ti­ons­gren­zen auf­hö­ben, schränk­ten sie durch den finan­zi­ell beein­fluss­ba­ren Algo­rith­mus Mei­nungs­viel­falt und Chan­cen­gleich­heit ein (vgl. Gund­lach 2020, S. 130 f.). Ins­be­son­de­re Goog­le steht dabei im Mit­tel­punkt der Betrach­tung. Das US-ame­ri­ka­ni­sche Unter­neh­men kön­ne über die algo­rith­mi­sche Orga­ni­sa­ti­on von Such­an­fra­gen gro­ßen Ein­fluss auf die gesell­schaft­li­che Mei­nungs­bil­dung neh­men (vgl. ebd., S. 133). Aus der ARD/ZDF-Lang­zeit­stu­die Mas­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on (vgl. 2020, S. 57) geht zudem her­vor, dass ein Groß­teil der Befrag­ten in Zukunft zuneh­men­den Ein­fluss von Goog­le & Co. erwar­tet und über­dies die stei­gen­de Gefahr von Fil­ter­bla­sen prognostiziert.

„Die­se Ent­wick­lun­gen muss zur Kennt­nis neh­men, wer sich heu­te dar­an­ma­chen will, eine Medi­en­ord­nung auf der Höhe der digi­ta­len Zeit zu gestal­ten. Denn natür­lich brau­chen die über­kom­me­nen Regeln, nach denen wir das bis­lang jour­na­lis­tisch ver­mit­tel­te gesell­schaft­li­che Gespräch gestalten,eine Erneue­rung im Ange­sicht neu­er tech­no­lo­gi­scher Mög­lich­kei­ten“, brin­gen Cars­ten Bros­da und Wolf­gang Schulz (2020, S. 13) auf den Punkt.

Impli­ka­tio­nen für eine zukünf­ti­ge, zwin­gend zukunfts­fä­hi­ge Aus­rich­tung des ÖRR

Die dar­ge­stell­ten Ent­wick­lun­gen der ver­gan­ge­nen Jah­re und Mona­te tan­gie­ren die zukünf­ti­ge, zwin­gend zukunfts­fä­hi­ge Aus­rich­tung des ÖRR mas­siv. Der Begriff Neu­ge­stal­tung ist mir dafür zu hoch gegrif­fen und ver­kennt die bereits exis­tie­ren­den Anstren­gun­gen des ÖRR. Viel­mehr benö­tigt es ein zeit­ge­mä­ßes Update in meh­re­ren Berei­chen und aus­ge­hend von diver­sen Akteurs­grup­pen. Mit der vor­ge­stell­ten Wis­sens­ba­sis und eini­gen Lösungs­an­sät­zen aus der Lite­ra­tur erge­ben sich fol­gen­de, nach Ober­be­grif­fen geord­ne­te Impli­ka­tio­nen für den ÖRR und die Medi­en­po­li­tik der Zukunft:

Dyna­mi­sche, zeit­ge­mä­ße Medi­en­po­li­tik zur Ent­fal­tung des ÖRR

Im Sin­ne von Bros­da & Schulz (vgl. 2020, S. 13) plä­diert die­ser Bei­trag für eine Fle­xi­bi­li­sie­rung des Funk­ti­ons­auf­trags, der den öffent­lich-recht­li­chen Akteu­ren mehr Frei­heit und Eigen­ver­ant­wor­tung ein­räumt. Die Qua­li­täts­kri­te­ri­en des ÖRR soll­ten nicht an bestimm­te Ver­brei­tungs­we­ge gekop­pelt wer­den (vgl. ebd.). Die ein­leuch­ten­de For­de­rung nach einer Anpas­sung des Funk­ti­ons­auf­trags an die Gege­ben­hei­ten der Digi­ta­li­sie­rung for­der­te auch der Akteurs­zu­sam­men­schluss „Zukunft der öffent­lich-recht­li­chen Medi­en“. Die­se spra­chen sich unter ande­rem für eine Abschaf­fung der Lösch­frist für bestimm­te Sen­dun­gen, die erlaub­te Ver­wen­dung pres­se­ähn­li­cher Inhal­te und eine Erwei­te­rung des Archiv­auf­trags der öffent­lich-recht­li­chen Sen­der aus (vgl. Zukunft Öffent­lich-Recht­li­che 2018, S. 2). Wei­ter schreibt die Initia­ti­ve hin­sicht­lich der Wei­ter­ent­wick­lung im Bereich der Tele­me­di­en: „Der Gesetz­ge­ber soll­te sich dar­auf beschrän­ken, dafür ein Ver­fah­ren bereit zu stel­len, das sowohl die Betei­li­gung Betrof­fe­ner als auch der Öffent­lich­keit gewähr­leis­tet und – unter Wah­rung euro­päi­scher Vor­ga­ben – deut­lich unauf­wän­di­ger ist als der bis­her vor­ge­se­he­ne Drei-Stu­fen-Test“ (ebd.). Im 22. Rund­funk­staats­ver­trag haben sich die Län­der sol­chen Anpas­sun­gen bereits ange­nom­men und ana­log zum Jugend­an­ge­bot „funk“ fle­xi­ble­re Gestal­tungs­richt­li­ni­en für den ÖRR fest­ge­legt (vgl. Grass­muck 2020, S. 66). Dies erscheint als wich­ti­ger Schritt, um in Zukunft inno­va­ti­ve, jun­ge, online-zen­trier­te Ange­bo­te fle­xi­bler in das Port­fo­lio des ÖRR auf­zu­neh­men. Zudem emp­fin­de ich den Vor­schlag sinn­voll, den ÖRR im Ver­gleich zu Inter­me­diä­ren medi­en­po­li­tisch zu pri­vi­le­gie­ren, wenn es um die Ver­brei­tung der Inhal­te auf die­sen Platt­for­men geht (vgl. Dörr et al., S. 64 f.). Eine sol­che dyna­mi­sche und zeit­ge­mä­ße Medi­en­po­li­tik dürf­te in Zei­ten mas­si­ver poli­ti­scher, gesell­schaft­li­cher und tech­no­lo­gi­scher Trans­for­ma­tio­nen die Grund­vor­aus­set­zung für einen funk­tio­nie­ren­den ÖRR im Netz bil­den – stets unter Wah­rung und in Abgleich des in Para­graph 11 fest­ge­schrie­be­nen Funktionsauftrags!

Expe­ri­men­tier­freu­de als stra­te­gi­scher Part des ÖRR

Der ÖRR soll­te die von eini­gen Autor*innen ange­reg­te Idee eines natio­na­len und euro­päi­schen Public Open Space wagen (vgl. Mit­sch­ka & Unter­ber­ger 2018, Vor­wort; vgl. Dörr et al. 2016, S. 95 f.; vgl. Grass­muck 2020, S. 79 f.). Die­se impli­ziert eine Ver­net­zung mit Ein­rich­tun­gen wie Muse­en sowie ande­ren Kul­tur- und Bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen (vgl. Dörr et al. 2016, S. 95 f.). Dort könn­ten unter Feder­füh­rung des ÖRR kul­tur-rele­van­te Inhal­te und Ange­bo­te gebün­delt wer­den. Als Vor­bild dient dabei bei­spiels­wei­se die euro­päi­sche Platt­form Euro­pea­na (vgl. Grass­muck 2020, S. 80). Eine Koope­ra­ti­on mit der einer ähn­li­chen Logik des ÖRR fol­gen­den Wis­sens­platt­form Wiki­pe­dia, die sich auch unter uns jun­gen Men­schen gro­ßer Beliebt­heit erfreut, wur­de mit Bewegt­bild-Inhal­ten von Ter­ra X (ZDF) zum The­ma Erd­er­wär­mung bereits durch­ge­führt (vgl. ebd., S. 80 f.). Dies ist ein sinn­vol­ler Ansatz, um den Funk­ti­ons­auf­trag digi­tal mit Leben zu fül­len und sich mit ande­ren Platt­for­men zu ver­net­zen. Vor allem kann es außer­dem ansatz­wei­se bedeu­ten, die Abhän­gig­keit von Inter­me­diä­ren wie You­Tube zu ver­rin­gern. Zusätz­lich lohnt sich ein Blick nach Groß­bri­tan­ni­en zur BBC, die in Deutsch­lands Rund­funk­his­to­rie ohne­hin eine maß­geb­li­che Rol­le spielt. Dort wer­den den Nutzer*innen unter ande­rem zeit­sou­ve­rä­ne Zugrif­fe auf Media­the­ken und die Ver­wen­dung des mobi­len Video­por­tals iPlay­er mit Feed­back­funk­ti­on ermög­licht (vgl. Dörr et al., S. 74 f.). Zudem bau­te die BBC eine eige­ne Online-Platt­form für medi­en­über­grei­fen­de Inhal­te mit hoher Qua­li­tät auf, schuf ein Netz­werk von Repor­tern zur Unter­stüt­zung des Lokal­jorna­lis­mus sowie einen Hub für loka­len Daten­jour­na­lis­mus (vgl. ebd., S. 78 f.). Die aus­ge­kop­pel­te Platt­form BBC Audio Sounds, die unter ande­rem ein brei­tes Pod­cast-Ange­bot bie­tet, mel­de­te im ver­gan­ge­nen Jahr Rekord­zah­len (vgl. Schee­le 2020). Well play­ed! An die­sem star­ken Bei­spiel könn­ten sich die öffent­lich-recht­li­chen Anbie­ter in Deutsch­land ori­en­tie­ren und die digi­ta­le Spiel­wie­se in Ver­ein­ba­rung mit dem Funk­ti­ons­auf­trag umfäng­li­cher und krea­ti­ver nut­zen. Dabei ist ein wich­ti­ger posi­ti­ver Neben­ef­fekt in Aus­sicht, der die Abgren­zung zu Inter­me­diä­ren ver­ein­fa­chen könn­te: Die Stär­kung der eige­nen Medi­en­mar­ken ARD, ZDF und Deutsch­land­ra­dio. Nach Har­dy Gund­lach (vgl. 2020, S. 138) fun­gier­ten star­ke Brands als Ver­trau­ens­an­ker für Rezipient*innen, die bei der Suche nach Infor­ma­tio­nen eine fes­te und ver­läss­li­che Anlauf­stel­le bevorzugten.

Medi­en­kom­pe­tenz för­dern, Nutzer*innenverantwortung stärken

Ins­be­son­de­re jun­ge Men­schen, die in die­sem digi­ta­len Medi­en­markt mit zahl­rei­chen Inter­me­diä­ren und Strea­ming-Anbie­tern auf­wach­sen, soll­ten zusätz­lich die Per­spek­ti­ven öffent­lich-recht­li­cher Anbie­ter in ihr Medi­en­re­por­toire auf­neh­men. Um dies zu gewähr­leis­ten, bedarf es der För­de­rung von Medi­en­kom­pe­tenz: „Medi­en­nut­ze­rin­nen und ‑nut­zer benö­ti­gen eine fun­dier­te Medi­en­kom­pe­tenz, um sie im Gedan­ken des Public Value in ihrer Dop­pel­rol­le als Rezipientin/​Rezipient und Bürgerin/​Bürger zu stär­ken, die Public-Value-Medi­en nut­zen und for­dern“ (Gon­ser 2018, S. 3). Aus eige­ner Erfah­rung weiß ich, dass die­ses The­ma an Schu­len viel zu kurz kommt. Medi­en­kom­pe­tenz im digi­ta­len Zeit­al­ter soll­te min­des­tens Berück­sich­ti­gung im Poli­tik­un­ter­richt fin­den, wenn nicht sogar als eige­nes Fach ange­bo­ten wer­den. In den Bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen muss zwin­gend das grund­le­gen­de Ver­ständ­nis für die Bedeu­tung jour­na­lis­ti­scher und öffent­lich-recht­li­cher Medi­en für die Aus­ge­stal­tung demo­kra­ti­scher Pro­zes­se gelegt wer­den (vgl. Schnei­der & Eisen­eg­ger 2018, S. 106). Medi­enso­zia­li­sa­ti­on und damit ein­her­ge­hen­de Nut­zungs­rou­ti­nen gel­ten schließ­lich als prä­gen­de Pro­zes­se für spä­te­res Rezep­ti­ons­ver­hal­ten (vgl. Gon­ser & Rei­ter 2018, S. 153). Sind die Grund­la­gen für Medi­en­kom­pe­tenz flä­chen­de­ckend gelegt, ent­schei­den die Nutzer*innen über die Anwen­dung des gesam­mel­ten Wis­sens. Daher ist an sämt­li­che (jun­ge) Medienrezipient*innen zu appel­lie­ren, sich über die Aus­wir­kun­gen ihres media­len Kon­sums bewusst zu wer­den und die von Nico­le Gon­ser beschrie­be­ne Dop­pel­rol­le anzu­neh­men. Denn sie sind es, die durch ihr kon­kre­tes Nut­zungs­ver­hal­ten und die Nach­fra­ge maß­geb­lich zur Aus­ge­stal­tung des Medi­en­sys­tems bei­tru­gen (vgl. Beck 2018, S. 349).

Mehr Par­ti­zi­pa­ti­on in Ent­ste­hungs­pro­zes­sen, mehr Trans­pa­renz und Viel­falt in Entscheidungsprozessen

Eine stär­ke­re Par­ti­zi­pa­ti­on der Rezipient*innen inner­halb der Ent­ste­hungs­pro­zes­se des ÖRR ist in der Lite­ra­tur nahe­zu Kon­sens. Die­ses Stre­ben geht von der Annah­me aus, dass neben den klas­si­schen Codes der Mas­sen­me­di­en eine sozi­al­me­dia­le Kom­po­nen­te, die Feed­back- und Aus­tausch­mög­lich­kei­ten beinhal­tet, gra­vie­rend an Bedeu­tung gewinnt (vgl. Rau 2019, S. 52 f.). Span­nend und logisch zugleich ist der Vor­schlag von Chris­to­pher Buschow, sich an jour­na­lis­ti­schen Start-Ups zu ori­en­tie­ren. Er unter­schei­det zwi­schen zwei For­men der Betei­li­gung: Mit­ar­beit inner­halb der The­men­se­lek­ti­on und Kon­ver­sa­ti­ons­jour­na­lis­mus (vgl. Buschow 2018, S. 33). Für den ÖRR ergibt ers­te­re Opti­on Sinn. Nutzer*innen könn­ten an Redak­ti­ons­sit­zun­gen teil­neh­men und aktiv The­men­wün­sche ein­brin­gen (vgl. ebd.). Die kon­kre­te Recher­che und End­ergeb­nis­se lägen wei­ter­hin in den Hän­den der aus­ge­bil­de­ten Spezialist*innen des ÖRR (vgl. ebd.). Ein wei­te­rer Ansatz­punkt wäre für mich die Schaf­fung von Syn­er­gien zwi­schen dem ÖRR und Bür­ger­me­di­en. Beck (vgl. 2018, 273 f.) berich­tet, dass letz­te­re nicht pro­fes­sio­nell pro­du­zier­ten und über ihre Abschaf­fung dis­ku­tiert wer­de. War­um soll­te der ÖRR nicht bei­spiels­wei­se auf einer zen­tra­len Platt­form im Inter­net Bür­ger­me­di­en unter­stüt­zen, wäh­rend die­se als opti­ma­ler Spie­gel für gesell­schaft­lich rele­van­te The­men fun­gie­ren? Das riecht nach einer Win-Win-Situa­ti­on für bei­de Sei­ten. Klaus Mei­er (2018, S. 37) fasst die Kern­idee der Partizipationsbefürworter*innen unter der For­mel „Unser aller Rund­funk“ zusam­men: „Sie ent­hält vie­ler­lei Poten­zi­al für neue redak­tio­nel­le Ideen, die nicht nur ein­sei­ti­ge Vor­stel­lun­gen von Demo­kra­tie und Öffent­lich­keit in der digi­ta­len Medi­en­welt ver­fol­gen, son­dern sowohl par­ti­zi­pa­tiv und dia­log­ori­en­tiert umfas­sen­de Betei­li­gungs­mög­lich­kei­ten vie­ler Akteu­re am öffent­li­chen Dis­kurs eröff­nen, als auch libe­ral-reprä­sen­ta­ti­ve Model­le mit der Sehn­sucht nach Ori­en­tie­rung, Ver­läss­lich­keit und Auf­klä­rung umset­zen und mit Leben fül­len“.

Die For­de­rung nach stär­ke­rer Trans­pa­renz inner­halb der Ent­schei­dungs­pro­zes­se ist ins­be­son­de­re auf die Kon­troll­gre­mi­en des ÖRR gemünzt. Die­se soll­ten dia­log­ori­en­tier­ter agie­ren und bei­spiels­wei­se offe­ne Tagun­gen abhal­ten (vgl. Mei­er 2018, S. 36; vgl. Zukunft Öffent­lich-Recht­li­che 2018, S. 3). Fer­ner emp­fiehlt die­ser Bei­trag eine Ent­po­li­ti­sie­rung der Kon­troll­gre­mi­en, die sich in einer aus­ge­wo­ge­ne­ren und staats­fer­ne­ren Zusam­men­set­zung wider­spie­geln wür­de. Hier­für kön­nen die Anre­gun­gen eines Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ra­tes (vgl. Jar­ren 2020, S. 258) und eines gesell­schaft­li­chen Kon­troll­gre­mi­ums (vgl. Don­ges 2016, S. 92) auf­ge­grif­fen wer­den. Damit gin­ge gleich­zei­tig eine stär­ke­re Viel­falt in Ent­schei­dungs­pro­zes­sen ein­her. Die­se könn­te außer­dem durch eine diver­si­fi­zier­te­re Cha­rak­ter­struk­tur in Redak­tio­nen inten­si­viert wer­den (vgl. Pörk­sen 2018, S. 48) – so, wie es bei­spiels­wei­se „funk“ in der Pra­xis umge­setzt hat. Ein essen­zi­el­ler Ansatz für eine höhe­re Akzep­tanz des ÖRR besteht für mich abschlie­ßend in einer trans­pa­ren­te­ren Infor­ma­ti­on über den Rund­funk­bei­trag. Damit sind wir am Aus­gangs­bei­spiel ange­kom­men: Der Bei­trags­ser­vice von ARD, ZDF und Deutsch­land­ra­dio soll­te bereits in sei­nem Ein­zie­hungs­an­schrei­ben aus­führ­lich dar­stel­len, wie sich die monat­li­che Abga­be zusam­men­setzt und in wel­che Berei­che sie kon­kret inves­tiert wird. Exem­pla­risch dafür sei auf die Aus­füh­run­gen von Vol­ker Grass­muck (vgl. 2020, S. 52–57) hin­ge­wie­sen, der die Kos­ten­stel­len Per­so­nal, Pro­gramm und Orga­ne über­sicht­lich erklärt und auch die Vor­tei­le für Ver­wei­ge­rer des ÖRR ein­drück­lich zusammenfasst.

Plä­doy­er für einen star­ken ÖRR inner­halb einer dyna­mi­schen Medienpolitik 

Die­se Sei­ten von Grass­muck haben mir jeden­falls sehr dabei gehol­fen, die Bei­trags­fi­nan­zie­rung bes­ser zu ver­ste­hen. Ich habe sie sogleich an mei­nen Mit­be­woh­ner wei­ter­ge­lei­tet und bin gespannt auf sei­ne Ant­wort. Für mich steht fest, dass sich das Dua­le Rund­funk-Modell mit bin­nen- und außen­plu­ra­lis­ti­scher Sicher­stel­lung von Viel­falt  bewährt hat – eben­so wie die fes­te Finan­zie­rung. In die­sen poli­tisch, gesell­schaft­lich und tech­no­lo­gisch beweg­ten Zei­ten braucht es viel­leicht sogar mehr denn je einen gestärk­ten ÖRR als ein­ord­nen­de, demo­kra­tie­för­dern­de Instanz. Mit einer dyna­mi­schen Medi­en­po­li­tik und wei­te­ren Anstö­ßen aus Wis­sen­schaft, IT und Medi­en­bran­che erge­ben sich dem ÖRR dar­über hin­aus viel­fäl­ti­ge Mög­lich­kei­ten, sein Ange­bot kon­se­quent an einer dem Funk­ti­ons­auf­trag gerecht wer­den­den Digi­tal­stra­te­gie aus­zu­rich­ten. Gelingt dem ÖRR in Deutsch­land die­ser Spa­gat, ist es zumin­dest mög­lich, dass er die Dis­kus­sio­nen um sei­ne Legi­ti­mi­täts­grund­la­ge künf­tig auch in All­tags­si­tua­tio­nen zumin­dest in gerin­ge­rem Aus­maß füh­ren darf.

Lite­ra­tur

ARD ZDF Deutsch­land­ra­dio Bei­trags­ser­vice (2020): Für alle – von allen: Der Rund­funk­bei­trag. Pri­va­tes Anschrei­ben zur Erhe­bung des Rundfunkbeitrags.

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Arnold, Klaus (2016): Qua­li­tät des Jour­na­lis­mus. In: M. Löf­fel­holz, L. Rothen­ber­ger (Hrsg.), Hand­buch Jour­na­lis­mus­theo­rien (S. 551–563). Wies­ba­den: Sprin­ger Fachmedien.

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Beck, Klaus (2018): Das Medi­en­sys­tem Deutsch­lands. Struk­tu­ren, Märk­te, Regu­lie­rung. Wies­ba­den: Sprin­ger Fachmedien.

Buschow, Chris­to­pher: Was der öffent­lich-recht­li­che Rund­funk von jour­na­lis­ti­schen Start-ups ler­nen kann. Zur Zusam­men­ar­beit von Neu­grün­dun­gen mit ihrem Publi­kum. In: N. Gon­ser (Hrsg.), Der öffent­li­che (Mehr-)Wert von Medi­en. Public Value aus Publi­kums­sicht (S. 23–40). Wies­ba­den: Sprin­ger Fachmedien.

Bun­des­län­der Deutsch­lands (2019): Staats­ver­trag für Rund­funk und Tele­me­di­en (Rund­funk­staats­ver­trag) vom 31. August 1991, zuletzt geän­dert durch den Zwei­und­zwan­zigs­ten Rund­funk­än­de­rungs­staats­ver­trag vom 15. – 26. Okto­ber 2018. Online ver­füg­bar unter https://www.mdr.de/unternehmen/informationen/dokumente/staatsvertrag-rundfunk-telemedien-rundfunkstaatsvertrag100-downloadFile.pdf, abge­ru­fen am 04.02.2021.

Dobusch, Leon­hard (2018): Demo­kra­tisch-media­le Öffent­lich­kei­ten im Zeit­al­ter digi­ta­ler Platt­for­men. In In K. Mit­sch­ka & K. Unter­ber­ger (Hrsg.), Public Open Space. Zur Zukunft öffent­lich-recht­li­cher Medi­en (S. 308–312). Wien, facul­tas Verlag.

Don­ges, Patrick (2016): Funk­ti­ons­auf­trä­ge des Rund­funks. In J. Heesen (Hrsg.), Hand­buch Medi­en- und Infor­ma­ti­ons­ethik (S. 89–95). Stutt­gart, J. B. Metz­ler Verlag.

Dörr, Die­ter, Holz­na­gel, Bernd & Picot, Arnold (2016): Legi­ti­ma­ti­on und Auf­trag des öffent­lich-recht­li­chen Fern­se­hens in Zei­ten der Cloud. Online ver­füg­bar unter https://www.zdf.de/assets/161007-gutachten-doerr-holznagel-picot-100~original , abge­ru­fen am 06.02.2021.

Eber­wein, Tobi­as, Saurwein, Flo­ri­an & Kar­ma­sin, Mat­thi­as (2019): Öffent­lich-recht­li­cher Rund­funk in Euro­pa: ein kenn­zah­len­ba­sier­ter Ver­gleich zum Ver­hält­nis von Finan­zie­rung und Publi­kums­leis­tun­gen. In: M. Heim­bach-Steins (Hrsg.): Öffent­lich-recht­li­che Medi­en – Jahr­buch für Christ­li­che Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, Band 60 (S. 141–167). Müns­ter: Aschen­dorff Verlag.

Eisen­eg­ger, Mar­kus & Schnei­der, Jörg (2018): News­re­per­toires jun­ger Erwach­se­ner Medi­en­nut­zung und Poli­tik­wahr­neh­mung im Wan­del. In: N. Gon­ser (Hrsg.), Der öffent­li­che (Mehr-)Wert von Medi­en. Public Value aus Publi­kums­sicht (S. 93–107). Wies­ba­den: Sprin­ger Fachmedien.

Fili­po­vić, Alex­an­der (2019): Öffent­lich­keits­be­griff und Gemein­wohl­re­le­vanz des öffent­lich-recht­li­chen Rund­funks. Eine sozi­al- und medi­en­ethi­sche Per­spek­ti­ve. In: M. Heim­bach-Steins (Hrsg.): Öffent­lich-recht­li­che Medi­en – Jahr­buch für Christ­li­che Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, Band 60 (S. 87–112). Müns­ter: Aschen­dorff Verlag.

Funk (2021): Web­sei­te des Jugend­an­ge­bo­tes von ARD und ZDF. Online ver­füg­bar unter https://www.funk.net/funk, abge­ru­fen am 04.02.2021.

Gon­ser, Nico­le (2018): Zur Bedeu­tung von Public-Value-Medi­en für das Publi­kum. Eine Ein­lei­tung. In: N. Gon­ser (Hrsg.), Der öffent­li­che (Mehr-)Wert von Medi­en. Public Value aus Publi­kums­sicht (S. 1–8). Wies­ba­den: Sprin­ger Fachmedien.

Gon­ser, Nico­le & Rei­ter, Gise­la (2018): Öffent­lich-recht­li­che Medi­en­an­ge­bo­te und die Hal­tung des Publi­kums. In: N. Gon­ser (Hrsg.), Der öffent­li­che (Mehr-)Wert von Medi­en. Public Value aus Publi­kums­sicht (S. 151–165). Wies­ba­den: Sprin­ger Fachmedien.

Grass­muck, Vol­ker (2018): Für eine euro­päi­sche Platt­form in Public Part­ners­hip. In K. Mit­sch­ka & K. Unter­ber­ger (Hrsg.), Public Open Space. Zur Zukunft öffent­lich-recht­li­cher Medi­en (S. 313–319). Wien, facul­tas Verlag.

Grass­muck, Vol­ker (2020): Öffent­lich-Recht­li­che Medi­en. Aus­kunft zu eini­gen häu­fig gestell­ten Fra­gen. Eine Publi­ka­ti­on der Hein­rich-Böll-Stif­tung, Juni 2020. Online ver­füg­bar unter https://www.boell.de/de/2020/06/30/oeffentlich-rechtliche-medien, abge­ru­fen am 04.02.2021.

Gund­lach, Har­dy (2020): Brau­chen wir eine öffent­lich-recht­li­che Such­ma­schi­ne? Zum Wett­be­werb im Online-Infor­ma­ti­ons­markt und stra­te­gi­sche Optio­nen für Public-Ser­vice-Medi­en. In: N. Gon­ser (Hrsg.), Der öffent­li­che (Mehr-)Wert von Medi­en. Public Value aus Publi­kums­sicht (S. 129–150). Wies­ba­den: Sprin­ger Fachmedien.

Hanfeld, Micha­el (2020): Uns droht ein Platt­form­schutz­ge­setz. Fra­gen an den Prä­si­den­ten des Pres­s­ele­ger­ver­bands, Mathi­as Döpf­ner. In Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung, Nr. 284, Aus­ga­be vom 05.02.2020, S. 16. Frank­furt: Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung GmbH.

Jar­ren, Otfried (2020): Ver­ant­wor­tungs­kul­tur in der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ge­sell­schaft: Kom­mu­ni­ka­ti­ons­po­li­tik – als Ansatz zur Aus­ge­stal­tung der digi­ta­len Medi­en­welt. In A. Sei­bert-Fohr (Hrsg.), Ent­grenz­te Ver­ant­wor­tung: Zur Reich­wei­te und Regu­lie­rung von Ver­ant­wor­tung in Wirt­schaft, Medi­en, Tech­nik und Umwelt (S. 241–261). Ber­lin: Sprin­ger Ver­lag GmbH.

Kops, Man­fred (2016): Der Rund­funk als pri­va­tes und öffent­li­ches Gut. In: Arbeits­pa­pie­re des Insti­tuts für Rund­fun­k­öko­no­mie an der Uni­ver­si­tät zu Köln, Nr. 307 (S. 5–33). Online ver­füg­bar unter http://www.rundfunk-institut.uni-koeln.de/, abge­ru­fen am 09.02.2021.

Mei­er, Klaus (2018): Unser aller Rund­funk. In K. Mit­sch­ka & K. Unter­ber­ger (Hrsg.), Public Open Space. Zur Zukunft öffent­lich-recht­li­cher Medi­en (S. 35–37). Wien, facul­tas Verlag.

Mit­sch­ka, Kon­rad & Unter­ber­ger, Klaus (2018): Vor­wort. In K. Mit­sch­ka & K. Unter­ber­ger (Hrsg.), Public Open Space. Zur Zukunft öffent­lich-recht­li­cher Medi­en. Wien, facul­tas Verlag.

Pörk­sen, Bern­hard (2018): Die neue Macht des Publi­kums. In K. Mit­sch­ka & K. Unter­ber­ger (Hrsg.), Public Open Space. Zur Zukunft öffent­lich-recht­li­cher Medi­en (S. 38–49). Wien, facul­tas Verlag.

Rau, Harald (2019): Selb­stän­de­rungs­fä­hig­keit im deut­schen Rund­funk. Sys­tem­theo­re­tisch moti­vier­te Über­le­gun­gen zu einer zukunfts­ori­en­tier­ten regu­la­to­ri­schen Ein­griffs­le­gi­ti­mie­rung. In: J. Kro­ne & A. Gebes­mair (Hrsg.), Zur Öko­no­mie gemein­wohl­ori­en­tier­ter Medi­en (S. 37–56). Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft.

Schee­le, Franz (2020): Pod­cast-Platt­form der BBC mel­det Rekord­nut­zung. In: Wer­ben & Ver­kau­fen. Online ver­füg­bar unter https://www.wuv.de/medien/podcast_plattform_der_bbc_meldet_rekordnutzung, abge­ru­fen am 10.02.2021.

Seufert, Wolf­gang (2017): Das Inter­net und sei­ne Kon­se­quen­zen für die medi­en­öko­no­mi­sche Theo­rie. In W. Seufert (Hrsg.), Media Eco­no­mics revi­si­ted. (Wie) Ver­än­dert das Inter­net die Öko­no­mie der Medi­en? (S. 9–32). Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft.

Sie­gert, Gabrie­le, Som­mer, Chris­toph & von Rimscha, Bjørn (2018): Unter­hal­tung als öffent­lich-recht­li­cher Auf­trag. In K. Mit­sch­ka & K. Unter­ber­ger (Hrsg.), Public Open Space. Zur Zukunft öffent­lich-recht­li­cher Medi­en (S. 225–241). Wien, facul­tas Verlag.

Stark, Bir­git & Stei­ner, Miri­am (2018): Public Net­work Value for the Next Genera­ti­on am Bei­spiel von funk. Das neue Online-Jugend­an­ge­bot. In: N. Gon­ser (Hrsg.), Der öffent­li­che (Mehr-)Wert von Medi­en. Public Value aus Publi­kums­sicht (S. 77–92). Wies­ba­den: Sprin­ger Fachmedien.

Süs­sen­ba­cher, Danie­la (2018): Der Jour­na­lis­mus und sein Publi­kum. Zwi­schen Attrak­ti­on und Bezie­hungs­ar­beit. In: N. Gon­ser (Hrsg.), Der öffent­li­che (Mehr-)Wert von Medi­en. Public Value aus Publi­kums­sicht (S. 193–210). Wies­ba­den: Sprin­ger Fach­me­di­en. Zukunft-Öffent­lich-Recht­li­che (2018): Zur Zukunft der öffent­lich-recht­li­chen Medi­en – Offe­ner Brief. Online ver­füg­bar unter https://zukunft-öffentlich-rechtliche.de/, abge­ru­fen am 08.11.2020.

Kom­Ma im neu­en Hand­buch Medi­en­öko­no­mie: Meri­to­rik als zen­tra­les Kapitel!

Die öster­rei­chi­schen Medi­en­öko­no­men Jan Kro­ne und Tas­si­lo Pel­le­gri­ni haben ein Mam­mut­werk geschafft. Jetzt kam gleich in zwei Bän­den das Hand­buch Medi­en­öko­no­mie im Sprin­ger-Ver­lag her­aus. Im Werk ste­cken nahe­zu zehn Jah­re Arbeit. Und es zeigt sich: Kom­Ma ist und bleibt in Deutsch­land eine wich­ti­ge Hei­mat für die Medi­en­wirt­schaft mit sowohl volks- als auch betriebs­wirt­schaft­li­chen Bezü­gen. Spä­tes­tens die vor­lie­gen­de Publi­ka­ti­on macht es deutlich.

Harald Rau, Inha­ber der Kom­Ma-Pro­fes­sur, ist sehr pro­mi­nent gleich im ers­ten Kapi­tel des ers­ten Ban­des ver­tre­ten mit einem – aus sei­ner Sicht natür­lich selbst­ver­ständ­lich erschei­nen­den – wich­ti­gen und bedeut­sa­men Bei­trag für die Medi­en­öko­no­mie: „Meri­to­rik – eine Fra­ge der Prä­fe­ren­zen“ – so ist der Bei­trag über­schrie­ben und Rau ent­wi­ckelt auf gut 25 Sei­ten ein umfas­sen­des Kon­zept zur Medi­en­me­ri­to­rik, das über bis­her vor­han­de­ne Publi­ka­tio­nen deut­lich hinausweist.

Meri­to­rik begrün­det viel­fach Ein­grif­fe des Gesetz­ge­bers in das Medi­en­sys­tem, ist damit auch ein wich­ti­ges medi­en­po­li­ti­sches The­ma, wenn­gleich eine erfah­rungs­wis­sen­schaft­li­che Bestä­ti­gung bis­lang eher pro­ble­ma­tisch ist. Am wei­tes­ten hat in die­sem Punkt mög­li­cher­wei­se die kri­ti­sche Theo­rie gedacht, wor­in sich zeigt, dass Medi­en­öko­no­mie nie von gesell­schafts­theo­re­ti­schen Aspek­ten abge­spal­ten wer­den kann. Viel­mehr ist sie zen­tral für alles kom­munka­ti­ons­wis­sen­schaft­li­che Den­ken, vor allem dann, wenn es um Mas­sen­me­di­en oder Sozia­le Medi­en geht.

Im Buch gibt es übri­gens ein Wie­der­se­hen mit der gesam­ten Gemein­schaft for­schen­der Medi­en­öko­no­men im deutsch­spra­chi­gen Raum – beein­dru­ckend und bemer­kens­wert. Es ist ein wich­ti­ges Buch, weil es die Medi­en­öko­no­mie auch aus ihrem Schat­ten­da­sein her­aus­führt, das sie ange­sichts kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­li­cher Schwer­punk­te der meis­ten For­scher lan­ge Jah­re führte.

Und die­ses Buch zeigt, wie bedeu­tend Fach­hoch­schu­len sind, was die For­schungs­leis­tung betrifft. Denn wäh­rend an den Uni­ver­si­tä­ten die Medi­en­öko­no­mie nach wie vor gegen­über ande­ren Dis­zi­pli­nen stark unter­re­prä­sen­tiert ist, haben zahl­rei­che FH-Pro­fes­su­ren beacht­li­che wis­sen­schaft­li­che Erfol­ge erzie­len kön­nen. Kom­Ma zählt frag­los zu diesen.

Medi­en­kom­pe­tenz bedeu­tet Teil­ha­be – Autorin: Karo­li­ne Steinbock

Das ers­te von ins­ge­samt vier Essays, die sich damit aus­ein­an­der­set­zen, wie die Zukunft von Mas­sen­me­di­en und Sozia­len Medi­en auch poli­tisch ver­ant­wort­lich gestal­tet wer­den kön­nen. Karo­li­ne Stein­bock nimmt hier­für den Begriff der Medi­en­kom­pe­tenz in den Blick – und hin­ter­fragt mit spit­zer Feder, wie in einer zukunfts­fä­hi­gen Gesell­schaft ver­ant­wor­tungs­vol­le Medi­en­nut­zung geför­dert wer­den kann.

Medi­en­kom­pe­tenz bedeu­tet Teil­ha­be: Eta­blie­rung einer zivil­ge­sell­schaft­li­chen Medi­en- und Kommunikationspolitik

Unse­re Medi­en­land­schaft ist im Wan­del. Neben klas­si­schen Mas­sen­me­di­en spie­len Inter­me­diä­re eine immer grö­ße­re Rol­le, was neue Her­aus­for­de­run­gen für die Medi­en­re­gu­lie­rung mit sich bringt. Durch Social Media ver­schmilzt Indi­vi­dual­kom­mu­ni­ka­ti­on mit gesell­schaft­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on. Algo­rith­men beein­flus­sen, wel­ches Wis­sen und wel­che Infor­ma­tio­nen wir bekom­men. Medi­en­in­ter­me­diä­re prä­gen also aktiv unse­ren All­tag mit, denn wenn wir etwas suchen, möch­ten wir ein kon­kre­tes Ergeb­nis und kei­ne Aus­wahl an gesell­schaft­lich rele­van­ten Aspek­ten. Unse­re Erwar­tun­gen an Inter­me­diä­re müs­sen daher immer wie­der neu bedacht wer­den und in eine der digi­ta­len Zeit ange­pass­ten Medi­en­po­li­tik ein­flie­ßen. Eine Medi­en­po­li­tik und ‑regu­lie­rung soll­te daher stets fle­xi­bel ange­passt wer­den. Das fängt schon bei der Bezeich­nung an. Medi­en­po­li­tik defi­nie­re die öffent­li­che, medi­al ver­mit­tel­te Kom­mu­ni­ka­ti­on vor allem über Mas­sen­me­di­en (vgl. Kat­zen­bach 2018, S. 21ff.). Kom­mu­ni­ka­ti­ons­po­li­tik dage­gen umfas­se Rege­lun­gen für die Indi­vi­dual­kom­mu­ni­ka­ti­on (vgl. ebd.). Medi­en­po­li­tik set­ze ihren Fokus auf Medi­en­or­ga­ni­sa­ti­on und Struk­tu­ren, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­po­li­tik auf die Kom­mu­ni­ka­ti­on an sich (vgl. ebd.). Mit dem Medi­en­staats­ver­trag ist der Staat einen Schritt in Rich­tung der Regu­lie­rung von Medi­en­in­ter­me­diä­re gegan­gen. Was aller­dings zu kurz kommt, ist der Blick auf die, die über Medi­en kom­mu­ni­zie­ren und sie mit­ge­stal­ten. Nutzer:innen wer­den nach wie vor nicht in die Medi­en- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­po­li­tik mit ein­be­zo­gen. Medi­en­po­li­tik soll­te an die­sem Punkt noch einen Schritt wei­ter­ge­dacht wer­den. Otfried Jar­ren schlägt dazu vor, einen staats­fer­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­rat zu eta­blie­ren (vgl. Jar­ren 2019). Bürger:innen könn­ten hier als ein Akteur neben vie­le wei­te­ren an der Aus­ge­stal­tung von Nor­men, Regeln und Ver­bo­ten betei­ligt wer­den (vgl. ebd.). Das Wich­tigs­te dabei sei­en auf­ge­klär­te und kom­pe­ten­te Nutzer:innen (vgl. ebd., S. 77). Um auf­ge­klärt und kom­pe­tent zu sein, ist vor allem eins zen­tral – Medi­en­kom­pe­tenz. Eine Betei­li­gung der Anwender:innen stellt folg­lich zwei For­de­run­gen: Für eine Betei­li­gung der Rezipient:innen muss deren Medi­en­kom­pe­tenz gestärkt wer­den. Des Wei­te­ren ist der Staat ver­pflich­tet den recht­li­chen Rah­men setz­te, um die Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on der Nut­zer zu fördern.

Was bis­her in der Medi­en­po­li­tik fehlt, sind kla­re Struk­tu­ren, wie neben Politiker:innen ande­re Akteur:innen ein­be­zo­gen wer­den kön­nen. Struk­tu­ren der Medi­en­po­li­tik sei­en im föde­ra­len Deutsch­land gene­rell recht kom­plex und unüber­sicht­lich (vgl. Ves­ting 2016). Das Zusam­men­spiel aus Bund und Län­dern erschwe­re durch Kon­struk­te wie das Ein­stim­mig­keits­prin­zip die poli­ti­schen Abstim­mun­gen (vgl. ebd.). Wie es zu Ent­schei­dun­gen kom­me, ist für Bürger:innen oft nicht trans­pa­rent gestal­tet (vgl. Böll.Fokus 2020). Die Abstim­mung über die Erhö­hung des Rund­funk­bei­tra­ges im Dezem­ber 2020 hat das noch ein­mal vor Augen geführt. Dabei betrifft Medi­en­po­li­tik jeden ein­zel­nen. Viel­leicht heu­te mehr denn je.

Ein­zel­ne Ver­su­che Nutzer:innen an Medi­en­po­li­tik zu betei­li­gen, gibt es bereits. Der Ver­ein zur Eta­blie­rung von Publi­kums­rä­ten e.V. hat sich so zum Bei­spiel die Instal­la­ti­on von Publi­kums­rä­ten im öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk zum Ziel gesetzt (vgl. Publikumsrat.de 2021). Sie plä­die­ren für mehr Viel­falt, Par­ti­zi­pa­ti­on und Trans­pa­renz (vgl. ebd.). In einer Media Gover­nan­ce wäre genau das mög­lich. Was ist jetzt der Unter­schied zwi­schen Medi­en­po­li­tik und einer Media Gover­nan­ce? Nun hin­ter Media Gover­nan­ce steht ein ein­fa­cher Gedan­ke: Es sol­le eine Plu­ra­li­sie­rung von Akteur:innen und Platt­for­men erzeugt wer­den, um über Regu­lie­run­gen sowie eine inte­gra­ti­ve Sicht auf die­se und gesell­schaft­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on zu dis­ku­tie­ren (vgl. Katenz­bach 2018, S. 34f.). An der Dis­kus­si­on und Durch­set­zung wer­den nicht-staat­li­che, pri­va­te oder bür­ger­li­che Akteur:innen betei­ligt (vgl. Pup­pis 2010, S. 137ff.). Es gehe also dar­um gemein­sam ver­bind­li­che Regeln für Medi­en­st­ruk­tu­ren, ‑inhal­te und ‑hand­lun­gen zu schaf­fen und die­se in For­men der Selbst- und Ko-Regu­lie­rung fest­zu­le­gen (vgl. Kat­zen­bach 2018, S. 42). Als Selbst- und Ko-Regu­lie­rung von Medi­en habe Gover­nan­ce in Deutsch­land bereits eine lan­ge Tra­di­ti­on (vgl. Betz & Küb­ler 2013, S. 34). Bei­spie­le hier­für sind die Rund­funk­rä­te der öffent­lich-recht­li­chen Sen­der, der Deut­sche Pres­se­rat oder die Frei­wil­li­ge Selbst­kon­trol­le Fern­se­hen (vgl. ebd.). Der Medi­en­be­reich bie­te sich grund­sätz­lich für Gover­nan­ce-Struk­tu­ren an, da der Staat bei der Regu­lie­rung der Medi­en durch die Mei­nungs- und Medi­en­frei­heit ein­ge­schränkt sei (vgl. ebd.).

Gene­rell wer­de das Kon­zept der Gover­nan­ce immer dann her­vor­ge­holt, wenn der Staat als Regu­lie­rer an sei­ne Gren­zen sto­ße (vgl. ebd., S. 11f.). Denn es schwin­ge die Hoff­nung mit, durch ein Ein­be­zie­hen der Zivil­be­völ­ke­rung die Legi­ti­mi­tät und Effek­ti­vi­tät von Regu­lie­run­gen zu stei­gern (vgl. ebd.). Da der Begriff der Gover­nan­ce bis­her nicht prä­zi­se zu defi­nie­ren sei, bie­te er so eine Chan­ce, das Kon­zept unvor­ein­ge­nom­men und krea­tiv umzu­set­zen (vgl. ebd., S. 10). Wer­den aber staat­li­che und nicht-staat­li­che Regu­lie­rung kom­bi­niert, kön­nen die Sys­te­me sehr kom­plex und schwer durch­schau­bar wer­den (vgl. Schulz & Held 2007, S. 97f.). Meist feh­le es an prä­zi­sen Vor­ga­ben, Trans­pa­renz und einer kon­kre­ten Auf­ga­ben­tren­nung (vgl. ebd.). Was einer neu zu eta­blie­ren­den Insti­tu­ti­on nicht pas­sie­ren soll­te, ist kom­ple­xer zu wer­den, als Medi­en­po­li­tik ohne­hin schon ist. Da die Dyna­mi­ken einer Gover­nan­ce nicht expli­zit defi­niert sind, ist nicht fest­ge­legt, wel­che Akteur:innen ein­ge­bun­den wer­den oder wie Regu­lie­run­gen zu stan­den kom­men. Bis­her sei Medi­en­po­li­tik und Regu­lie­rung in den Hän­den weni­ger Politiker:innen, die Per­spek­ti­ve der Rezipient:innen und Konsument:innen sei bis­lang nicht ein­be­zo­gen wor­den (vgl. Jar­ren 2013, S. 59f.). Der Auf­bau eines Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ra­tes, wie Jar­ren ihn for­dert, set­ze eine Betei­li­gung aller Mit­wir­ken­den vor­aus, um Nor­men und Regeln zu eta­blie­ren (vgl. Jar­ren 2019, S. 68). Neben Bürger:innen soll­ten bei Gover­nan­ce-Struk­tu­ren auch Wissenschaftler:innen, Medi­en­schaf­fen­de, Medi­en­un­ter­neh­men und Wirtschaftsakteur:innen ein­ge­bun­den wer­den. Der Staat wird dadurch nur noch zu einem Akteur von vie­len. Sei­ne Auf­ga­be bestehe vor­ran­gig in der Schaf­fung von Rah­men­be­din­gun­gen (vgl. ebd., S. 68). Von ihm geht dann nicht mehr, wie bei Government-Struk­tu­ren üblich, alle Hand­lungs­macht aus. Eine ähn­li­che Idee stammt von Hans Hege, dem ehe­ma­li­gen Lei­ter der Medi­en­an­stalt Ber­lin-Bran­den­burg. Er for­dert die Eta­blie­rung einer Medi­en­agen­tur durch die Auf­spal­tung der Lan­des­me­di­en­an­stal­ten. Die Anstal­ten sol­len ihre Auf­ga­ben der Medi­en­för­de­rung und Medi­en­kom­pe­tenz behal­ten, nur die Regu­lie­rung wer­de aus­ge­la­gert (vgl. Hege 2020). Hel­mut Har­tung, der Her­aus­ge­ber und Chef­re­dak­teur von medienpolitik.net, erwei­tert die Idee Heges noch. Als Medi­en­agen­tur könn­ten die Kom­mis­si­on zur Ermitt­lung der Kon­zen­tra­ti­on im Medi­en­be­reich (KEK) und die Zen­tra­le der Medi­en­an­stal­ten in Ber­lin zusam­men­ge­schlos­sen und im Kul­tur­staats­mi­nis­ter (BKM) ange­sie­delt wer­den (vgl. Medi­en­ta­ge Mit­tel­deutsch­land Pod­cast 2020). Medi­en­po­li­tik müs­se heu­te über die Lan­des­gren­zen hin­aus­ge­dacht wer­den, denn auch Medi­en­in­ter­me­diä­re hiel­ten sich nicht an Gren­zen (vgl. ebd.). Die Lan­des­me­di­en­an­stal­ten kön­nen dem­nach einer Regu­lie­rung nicht mehr gerecht wer­den. Den­noch betraut der Medi­en­staats­ver­trag sie mit neu­en Auf­ga­ben zur Über­wa­chung der Inter­me­diä­ren. Eine Auf­split­tung der Lan­des­me­di­en­an­stal­ten stellt eine gute Ergän­zung der Idee Jar­rens dar. Aller­dings soll­te sie staats­fern eta­bliert wer­den. Denn eine staats­un­ab­hän­gi­ge Regu­lie­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on mit Gover­nan­ce-Struk­tu­ren hät­ten hier einen bes­se­ren Über­blick und eine vor­teil­haf­te­re Posi­ti­on für poli­ti­sche Dis­kus­si­on. Ist eine sol­che Insti­tu­ti­on in der Bun­des­re­gie­rung ange­sie­delt, spie­len poli­ti­sche Ein­flüs­se, Wahl­kampf und Kom­pe­tenz­strei­tig­kei­ten eine Rol­le. Außer­dem besteht die Gefahr, dass sich an der Trans­pa­renz kaum etwas ändern wird. Unab­hän­gig kann eine sol­che Insti­tu­ti­on schnel­ler und bes­ser agie­ren. Avs­ha­lom Gin­soar stellt noch ein Pro­blem der Media Gover­nan­ce dar: Die Ver­ant­wor­tung über Ver­bo­te und Regeln lie­ge dann in den Hän­den von Unter­neh­men, die vom Staat, der Wirt­schaft und vom Markt regu­liert wer­den (vgl. Gin­soar 2013, S. 370f.). Wie kann also ver­mie­den wer­den, dass Orga­ni­sa­tio­nen nur ihre eige­nen Inter­es­sen ver­tre­ten wol­len? Denn der Gedan­ke, dass die­se Vertreter:innen in einer sol­chen Regu­lie­rungs­in­sti­tu­ti­on aus­schließ­lich Belan­ge der All­ge­mein­heit ver­tre­ten, bleibt Fik­ti­on. Es muss dafür gesorgt wer­den, dass Ent­schei­dun­gen des Rates auch durch­ge­setzt wer­den und rele­van­te Aus­wir­kun­gen haben. Die zen­tra­le Fra­ge lau­tet also: Wie lässt sich ein Top-Down-Ansatz mit einem Bot­tom-Up-Ansatz ver­bin­den? Denn in einer Gover­nan­ce soll­ten Akteur:innen als gleich­be­rech­tig­te Part­ner auf­tre­ten (vgl. Betz & Küb­ler 2013, S. 57). Eine neue Insti­tu­ti­on soll­te nicht von hier­ar­chi­schen Struk­tu­ren geprägt sein, son­dern von einer Zusam­men­ar­beit auf Basis von Ver­ant­wort­lich­keit (vgl. ebd.).

Die Legi­ti­mi­tät von Medi­en- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­po­li­tik ist abhän­gig von der Akzep­tanz der Regu­lier­ten – der Gesell­schaft und der Medi­en­un­ter­neh­men. Die Akzep­tanz wie­der­um ist abhän­gig von der Ver­ant­wor­tung jedes Ein­zel­nen. Legi­ti­mi­tät wer­de, laut Maria Löb­lich, immer dann rele­vant, wenn neben dem Staat noch ande­re Akteur:innen an Medi­en­po­li­tik betei­ligt wer­den. Für die Wirk­sam­keit von Rege­lun­gen sei sie eine bedeu­ten­de Vor­aus­set­zung. Gleich­zei­tig könn­ten Medi­en Regu­lie­run­gen ihre Legi­ti­mi­tät jedoch auch abspre­chen. Neben der Zivil­be­völ­ke­rung soll­ten auch Medi­en­un­ter­neh­men und ‑schaf­fen­de an einer neu­en Medi­en­po­li­tik betei­ligt wer­den, um eine rechts­kräf­ti­ge und aner­kann­te Insti­tu­ti­on zu eta­blie­ren. Sie müs­sen gemein­sam Nor­men und Regeln inner­halb einer vom Staat geschaf­fe­nen Insti­tu­ti­on erar­bei­ten, dis­ku­tie­ren und durch­set­zen. Nutzer:innen müs­sen nach­voll­zie­hen, wie Geset­ze und Rege­lun­gen geschaf­fen wer­den. Mög­lich sei dies nur über Kom­mu­ni­ka­ti­on und öffent­li­che Debat­ten. Denn mit neu­en Medi­en kom­men immer neue Regu­lie­rungs­pro­ble­me hin­zu, so Löb­lich. Kom­mu­ni­ka­ti­on über Medi­en­po­li­tik und Legi­ti­mi­tät soll­te also immer als öffent­li­che Debat­te geführt wer­den, da die­se kol­lek­ti­ve Ent­schei­dun­gen beein­flus­se. Dort gehe es nicht nur um den Aus­tausch von Argu­men­ten, son­dern auch um Gel­tung und Ein­fluss. Medi­en­po­li­tik muss also raus aus den Hin­ter­zim­mern. (vgl. Löb­lich 2017, S. 430ff.)

Befas­sen sich nur Politiker:innen mit der Medi­en- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­po­li­tik geben sie vor, was online gesagt und wie dort gehan­delt wer­den darf. Politiker:innen füh­ren Dis­kur­se über für Büger:innen rele­van­te The­men, ohne sie direkt mit ein­zu­be­zie­hen. Nach Michel Fou­cault ist ein Dis­kurs eine sprach­li­che Erzeu­gung von Rea­li­tät (vgl. Hall 2018, S. 201). Dis­kur­se sei­en Fil­ter des Sag­ba­ren, unse­rer Denk- und Hand­lungs­wei­sen (vgl. ebd.). Sie legen dem­nach fest, wie über eine bestimm­te Sache gere­det wer­den darf und was nicht gesagt wer­den darf. Die Art, wie wir über Din­ge spre­chen, beein­flusst unser Han­deln und unse­re Wahr­neh­mung von Rea­li­tät. Dis­kur­se sei­en somit eng mit dem Macht­be­griff ver­bun­den, denn Macht struk­tu­rie­re Dis­kur­se (vgl. ebd., S. 203ff.). Macht lege fest, wie Dis­kur­se sich mani­fes­tie­ren und was dadurch sag­bar ist (vgl. ebd.). Es ist also rele­vant eine mög­lichst gro­ße Viel­zahl an Mei­nung und Sicht­wei­sen in einen Dis­kurs zu inte­grie­ren. Dis­kur­se soll­ten Hand­lungs­emp­feh­lun­gen erge­ben, die alle abho­len und eine ent­spre­chen­de Rich­tung vor­ge­ben, in die wir uns bewe­gen. Ein ent­spre­chend eta­blier­ter Kom­mu­ni­ka­ti­ons­rat bringt jedoch eine Viel­zahl an Her­aus­for­de­run­gen mit sich – sowohl posi­ti­ve als auch nega­ti­ve. Nutzer:innen ein­zu­be­zie­hen, kann für Medi­en­un­ter­neh­men von Bedeu­tung sein, da die­se sich bis­her kaum Gehör ver­schaf­fen kön­nen. Oft ist dies nur in Form von Beschwer­den und Kri­tik mög­lich, wie auf dem Online­por­tal programmbeschwerde.de. Es müs­sen aller­dings Anrei­ze geschaf­fen wer­den, war­um Bürger:innen sich in Dis­kur­se ein­brin­gen wol­len. Der Staat müs­se aner­ken­nen, dass Nutzer:innen ein gewis­ses Inter­es­se haben, sich in einem Kom­mu­ni­ka­ti­ons­rat zu betei­li­gen (vgl. Bros­da & Schulz 2020).

Denn Nutzer:innen soll­te eben­falls ent­schei­den, wel­che Regu­lie­run­gen, Gebo­te, Regeln oder Ver­bo­te in einer digi­ta­len Gesell­schaft ange­mes­sen sind. Sie soll­ten mit­be­stim­men, was rich­tig und not­wen­dig ist, um Medi­en und Inter­me­diä­re zu regu­lie­ren, aber die Mei­nungs­frei­heit nicht ein­zu­schrän­ken. Unse­re heu­ti­ge Medi­en­land­schaft stellt Nutzer:innen vor die Her­aus­for­de­rung, eine Viel­zahl ver­schie­de­ner Medi­en­an­ge­bo­te unter­schied­li­cher Medi­en­an­bie­tern kri­tisch ein­zu­ord­nen. Auf dem Ein­zel­nen las­tet somit eine enor­me Ver­ant­wor­tung. Jar­ren for­dert durch die Eta­blie­rung eines Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ra­tes auch die Gestal­tung einer gesell­schaft­li­chen Ver­ant­wor­tungs­kul­tur (vgl. Jar­ren 2019). Jedoch dis­ku­tiert er nicht, wie die­se aus­se­hen oder ent­ste­hen könn­te. Ver­ant­wor­tung bedeu­te, für etwas Gesche­he­nes ein­zu­ste­hen oder ist eine Ver­pflich­tung, im Rah­men der Mög­lich­kei­ten dafür zu sor­gen, dass das Not­wen­di­ge und Rich­ti­ge getan wird, ohne gro­ßen Scha­den ent­ste­hen zu las­sen (vgl. Duden 2021). Wie kön­nen gesell­schaft­li­che Inter­es­sen reprä­sen­tiert wer­den, wie wer­de Trans­pa­renz gewähr­leis­tet und wie wer­den Ent­schei­dun­gen geklärt? (vgl. Haas & Well­ner 2007, S. 128). Dem kann nur mit einer ent­spre­chen­den Medi­en­kom­pe­tenz begeg­net werden.

Dafür muss eben­falls das Unver­ständ­nis für Infor­ma­tio­nen etwas zu zah­len, aus der Welt geschaf­fen wer­den. Auch das gehört zu einer Ver­ant­wor­tungs­kul­tur. Denn Medi­en­in­ter­me­diä­re stel­len zudem das bis­he­ri­ge Geschäfts­mo­dell der Medi­en­un­ter­neh­men in Fra­ge. Durch zahl­rei­che kos­ten­frei ver­füg­ba­re Online-Inhal­te sinkt die Zah­lungs­be­reit­schaft vie­ler Nutzer:innen. Hier gilt es wie­der bewusst zu machen, dass eine viel­fäl­ti­ge regio­na­le Bericht­erstat­tung die bes­se­re Alter­na­ti­ve zu unvoll­stän­dig recher­chier­ten Online-Inhal­ten ist. Für die­se Recher­che­leis­tung soll­te man bereit sein zu zah­len. Sei das in Form von Abos, Prei­sen pro Arti­kel oder durch den Rund­funk­bei­trag. Kri­ti­scher Jour­na­lis­mus trägt einen gro­ßen Teil zu einer Mei­nungs­bil­dung bei. Er lie­fert Infor­ma­tio­nen über das poli­ti­sche, wirt­schaft­li­che und gesell­schaft­li­che Gesche­hen und Ent­wick­lun­gen. Jour­na­lis­mus ermög­licht eine gesell­schaft­li­che Teil­ha­be und sichert eine Mei­nungs­viel­falt. Ver­ant­wor­tungs­kul­tur bedeu­te an die­ser Stel­le auch eine viel­fäl­ti­ge Medi­en­land­schaft zu erhal­ten. Denn ohne Medi­en­viel­falt ist eine indi­vi­du­el­le und öffent­li­che Mei­nungs- und Wil­lens­bil­dung nicht mög­lich. Dafür braucht es einen regio­na­len und kri­ti­schen Jour­na­lis­mus. Eine Ver­ant­wor­tungs­kul­tur und eine Regu­lie­rungs­in­sti­tu­ti­on zu eta­blie­ren, wird aller­dings nicht ohne Medi­en­kom­pe­tenz funk­tio­nie­ren. Der wich­tigs­te Punkt sei­en auf­ge­klär­te und kom­pe­ten­te Nutzer:innen (vgl. Jar­ren 2019, S. 77), denn sonst kann ein gesell­schafts­po­li­ti­scher Dis­kurs nicht ent­ste­hen. Nutzer:innen, die sich jetzt betei­li­gen wür­den, besit­zen meist schon genü­gend Medi­en­kom­pe­ten­zen oder haben ein gro­ßes Wis­sen über Medi­en. Dabei soll­te jeder und jede soll die Mög­lich­keit bekom­men, sich in unse­rer neu­en Medi­en­land­schaft zurecht­zu­fin­den. Jeder und jede soll­te die Chan­ce bekom­men unse­re Medi­en­land­schaft mitzugestalten.

Medi­en­kom­pe­tenz unter­stützt Bürger:innen auch dabei, ihre Posi­ti­on in unse­rer heu­ti­gen Medi­en­land­schaft bes­ser ein­zu­ord­nen. Durch sozia­le Medi­en ver­än­de­re sich die Rol­le der Nutzer:innen hin vom Rezi­pi­en­ten zum Pro­du­zen­ten, denn es kom­me zu einer Ver­mi­schung von Kom­mu­ni­ka­ti­ons­rol­len, Inter­ak­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zes­sen (vgl. Jar­ren 2019, S. 65). Jede Ände­rung an Regeln, Ver­bo­ten oder Geset­zen betref­fen sie direkt. Ein wei­te­rer Grund, Bürger:innen in die Medi­en­po­li­tik mit ein­zu­be­zie­hen. Sie kön­nen sich nun selbst mit­ein­brin­gen, Bei­trä­ge erstel­len und Mei­nun­gen tei­len. Medi­en­in­ter­me­diä­re wir­ken stark in den Bereich der Indi­vi­dual­kom­mu­ni­ka­ti­on hin­ein. Die bis­he­ri­gen Regu­lie­rungs­maß­na­men des Staa­tes rei­chen dafür schlicht­weg nicht mehr aus. Sie sind zu sehr auf die star­ren Kon­trol­len der tra­di­tio­nel­len Mas­sen­me­di­en aus­ge­legt. Der Medi­en­staats­ver­trag sieht ihr eini­ge neue Rege­lun­gen vor. Er setzt auf eine Siche­rung der Mei­nungs- und Medi­en­viel­falt auf Platt­for­men sowie der Trans­pa­renz. Die­se müs­sen zum Bei­spiel offen­le­gen, wie Algo­rith­men Bei­trä­ge selek­tie­ren. Die Kon­trol­le liegt dann bei den Lan­des­me­di­en­an­stal­ten. Ja, auch das ist wich­tig und ein Schritt in die rich­ti­ge Rich­tung. Mehr Trans­pa­renz ist eine Mög­lich­keit, Nutzer:innen einen Ein­blick in die Arbeit von Medi­en­un­ter­neh­men sowie die Selek­ti­on und Ver­brei­tung von Inhal­ten und Infor­ma­tio­nen zu geben. Doch hilft das dabei, algo­rith­mi­sche Aus­wahl­pro­zes­se zu ver­ste­hen? Die Regu­lie­rung und Kon­trol­le von Inhal­ten allein den Platt­for­men zu über­las­sen, kann daher auch kei­ne Ide­al­lö­sung sein. Inter­me­diä­re ver­mit­teln die Illu­si­on einer Mit­mach­kul­tur, tat­säch­lich sei­en Mit­ge­stal­tungs­mög­lich­kei­ten der Anwender:innen jedoch kaum vor­han­den (vgl. Was­s­mer & Jar­ren 2015, S. 62). Aller­dings müs­se man auch betrach­ten, dass nur ein Bruch­teil der Nutzer:innen die Platt­for­men tat­säch­lich so aktiv nutzt wie ange­dacht (vgl. Betz & Küb­ler 2013, S. 35). Die meis­ten ver­wen­den sozia­le Netz­wer­ke eher pas­siv und kon­su­mie­rend (vgl. ebd.).

Jar­ren und Was­s­mer kom­men zu dem Ergeb­nis, dass AGBs und ANBs auf Platt­for­men wie You­Tube, Twit­ter, Face­book und Wiki­pe­dia eine kla­re Unter­schei­dung von Gebo­ten, Ver­bo­ten, Regeln und Bedie­nungs­in­for­ma­tio­nen feh­le (vgl. ebd., S. 84). Nun ist aber Otfried Jar­ren jemand, dem man eine gute Medi­en­kom­pe­tenz unter­stel­len kann. Meist wer­den AGBs jedoch ein­fach akzep­tiert, ohne sie zu lesen, da sonst eine Nut­zung der Platt­form über­haupt nicht mög­lich ist. Wenn AGBs nicht gele­sen wer­den, kann erst recht nicht beur­teilt wer­den, ob Ver­bo­te und Regeln über­ar­bei­tet wer­den müs­sen. Hier schie­ben Platt­for­men die Ver­ant­wor­tung an den/​die Anwender:in ab. Beim Löschen oder Mel­den von unan­ge­mes­se­nen Inhal­ten oder beim Akzep­tie­ren von Ände­run­gen appel­lie­ren Platt­for­men ger­ne an die Eigen­ver­ant­wor­tung der Nutzer:innen. Die Poli­tik hat aller­dings bis­her ver­ges­sen, die benö­tig­te Medi­en­kom­pe­ten­zen mit zu beden­ken. Medi­en­kom­pe­tenz beschränkt sich also nicht nur auf Wis­sen über Instru­men­te und Tech­no­lo­gien. Viel­mehr gehe es auch um die Ver­mitt­lung von kri­ti­schem Den­ken, dar­um Inhal­te zu bewer­ten und zwi­schen Mei­nun­gen und Tat­sa­chen zu unter­schei­den (vgl. Bisel­li 2014; vgl. Lan­des­me­di­en­zen­trum Baden-Würt­tem­berg 2021). Medi­en­kom­pe­tenz sei ein viel­sei­ti­ger Begriff und wer­de trotz­dem unse­re Zukunft mas­siv mit­prä­gen, denn sie ermög­li­che allen eine akti­ve Teil­nah­me an demo­kra­ti­schen Pro­zes­sen (vgl. ebd.). Medi­en haben sich im Lau­fe der Zeit ver­än­dert und wer­den sich auch zukünf­tig wei­ter­ver­än­dern. Medi­en­kom­pe­tenz ist also dyna­misch und muss sich an die vor­han­de­nen Medi­en anpassen.

Wie wich­tig das kri­ti­sche Hin­ter­fra­gen von Infor­ma­tio­nen im Netz gewor­den ist, zeigt auch die Coro­na-Pan­de­mie noch ein­mal deut­lich. Fake News und Ver­schwö­rungs­theo­rien ver­brei­ten sich über Social Media meist schnel­ler als das Virus selbst. Wor­an das liegt? Nun, im Gegen­satz zu kor­rek­ten Nach­rich­ten klin­gen Falsch­mel­dun­gen oft span­nen­der und über­ra­schen­der. Expert:innen vom MIT fan­den her­aus, dass fal­sche Nach­rich­ten­mel­dun­gen eine 70 Pro­zent höhe­re Wahr­schein­lich­keit hat­ten geret­wee­tet zu wer­den (vgl. Klein­man 2018). Die Stu­die „Coro­na und Medi­en“ der Infra­test dimap im Auf­trag des NDR-Medi­en­ma­ga­zins ZAPP zeigt zudem, dass Per­so­nen, die Social Media als ver­läss­li­che Bericht­erstat­tung anse­hen unge­fähr dop­pelt so häu­fig (25 Pro­zent) offen gegen­über Ver­schwö­rungs­theo­rien sind, wie Men­schen, die den öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk (11 Pro­zent) oder Print­me­di­en (13 Pro­zent) als glaub­wür­dig bewer­ten (vgl. NDR 2020). Psy­cho­lo­gin Pia Lam­ber­ty sagt aller­dings im Gespräch mit dem NDR, dass gera­de Anhänger:innen von Ver­schwö­rungs­theo­rien Kritiker:innen wenig Glau­ben schen­ken oder die­se als naiv abstem­peln wür­den (vgl. Alt­land et al. 2020). Eine Auf­klä­rung kön­ne sogar mit nüch­ter­nen Fak­ten­checks schei­tern, da es für Men­schen schwie­ri­ger sei, sich eine Ver­nei­nung von etwas zu mer­ken (vgl. ebd.). Heißt also: Selbst, wenn jeman­dem gesagt wer­de – Nein, das stimmt nicht – bleibt die Ver­schwö­rungs­theo­rie stär­ker im Gedächt­nis haf­ten (vgl. ebd.).

Doch nicht nur Fake News und Ver­schwö­rungs­theo­rien erhö­hen den Bedarf nach kri­ti­schem Den­ken. Wenn Nutzer:innen stär­ker in die Aus­ge­stal­tung der Medi­en­po­li­tik ein­be­zo­gen wer­den sol­len, soll­ten sie dar­auf sen­si­bi­li­siert wer­den, dass Medi­en­in­ter­me­diä­re nicht bloß Ein­fluss auf die öffent­li­che Mei­nungs- und Wil­lens­bil­dung haben, son­dern auch auf indi­vi­du­el­le Wil­lens­bil­dungs- und Ent­schei­dungs­pro­zes­se (vgl. Jar­ren 2019, S. 65). Neben „nor­ma­len“ Nutzer:innen ver­brei­ten vor allem Influencer:innen ihre eige­ne Mei­nung über Inter­me­diä­re. You­Tuber Rezo erlang­te 2019 mit sei­nem Video „Die Zer­stö­rung der CDU“ bun­des­wei­te Auf­merk­sam­keit. Influ­en­ce­rin Loui­sa Dell­ert spricht auf Insta­gram über The­men wie den CDU-Par­tei­tag, die Coro­na-Maß­nah­men der Bun­des­re­gie­rung, Catcal­ling oder Kli­ma­schutz. Loui­sa Dell­ert führt zwar eben­falls Inter­views mit Expert:innen oder Politiker:innen und Rezo beleg­te sei­ne Anschul­di­gun­gen mit wis­sen­schaft­li­chen Quel­len, trotz­dem ver­tre­ten bei­de auch ihre per­sön­li­che Mei­nung für alle zugäng­lich. War­um wer­den die­se gan­zen Bei­spie­le hier auf­ge­führt? Nun, es wer­den unge­fil­tert die per­sön­li­che Mei­nung ande­rer Leu­te auf­ge­nom­men und meist nicht ein­mal hin­ter­fragt. Egal, ob es jetzt um Chem­trails oder Kli­ma­schutz geht. Es wer­den sich kei­ne Gedan­ken über Inten­tio­nen oder über die Her­kunft der Infor­ma­tio­nen gemacht. Ver­schwö­rungs­theo­rien, Fake News, Influencer:innen – Sie alle beein­flus­sen unse­re indi­vi­du­el­le Mei­nungs- und Wil­lens­bil­dung. Jar­ren geht noch einen Schritt wei­ter und sagt, dass alle gesell­schaft­li­chen Mit­glie­der kom­mu­ni­ka­ti­ve Hand­lun­gen, The­men, den Mei­nungs­te­nor und einen Fil­ter des Sag­ba­ren mit­be­stim­men (vgl. Jar­ren 2019, S. 69). Nutzer:innen muss es also gelin­gen, die gro­ße Zahl an Mei­nungs­an­ge­bo­ten kri­tisch ein­zu­ord­nen und zu hin­ter­fra­gen. Das geht aber nur mit einer ent­spre­chen­den Medi­en­kom­pe­tenz. Wer­den Mei­nungs­bei­trä­ge von Influencer:innen kon­su­miert, muss hin­ter­fra­gen wer­den, wo die Infor­ma­tio­nen her­kom­men und unter­schie­den wer­den, ob es sich um Fak­ten oder Mei­nun­gen han­delt. Denn wie soll über Regu­lie­run­gen, Nor­men und Richt­li­ni­en für Medi­en­in­ter­me­diä­re mit­be­stim­men wer­den, wenn Mei­nun­gen und Fak­ten nicht getrennt wer­den können?

Nur durch eine gute Medi­en­kom­pe­tenz ist in unse­rer digi­ta­len Öffent­lich­keit eine gesell­schaft­li­che Teil­ha­be mög­lich. Medi­en­kom­pe­tenz ist aber in unse­rer digi­ta­len Welt eine oft unter­schätz­te Fähig­keit, die viel stär­ker geför­dert wer­den soll­te. So spricht auch Jar­ren wie selbst­ver­ständ­lich von kom­pe­ten­ten Nutzer:innen (vgl. Jar­ren 2019, S. 73). Wie Nutzer:innen die­se Fähig­kei­ten erlan­gen, schreibt er jedoch nicht. Gera­de Algo­rith­men for­dern neue Kom­pe­ten­zen der Gesell­schaft, die es zu erler­nen gel­te (vgl. Krei­ßig & Rath­geb 2020, S. 260). Wird ein Kom­mu­ni­ka­ti­ons­rat jetzt eta­bliert, besteht die Gefahr, dass sich nur die betei­li­gen, die ohne­hin schon ein Inter­es­se an Medi­en­po­li­tik haben. Wich­tig ist es jedoch, alle abzu­ho­len und ein­zu­bin­den. Medi­en­kom­pe­tenz ist bereits eine gesetz­lich ver­an­ker­te Kern­kom­pe­tenz der Lan­des­me­di­en­an­stal­ten. Der Medi­en­staats­ver­trag spricht den Lan­des­me­di­en­an­stal­ten zusätz­lich noch die Regu­lie­rung der Inter­me­diä­ren zu. Somit bleibt ihnen weni­ger Zeit und Mit­tel für die Medi­en­kom­pe­tenz. Bleibt man bei dem Vor­schlag Heges und spal­tet die Auf­ga­be der Lan­des­me­di­en­an­stal­ten, könn­te sie in ihrem Auf­trag der Medi­en­kom­pe­ten­zen gestärkt wer­den. Die Kennt­nis­se und Pro­jek­te, die bereits lau­fen, könn­ten ver­tieft und aus­ge­wei­tet wer­den. Am Ende ein Gewinn für bei­de Seiten.

Die Lan­des­me­di­en­an­stal­ten initi­ie­ren bereits medi­en­päd­ago­gi­sche Pro­jek­te, erar­bei­ten Rat­ge­ber für Eltern, Lehrer:innen, Erzieher:innen und betei­li­gen sich an euro­pa­wei­ten Pro­jek­ten (vgl. Die Medi­en­an­stal­ten 2021). Die nie­der­säch­si­sche Lan­des­me­di­en­an­stalt hat zum Bei­spiel eine Ziel­li­nie 2025 zur nach­hal­ti­gen Ent­wick­lung und Stär­kung von Medi­en­kom­pe­tenz ent­wi­ckelt (vgl. Pres­se- und Infor­ma­ti­ons­dienst­stel­le der Nie­der­säch­si­schen Lan­des­re­gie­rung 2021). Dazu gehö­ren vie­le groß ange­leg­te Pro­jek­te wie die Über­ar­bei­tung der Kern­cur­ri­cu­la an all­ge­mein­bil­den­den Schu­len (vgl. ebd., S. 24). Oder klei­ne­re Din­ge wie Work­shops auf Por­ta­len wie politische-medienkompetenz.de. Dort wer­den alle benö­tig­ten Mate­ria­li­en sowie Kon­zept und Anlei­tung zum Her­un­ter­la­den bereit­ge­stellt (vgl. Poli­ti­sche Medi­en­kom­pe­tenz 2021). Die­se Work­shops oder Ange­bo­te wie die Flim­mo oder klick­safe mögen zwar Schritt in die rich­ti­ge Rich­tung sei­en. Ihr Nach­teil ist aller­dings, dass sie häu­fig aktiv in Anspruch genom­men wer­den müs­sen. Eltern, Lehrer:innen oder Erzieher:innen müs­sen von die­sen Pro­jek­ten wis­sen, um sie selbst oder an ihre Kin­der oder Schüler:innen wei­ter­zu­ge­ben. Ange­bo­te für Lehrer:innen oder Erzieher:innen sind oft mehr­tä­gi­ge Qua­li­fi­ka­tio­nen oder Fort­bil­dun­gen. Das bedeu­tet einen zusätz­li­chen Zeit­auf­wand, den nicht jeder bereit ist zu inves­tie­ren. Sicher ist das ein Anfang aber wird das auf Dau­er rei­chen, um die Medi­en­kom­pe­tenz zu errei­chen, die Jar­ren sich vor­stellt? Natür­lich ist es schon hilf­reich, Inter­net­re­cher­chen oder die Nut­zung von Whats­App und Face­book in den Unter­richt mit ein­zu­bau­en, aber lang­fris­tig braucht es dann doch eine inter­dis­zi­pli­nä­re Medi­en­kom­pe­tenz im Schul­all­tag. Medi­en­kom­pe­tenz soll­te nicht mehr nur als ein­zel­nes Schul­fach gedacht wer­den, son­dern es soll­te fächer­über­grei­fend geschaut wer­den, wie Medi­en inte­griert wer­den kön­nen (vgl. Tau­ber 2020, S. 180). Neben der Nut­zung des Smart­boards, zäh­le dazu Fit­ness-Apps in den Sport­un­ter­richt ein­zu­bin­den (vgl. ebd.). Medi­en­kri­tik soll­te nicht mehr nur über den Wan­del des Buches, Ver­än­de­rung von Spra­che oder Vor­ur­tei­len gegen­über der „Genera­ti­on Inter­net“ behan­delt wer­den. Doch auch hier muss der Staat ein­grei­fen. Um digi­ta­le Kom­pe­ten­zen zu stär­ken, brau­che es eine ent­spre­chen­de tech­ni­sche Aus­stat­tung der Bil­dungs­stät­ten (vgl. ebd.). In eini­gen Schu­len gibt es bereits Tablet- oder Lap­top­klas­sen. Für eine aus­rei­chen­de Digi­ta­li­sie­rung an Schu­len genügt es jedoch nicht, nur eine Klas­se pro Jahr­gang mit tech­ni­schen End­ge­rä­ten aus­zu­stat­ten. Jeder/​Jede Schüler:in brau­che ein ent­spre­chen­des digi­ta­les End­ge­rät, sei es nun ein Lap­top oder ein Tablet (vgl. ebd.).

Die Medi­en­nut­zung ist für jün­ge­re Gen­ra­tio­nen bereits selbst­ver­ständ­lich. Fra­gen wer­den ein­fach schnell gegoo­gelt. Das Smart­pho­ne mit Whats­App, Face­book, Insta­gram und Snap­chat gehört zum All­tag dazu. Das kri­ti­sche Hin­ter­fra­gen jedoch nicht. Wich­tig ist es hier dafür eine Erkennt­nis zu schaf­fen. Medi­en­kom­pe­ten­zen für jün­ge­re Genera­ti­on lie­ßen sich leicht in das Kern­cur­ri­cu­lum und die Schul­bil­dung inte­grie­ren. Dabei soll­te nicht auf ein frei­wil­li­ges Enga­ge­ment ein­zel­ner Lehr­kräf­te gesetzt wer­den. Was es braucht, ist ein ver­bind­li­ches und ein­heit­li­ches Kon­zept über die Lan­des­gren­zen hin­weg, wel­ches Medi­en­kom­pe­tenz in den Schul­all­tag inte­griert. Denn auch eine jun­ge Lehr­kraft, die pri­vat sozia­le Netz­wer­ke nut­ze, sei nicht zwangs­läu­fig in der Lage, einen guten medi­en­ge­stütz­ten Unter­richt zu gestal­ten (vgl. Krei­ßig & Rath­geb 2020, S. 258). Natür­lich mag es hel­fen, sich eben­falls per­sön­lich damit zu beschäf­ti­gen, kri­ti­sches Den­ken und Hin­ter­fra­gen wer­de aber so noch lan­ge nicht erlernt (vgl. ebd.). Pri­va­ter Medi­en­kon­sum kön­ne an die­ser Stel­le eine spe­zi­fi­sche Aus­bil­dung nicht ersetz­ten (vgl. ebd.). Vor­stell­bar wäre hier den­noch ein eige­nes Schul­fach, in dem schon jun­ge Nutzer:innen über The­men wie Selbst­schutz, Mit­ge­stal­tung und Über­prü­fung des Wahr­heits­ge­halts geschult wer­den. Dazu gehört jedoch auch zu ver­ste­hen und ler­nen, wie das Medi­en­sys­tem Deutsch­land funk­tio­niert, wie Medi­en­po­li­tik gestal­tet wird sowie jour­na­lis­ti­sches Basis­wis­sen. Das sind Din­ge, die berück­sich­tigt wer­den soll­ten, wenn Schüler:innen spä­ter die Medi­en- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­po­li­tik aktiv mit­ge­stal­ten wollen.

Jedoch darf dabei nie­mand außen vor­ge­las­sen wer­den. Auch die­je­ni­gen, die nicht mehr zur Schu­le gehen, im Ren­ten­al­ter sind, in bil­dungs­fer­nen Haus­hal­ten woh­nen oder zum sozi­al­schwä­che­ren Teil der Gesell­schaft zäh­len, dür­fen beim The­ma Medi­en­kom­pe­tenz nicht über­gan­gen wer­den. Vor der Auf­ga­be, Medi­en­an­ge­bo­te kri­tisch ein­zu­ord­nen, ste­hen alle Alters­grup­pen (vgl. Krei­ßig & Rath­geb 2020, S. 259). Medi­en­kom­pe­tenz ermög­li­che einen Zugang zu objek­ti­ven Infor­ma­tio­nen, Instru­men­ten zur Bewer­tung von Quel­len und eine Teil­ha­be am gesell­schaft­li­chen Leben (vgl. ebd.). Aller­dings gestal­tet es sich hier schwie­ri­ger eine gro­ße Grup­pe zu errei­chen. Denn an frei­wil­li­gen Kur­sen wer­den wahr­schein­lich nur die teil­neh­men, die ohne­hin schon eine gewis­se Affi­ni­tät zum The­ma haben. Trotz­dem ist ein jour­na­lis­ti­sches Basis­wis­sen in unse­rer Medi­en­ge­sell­schaft ein Muss. Das Wis­sen dazu fällt jedoch nicht vom Him­mel, son­dern muss gelernt wer­den. Neben Schu­len ste­hen also auch ande­re Bil­dungs­ein­rich­tun­gen unter Zug­zwang. Volks­hoch­schu­len, Uni­ver­si­tä­ten, Kin­der- und Jugend­zen­tren. Viel­leicht sogar der öffent­lich-recht­li­che Rund­funk mit Ange­bo­ten zum The­ma Medi­en­kom­pe­tenz sowie Medi­en und Demo­kra­tie. Hier könn­ten sowohl Koope­ra­tio­nen mit Bil­dungs­ein­rich­tun­gen ent­ste­hen, also auch eige­ne Pro­gramm­an­ge­bo­te und For­ma­te. Für die Betei­li­gung an der Medi­en­po­li­tik ist es wich­tig, dass Nutzer:innen ver­ste­hen, war­um bestimm­te Regu­lie­run­gen und Regeln ein­ge­setzt wer­den. Medi­en­kom­pe­tenz soll­te als zen­tra­les und wesent­li­ches Ele­ment unse­rer Gesell­schaft wahr­ge­nom­men wer­den (vgl. ebd., S. 260). Sie sei kei­ne net­te Zusatz­leis­tung, son­dern eine signi­fi­kan­te Fähig­keit in unse­rer digi­ta­len Gesell­schaft (vgl. ebd.). Was es braucht, sei eine struk­tu­rier­te Kom­pe­tenz­för­de­rung, die Men­schen ihr Leben lang beim Ler­nen beglei­te (vgl. ebd.). Denn damit eine Media Gover­nan­ce und ein Kom­mu­ni­ka­ti­ons­rat funk­tio­nie­ren kön­nen, müs­sen Büger:innen dem Bereich ein Inter­es­se ent­ge­gen­brin­gen und rele­van­ten The­men Auf­merk­sam­keit verschaffen.

Die Idee einer zivil­ge­sell­schaft­li­chen Betei­li­gung an Medi­en- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­po­li­tik ist grund­sätz­lich eine rele­van­te und zukunfts­träch­ti­ge. Nutzer:innen haben durch sozia­le Netz­wer­ke und Inter­me­diä­re viel mehr Mög­lich­kei­ten, sich selbst aktiv ein­zu­brin­gen und Medi­en mit­zu­ge­stal­ten. Daher ist es eine logi­sche Kon­se­quenz, sie auch über Regu­lie­run­gen und Sank­tio­nen mit­ent­schei­den, mit­be­stim­men und mit­dis­ku­tie­ren zu las­sen. Die par­ti­zi­pa­ti­ven Mög­lich­kei­ten brin­gen gleich­zei­tig eine gro­ße Ver­ant­wor­tung mit sich. Auf die­se muss der Staat den/​die Nutzer:in vor­be­rei­ten. Sei­ne Auf­ga­be ist es, eine Insti­tu­ti­on zu schaf­fen, die ohne staat­li­chen Ein­fluss Regu­lie­rung der Inter­me­diä­ren und Mas­sen­me­di­en angeht. Otfried Jar­ren, Hans Hege und Hel­mut Har­tung sind nur eini­ge, die Vor­schlä­ge gemacht haben, wie eine sol­che Insti­tu­ti­on aus­se­hen könn­te. Die Eta­blie­rung einer sol­chen Ein­rich­tung bringt vie­le Fra­gen mit sich, deren Dis­kus­si­on den Rah­men die­ses Essays spren­gen wür­de. Das wich­tigs­te hat der Essay jedoch ver­sucht anzu­rei­ßen. Die Eta­blie­rung einer sol­chen Insti­tu­ti­on for­dert die Akzep­tanz und Legi­ti­mi­tät durch die Regu­lier­ten – sowohl Nutzer:innen als auch Medi­en­un­ter­neh­men. Ohne die­se erhält eine sol­che Insti­tu­ti­on kei­ne Hand­lungs­macht. Anwender:innen. müs­sen jedoch auch sehen, wel­che Ver­ant­wor­tung ihnen in der neu­en Medi­en­land­schaft zu kommt und die­se anneh­men. Gleich­zei­tig muss eine Medi­en­viel­falt erhal­ten blei­ben, um Mei­nungs­bil­dung zu ermög­li­chen. Auch das ist Teil einer gesell­schaft­li­chen Ver­ant­wor­tungs­kul­tur. Das funk­tio­niert jedoch nicht ohne eine aus­rei­chen­de Medi­en­kom­pe­tenz. Auch hier ist der Staat gefor­dert. Medi­en­kom­pe­tenz bedeu­tet in unse­rer digi­ta­len Gesell­schaft die Mög­lich­keit zur poli­ti­schen Teil­ha­be. Um eine Chan­cen­gleich­heit her­zu­stel­len, muss jedoch allen Bürger:innen die Mög­lich­keit zur Wei­ter­bil­dung geben wer­den. Eine Regu­lie­rungs- und Beschwer­de­insti­tu­ti­on ist nicht von heu­te auf mor­gen zu rea­li­sie­ren. Es ist eher als Pro­zess zu ver­ste­hen, der jetzt vom Staat ange­sto­ßen wer­den muss. Das Wich­tigs­te ist zunächst der Auf­bau neu­er Struk­tu­ren zur För­de­rung der Medi­en­kom­pe­tenz. Erst wenn das hin­rei­chend eta­bliert ist, kann über eine Betei­li­gung der Bürger:innen an Medi­en- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­po­li­tik gespro­chen wer­den. Hier darf sich aller­dings nicht nur auf Schu­len beschränkt wer­den. Vor­ran­gig liegt die­se Auf­ga­be bei den Lan­des­me­di­en­an­stal­ten. Medi­en­kom­pe­tenz zählt bereits zu ihren Kern­auf­ga­ben und die gilt es aus­zu­wei­ten. Für einen gesell­schafts­po­li­ti­schen Dis­kurs sind auf­ge­klär­te und kom­pe­ten­te Bürger:innen unver­zicht­bar. Medi­en­kom­pe­tenz ist kein Luxus­gut, son­dern ein essen­zi­el­ler Bau­stein unse­rer Demokratie.

Über die Autorin

Karo­li­ne Stein­bock stu­diert Kom­mu­ni­ka­tions­man­age­ment und fällt dort immer wie­der durch nach­wir­ken­de Bei­trä­ge auf. Ihr Text ent­stand im Rah­men eines Semi­nars der Kom­Ma-Pro­fes­sur mit der Ziel­rich­tung, die Zukunft der Medi­en, die Zukunft des Medi­en­sys­tems in Deutsch­land aus­zu­lo­ten. Stu­die­ren­de des Mas­ter­stu­di­en­gangs Kom­mu­ni­ka­tions­man­age­ment argu­men­tie­ren im Ergeb­nis die­ses Semi­nars sorg­fäl­tig und stel­len fun­dier­te Über­le­gun­gen an: Wie kann ein öffent­lich-recht­li­cher Rund­funk gestal­tet wer­den? Wel­che Mög­lich­kei­ten gibt es, Medi­en­zu­kunft ange­sichts zuneh­men­der Ver­schie­bun­gen der Medi­en­nut­zung zu den­ken? Wel­che Rol­le spie­len Plattformen?

Lite­ra­tur zum Essay

Alt­land, N.; Eich­horn, L. & Reve­land, C. (2020) Coro­na-Mythen: Wie Medi­en sie ver­brei­ten. Online ver­füg­bar unter https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/Corona-Mythen-Wie-Medien-sie-verbreiten,coronamythen100.html, zuletzt geprüft am 03.02.2021.

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