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Kul­tur wie­der in den Mit­tel­punkt der Gesell­schaft rücken

Kul­tur wie­der in den Mit­tel­punkt der Gesell­schaft rücken

Kul­tur Talk #6 mit Prof. Dr. habil. Harald Rau

In der sechs­ten Fol­ge des Kul­tur Talk spre­chen Talk­mas­ter PhDr. Sven-​David Mül­ler und Prof. Dr. Harald Rau. Gemein­sam tal­ken die bei­den zu Fra­gen wie: War­um ist Kom­mu­ni­ka­ti­on für Kul­tur wich­tig? Wel­che wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­se las­sen sich zur Kul­tur­kom­mu­ni­ka­ti­on for­mu­lie­ren? Wo in der Regi­on kann man Kul­tur erleben?

Harald Rau geht beson­ders auf sei­nen Wohn­ort Salz­git­ter ein, der sei­ner Mei­nung nach mehr Kul­tur zu bie­ten hat, als all­ge­mein in der Regi­on und dar­über hin­aus bekannt ist.

Pro­du­ziert wird der Kul­tur Talk von stu­dio kult TV. Neben dem kul­tur talk pro­du­ziert stu­dio kult TV auch Repor­ta­gen und das Live-​Format “Live und in Far­be”. Im Pro­gramm von stu­dio kult TV dreht sich alles um Kunst, Kul­tur, Gesund­heit, aktu­el­le Ereig­nis­se und her­aus­ra­gen­de Per­sön­lich­kei­ten der Stadt Braun­schweig und dem alten Land Braun­schweig mit sei­nen Städ­ten Wolfs­burg, Wol­fen­büt­tel, Salz­git­ter und Goslar.

Tran­skript des Talks

Sven-​David Mül­ler: Hal­lo und herz­lich Will­kom­men zum Kul­tur Talk, dem Kul­tur­ma­ga­zin aus und für die Stadt und Regi­on Braun­schweig. Ich habe heu­te einen ganz beson­de­ren Gast. Kei­nen Theater-​Intendanten, kei­nen Geschäfts­füh­rer eines Kul­tur­ver­eins, son­dern einen leib­haf­ti­gen Pro­fes­sor: Prof. Dr. Harald Rau. Er ist Pro­fes­sor für Kom­mu­ni­ka­tions­man­age­ment an der Ost­fa­lia Hoch­schu­le für ange­wand­te Wis­sen­schaft. In der Leh­re befasst er sich mit Publi­zis­tik, Jour­na­lis­mus und Medi­en. Er ist auch in der For­schung sehr aktiv. Er befasst sich wis­sen­schaft­lich auch mit Kul­tur­ma­nage­ment, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­leis­tun­gen im Kul­tur­be­reich – aber als ers­tes inter­es­siert mich natür­lich, Harald, wie wird man eigent­lich Professor?

Harald Rau: Mit der Fra­ge habe ich jetzt nicht gerech­net, aber eine tol­le Fra­ge. Das ist ja ein unglaub­lich lan­ger Weg. Du kennst das ja auch aus dei­ner Kar­rie­re her­aus. Ich habe das nie geplant. Pro­fes­sor zu wer­den habe ich nie geplant. Ich habe sogar in mei­nem Stu­di­um bewusst für mich – ich habe damals extra BWL gewählt damit ich nicht … in Hagen, ich habe in Hagen stu­diert, Fern-​Universität, und in Hagen war die ein­zi­ge Mög­lich­keit an Erzie­hungs­wis­sen­schaf­ten vor­bei­zu­kom­men, in den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, in denen man ganz BWL stu­diert, also Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten. Und ich woll­te auf par­tout kein Leh­rer wer­den. Heu­te bin ich so irgend­was wie ein Leh­rer, wobei natür­lich Hoch­schul­leh­rer noch mal ein biss­chen was ande­res ist. Wie wird man Pro­fes­sor? Mit viel, mit viel Lie­be zum Detail und Selbst­dis­zi­plin glau­be ich. Ich glaub Selbst­dis­zi­plin ist wahr­schein­lich und Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on ist wahr­schein­lich das zen­tra­le Moment und man muss eine gewis­se Hart­nä­ckig­keit viel­leicht auch haben, um bei sei­nen The­men zu bleiben.

Sven-​David Mül­ler: Und Kom­mu­ni­ka­tions­man­age­ment ist ja wirk­lich ein spe­zi­el­les Fach – und was kann das auch mit dem The­ma Kul­tur zu tun haben? Ich weiß, dass du gera­de in die­sem Bereich auch geforscht hast und forschst. Wel­che Berei­che berüh­ren da beson­ders? Was hast du für Ergeb­nis­se erzielt, wobei bist du gera­de aktiv in der Forschung?

Harald Rau: Also inter­es­sant fin­de ich immer die Kom­bi­na­ti­on aus wie kann ich für den Kul­tur­be­trieb so kom­mu­ni­zie­ren, dass der Kul­tur­be­trieb rele­vant für die Gesell­schaft und für die Men­schen bleibt? Und das ist gar nicht so ein­fach, weil wenn ich jetzt die Fra­ge nut­ze, um schon gleich so einen Bogen zu schla­gen, du musst dir ja über­le­gen, man hat im Kopf so ein Mind­set und die­ses Mind­set sagt: Oper ist toll. Sage ich auch, ich gehe ger­ne mal in die Oper, ich gehe ger­ne MAL in die Oper. Aber die Oper könn­te nicht davon exis­tie­ren, von mei­nen eher sel­te­nen ab und an Besu­chen, son­dern die bräuch­te regel­mä­ßi­gen Besuch und bräuch­te vor allen Din­gen kos­ten­de­cken­den Besuch, damit sie tat­säch­lich in einem Markt­mo­dell auch über­le­ben könn­te. Und ich glau­be, dass eben ein ganz gro­ßes Pro­blem des Kul­tur­be­trie­bes dar­in liegt, immer noch die­se Rele­vanz zu behal­ten, damit eben auch die Reso­nanz in der Gesell­schaft und in der Bevöl­ke­rung auch bleibt und dafür ist Kom­mu­ni­ka­ti­on sehr, sehr wich­tig. Und ich glau­be der Kul­tur­be­trieb braucht Kom­mu­ni­ka­ti­ons­leis­tun­gen, auch stra­te­gi­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­leis­tun­gen, um wahr­ge­nom­men zu blei­ben, um auch wei­ter­hin attrak­tiv zu sein, um wei­ter­hin als Teil der Gesell­schaft wahr­ge­nom­men zu werden.

Sven-​David Mül­ler: Wel­chen Stel­len­wert hat Kul­tur in dei­nem pri­va­ten Leben, aber auch tat­säch­lich in der Tätig­keit als Hoch­schul­leh­rer? In wel­cher Form kannst du dich auch als Hoch­schul­leh­rer in die Kul­tur der Stu­den­ten, in die Kultur-​Wahrnehmung von Stu­den­ten, in die Kultur-​Beflissenheit von Stu­den­ten ein­brin­gen? Aber zuerst das pri­va­te. In die Oper gehen habe ich jetzt schon gehört, ab und zu mal.

Harald Rau: Ab und zu mal. Ich bin eigent­lich eher Sprechtheater-​Typ, also Sprech­thea­ter. Ich habe auch so ziem­lich alles glau­be ich an Sprech­thea­ter gese­hen, was es so auch in der Gegend gibt. Schät­ze auch durch­aus das Schau­spiel in Braun­schweig. Und ich möch­te eine Sze­ne kurz schil­dern, weil die glau­be ich auch zu der ers­ten Fra­ge ganz gut passt. Ich muss dazu lei­der so einen klei­nen Bogen schla­gen. Ich war in die­ser wun­der­ba­ren Hand­ke Insze­nie­rung, die­se Land­stra­ße da, hier am Staats­thea­ter in Braun­schweig, klei­nes Haus, und du musst dir vor­stel­len auf der Büh­ne waren am Ende genau­so vie­le Leu­te wie im Publi­kum, ja. Und des­we­gen glau­be ich ist es so wich­tig, dass wir Kul­tur unbe­dingt wie­der in die Mit­te der Gesell­schaft füh­ren müs­sen und dass wir was tun müs­sen dafür. Für mich war das, war die­se Insze­nie­rung einer der gran­dio­ses­ten die ich hier jemals gese­hen habe. Also … viel­leicht aus­ge­nom­men der Prinz von Hom­burg, der ein­fach durch die­ses Büh­nen­bild so geni­al war mit die­ser Schlamm­schlacht im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes. Die­je­ni­gen, die hier regel­mä­ßig sind, haben den bestimmt auch alle gese­hen. Also man kann hier ja ein­fach wirk­lich tol­le Sachen erle­ben und sie geht aber an man­chen Stel­len wirk­lich, es schießt offen­bar an den gesell­schaft­li­chen Rea­li­tä­ten vor­bei, was ich sehr trau­rig emp­fin­de. Inter­es­san­ter­wei­se sind die Leu­te, die hier nicht ins Thea­ter gehen, die­je­ni­gen, die in Wien ins Burg­thea­ter gehen. Und das war jetzt natür­lich ein guter Ver­gleich, weil der Burg­thea­ter Schau­spie­ler aus­ge­rech­net in dem Stück ja auch mit­ge­spielt haben. Inso­fern ist es wirk­lich eine Fra­ge, wie krie­gen wir es hin wie­der den Kul­tur­be­trieb so attrak­tiv zu machen, dass zumin­dest die Reso­nanz da ist, Sub­ven­tio­nie­rung ger­ne immer noch, aber dass zumin­dest die Reso­nanz da ist und dass wir Reich­wei­te bekom­men? In Social Media Zei­ten reden wir immer von Reich­wei­te und ich glau­be, dass der Live-​Kulturbetrieb an man­chen Stel­len, wenn wir von höhe­rer Kul­tur, rede jetzt nicht von Hoch­kul­tur, aber von höhe­rer Kul­tur aus­ge­hen, da ist der Live-​Betrieb ein­fach oft­mals wirk­lich, ja, in unse­rem Bewusst­sein unterrepräsentiert.

Sven-​David Mül­ler: Wir haben ja im kul­tu­rel­len Bereich nicht nur die Oper und das Schau­spiel, das Tanz­thea­ter, Kon­zert, son­dern wir haben ja auch Muse­en. Ich glau­be Muse­en lei­den noch viel mehr unter zu gerin­ger Reich­wei­te. Wie ist das aus dei­ner Ein­schät­zung als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ex­per­te: Wie könn­ten Muse­en wie­der in den Mit­tel­punkt der Gesell­schaft gerückt wer­den? Nur über Events oder wie ist das machbar?

Harald Rau: Das ist eine aus­ge­zeich­ne­te Fra­ge, weil wir bis heu­te aus erfah­rungs­wis­sen­schaft­li­cher Sicht kei­ne wirk­li­che Ant­wort dar­auf haben, sonst hät­ten wir die Lösung ja schon parat. Viel­leicht darf ich ein­fach mal einen öko­no­mi­schen Vor­schlag machen. Wir alle han­deln, wir gehen ins Restau­rant, set­zen uns hier zum Bei­spiel in den Hein­rich, wenn die Pan­de­mie vor­bei ist. Wir gehen aus, wir gön­nen uns was, das heißt wir haben bestimm­te Bedürf­nis­se, die wir befrie­di­gen und die wir erfül­len. Und ich unter­schei­de immer ger­ne zwi­schen hand­lungs­lei­ten­den Bedürf­nis­sen, also ich gehe jetzt hier wirk­lich essen, und zwi­schen den Bedürf­nis­sen, die eben nicht hand­lungs­lei­tend gelebt sind. Und kul­tu­rel­le Bedürf­nis­se sind für mich ganz oft eben Bedürf­nis­se, da wo man denkt: Ja, Oper ist wich­tig, dass wir sie haben, Thea­ter, Schau­spiel ist wich­tig, dass wir das haben, Muse­en ist ganz wich­tig, dass wir es haben, dass wir die­se Kul­tur auch bewah­ren. Ich unter­stüt­ze das auch ger­ne, aber ich gehe eigent­lich nicht hin. Ich war unlängst, das war natür­lich schon in die­sem Jahr im Früh­som­mer, das war schon auch schon zu Zei­ten der Pan­de­mie, die Muse­en hat­ten noch offen und ein guter Freund aus Ham­burg hat mich besucht. Dann sind wir hier ins Herzog-​Anton-​Ulrich-​Museum gegan­gen, weil wir natür­lich, weil ich weiß, dass Har­dy Gund­lach, auch ein Medienregulations- oder Medi­en­re­gu­lie­rungs­ex­per­te und Har­dy weiß ich, wenn wir uns tref­fen, wir gehen eigent­lich immer ins Muse­um. Egal wenn wir auf einer Tagung uns tref­fen, sage ich „Har­dy, wie sieht’s aus, gehen wir im Anschluss wie­der ins Muse­um?“. Dann habe ich gedacht, na dann bie­te ihm was Gutes, weil die Samm­lung hier ist ja ein­zig­ar­tig und wir waren mit zwei wei­te­ren Gäs­ten in die­sem gro­ßen Haus die ein­zi­gen Gäs­te. Und es waren deut­lich mehr, auch die­sem Fal­le, wie­der deut­lich mehr Auf­sich­ten und Ord­ner … Weiß nicht, wie bezeich­net man … Ja, Muse­ums­auf­sich­ten im Haus als Besu­cher. Dabei macht ja auch die­ses Muse­um schon rela­tiv viel in der Kom­mu­ni­ka­ti­on. Sie haben ja schon vie­le … Sie haben eine tol­le Web­site, sie machen Events, sie machen Ver­an­stal­tun­gen. Ich glau­be, dass wir ein­fach noch stär­ker eben genau die­se kul­tur­li­chen Bedürf­nis­se, also wir sagen Kul­tur ist etwas was unse­re Gesell­schaft zusam­men­hält, dass wird das ein­fach immer und immer und immer wie­der und noch stär­ker beto­nen müs­sen. Dass wir zumin­dest auch den gesell­schaft­li­chen Rück­halt dafür haben, denn irgend­wann, wenn wir gar kei­ne Reso­nanz mehr haben, dann kön­nen wir sagen, ja, also Sie erin­nern sich viel­leicht an die­ses Buch „Der Kul­tur­in­farkt“, wo es genau dar­um geht, dass wir viel zu vie­le Thea­ter, Orches­ter, Muse­en – es geht im Wesent­li­chen dort um Orches­ter und Muse­en – viel zu viel davon haben und viel zu viel finan­zie­ren, aber es ist ja unse­re Iden­ti­tät, die am Ende da dranhängt.

Sven-​David Mül­ler: Die Ost­fa­lia ist ja eine Hoch­schu­le, die von ihrer Dimen­si­on nicht unter­schätzt wer­den darf. Es ist mit 13.000, fast 13.000 Stu­den­ten, eine der gro­ßen, einer der größ­ten Hoch­schu­len in Nie­der­sach­sen und auch in ganz Nord­deutsch­land, das darf man nicht über­se­hen. Die Stand­or­te sind eben nicht in Braun­schweig, son­dern Salz­git­ter, Wolfs­burg, Suder­burg, Wol­fen­büt­tel. Wie kann eine Hoch­schu­le mit fast 13.000 Stu­den­ten das kul­tu­rel­le Leben einer sol­chen gro­ßen Regi­on berei­chern? Was macht die Ost­fa­lia selbst, um Kul­tur zu bereichern?

Harald Rau: Was KÖNNTE sie tun, wür­de ja ger­ne kor­ri­gie­ren. Wir haben die Tra­di­ti­on einer Tech­ni­schen Hoch­schu­le. Kul­tur­be­rei­che­rung … Sie mer­ken an mei­ner lan­gen Pau­se. Ich glau­be, dass gera­de auch die­se Insti­tu­ti­on durch­aus mehr für die Berei­che­rung kul­tu­rel­ler Kon­tex­te tun könn­te. Wir hat­ten jetzt die Mög­lich­keit einen Nach­lass zu erwer­ben, den Nach­lass eines ganz berühm­ten For­schers zu Egon Erwin Kisch. Egon Erwin Kisch ist ein Autor und Jour­na­list, der mit gro­ßer Trag­wei­te in den … die Jahr­hun­dert­wen­de, also die vor­letz­te Jahr­hun­dert­wen­de, gelebt hat. Kom­mu­nis­tisch unter­legt war, vie­le For­schungs­rei­sen, also Repor­ta­ge­rei­sen im Grun­de gemacht hat und so als lite­ra­ri­scher Jour­na­list wirk­lich sehr berühmt war und wir hat­ten die Mög­lich­keit hier an den Nach­lass her­an­zu­kom­men. Die Hoch­schu­le hat es abge­lehnt, auch natür­lich, weil kei­ne Erfah­rung mit dem Hos­ting und mit dem Betrieb und mit … eine Aus­sa­ge war schon „Wir sind kein Archiv“. Das hat mich per­sön­lich sehr ver­letzt, das muss ich ganz klar sagen, weil ich dort ein­fach die Chan­ce gese­hen hät­te, dass man gera­de im Kul­tur­be­trieb oder gera­de in den Berei­chen, die eben die Ost­fa­lia heu­te reprä­sen­tie­ren – wir sind nicht mehr nur eine Tech­ni­sche Hoch­schu­le, son­dern wir sind viel wei­ter auf­ge­stellt, wir sind viel wei­ter auf­ge­spannt und haben eben sehr vie­le sozi­al­wis­sen­schaft­li­che und auch durch­aus geis­tes­wis­sen­schaft­li­che Schwer­punk­te. Aber gut, das sind stra­te­gi­sche Ent­schei­dun­gen. Ich respek­tie­re das. Also ich respek­tie­re das, es ist dann ein­fach nur eine Mög­lich­keit, die an uns vor­bei­ge­zo­gen ist. Mal sehen, viel­leicht klappt noch irgend­was mit einer Stif­tung, die uns unter­stützt. Aber das sind so Din­ge, wo ich den­ke, viel­leicht könn­te man mit einem ande­ren, mit einer ande­ren Per­spek­ti­ve drauf doch noch stär­ker in den Kul­tur­be­trieb ein­grei­fen. Es gibt ja, das muss man zur Ehren­ret­tung sagen, eben auch mal oder es gab in den Zei­ten, in denen es mög­lich war, auch Kon­zer­te in der gro­ßen Aula in Wol­fen­büt­tel. Es gibt durch­aus vie­le Ver­bin­dun­gen in die Kul­tur­sze­ne hin­ein, das ist unbe­nom­men. Ja, aber es ist … Ich glau­be, da ist noch, wie man das im ame­ri­ka­ni­schen so schön sagt, room to impro­ve. Ich glau­be schon, dass da noch mehr mög­lich ist.

Sven-​David Mül­ler: Und wie kann man die Stu­den­ten als Hoch­schu­le dafür begeis­tern, dass noch mehr sozu­sa­gen die Stu­den­ten sich ins kul­tu­rel­le Leben ein­brin­gen oder ein­fach nur Kon­su­ment, Zuschau­er oder Nutz­nie­ßer von kul­tu­rel­len Ange­bo­ten sind?

Harald Rau: Jetzt sehen Sie ja, dass die Thea­ter in ganz Nie­der­sach­sen für Stu­den­ten und Stu­den­tin­nen groß­ar­ti­ge Ange­bo­te machen. Man kann irgend­wie eine hal­be Stun­de vor­her kom­men, bevor es anfängt und zahlt dann nix und hat einen Sitz­platz im Thea­ter. Ja, auch scha­de, dass das auch nicht so üppig genutzt wird. Ich glaube …

Sven-​David Mül­ler: Wor­an liegt das? Das muss doch einen Grund haben. Ich stel­le heu­te Fra­gen, die nie­mand beant­wor­ten kann, das ist mir schon …

Harald Rau: Ich beant­wor­te Sie Ihnen, auch wenn ich kei­nen empi­ri­schen Pro­of dafür habe, ich beant­wor­te sie Ihnen. Ich kann Ihnen aber nur mei­ne eige­ne Posi­ti­on, mei­ne eige­ne Hal­tung dazu sagen. Ich glau­be, ich bin zutiefst über­zeugt davon, dass es am ver­än­der­ten Kul­tur­kon­sum liegt. Also dass es am ver­än­der­ten Kon­sum­ver­hal­ten liegt. Ich bin ein gro­ßer Freund von die­ses from­schen Den­kens, ich will da nicht zu tief in die Theo­rie gehen, aber wir sind heu­te in unse­rer Gesell­schaft sehr, sehr haben- ori­en­tiert. Ich habe Zugang zu etwas, ich habe Net­flix, ich habe Ama­zon Prime, ich habe Dis­ney, ich habe viel­leicht noch Sky, also die Sport­mög­lich­kei­ten dazu. Und wir haben ein­fach ein so brei­tes Subkultur-​Angebot oder Unterhaltungskultur-​Angebot, dass man sich ja auch … Also für uns sind ja die­se lan­gen Zei­ten einer Pan­de­mie, wie wir sie 2020 und jetzt auch 2021 erlebt haben, sind ja eigent­lich gar nicht mehr so dra­ma­tisch, weil man ja im Ange­bot der Unter­hal­tungs­me­di­en wun­der­bar abge­deckt ist. Also ich glau­be, dass die, ja, viel­leicht ist es ein­fach auch eine ande­re Art der Genera­tio­nen, die anders ins Leben gekom­men sind. Ich mer­ke zum Bei­spiel bei uns zu Hau­se leben die Zwil­lin­ge mei­ner Lebens­ge­fähr­tin mit 11 Jah­ren, die beherr­schen Medi­en­tech­nik aus­ge­zeich­net, bei Büchern kommt dann das gro­ße Fra­ge­zei­chen. Und dann hat­te ich letz­te, hat­ten wir ein Gespräch auch mit einem Exper­ten zufäl­lig und der sag­te dann „naja, die lesen doch alle nicht in der Genera­ti­on“. Ja, also die lesen doch alle nicht, weil man ja schon immer denkt lesen ist die Kul­tur­tech­nik und ich glau­be, dass wir in der Gesell­schaft ganz, ganz stark dar­auf ach­ten müs­sen, dass die Lese­fä­hig­keit erhal­ten bleibt. Und mei­ne Lie­be zum Thea­ter kam eigent­lich nur über das Lesen, also ich woll­te dann auch wis­sen, wie es denn die­ser Faust jetzt umge­setzt oder wie ist denn jetzt die­ser Wal­len­stein umge­setzt? Das ist ja eigent­lich, wenn man es so liest ist es ja eher harm­los und man kann sich in die Spra­che ver­lie­ben, aber am Ende ist es dann die­se Umset­zung, die dann doch was, noch mal eine ande­re Welt eröffnet.

Sven-​David Mül­ler: Das heißt, wir müs­sen die Men­schen wie­der ver­stärkt dazu brin­gen zu lesen und dann Brü­cken zu schla­gen zum Schau­spiel, zum Besuch eines Muse­ums, zum Besuch einer Aus­stel­lung, zum Besuch eines Gebäu­des und da kom­me ich schon zur nächs­ten Fra­ge. Wel­che Orte in Salz­git­ter, in Salz­git­ter – du bist Pro­fes­sor in Salz­git­ter – muss man gese­hen haben? Der Braun­schwei­ger sag­te sofort „ach Salz­git­ter ist eine Arbei­ter­stadt, ich wuss­te gar nicht, dass es da einen Hoch­schul­stand­ort gibt von Bedeu­tung“, aber das ist ja nun ein­mal so. Aber jetzt neben die­sem Hoch­schul­stand­ort – was muss man in Salz­git­ter gese­hen haben, neben Schloss Sal­der? Das kennt jeder in der Region.

Harald Rau: Wie viel Zeit hast du? (Sven-​David Mül­ler: Wir haben sehr viel Zeit.) Okay. Dann wür­de ich tat­säch­lich im Süden anfan­gen. Ich fin­de ja die Struk­tur von Salz­git­ter sehr inter­es­sant. Das heißt, wenn du Salz­git­ter bereist musst du ein paar von die­sen klei­nen Orten gese­hen haben. Also zum Bei­spiel Ohlen­dorf oder auch sowas gewach­se­nes wie Git­ter. Ein­fach, dass man das erlebt hat. Du musst Schloss Rin­gel­heim gese­hen haben, dass lei­der am ver­fal­len ist, aber Barock­schloss mit einem Barock­gar­ten hin­ten, also mit einem offe­nen Gar­ten hin­ten dran der Eng­lisch ist und wirk­lich ein … ich habe immer gedacht, war­um bau­en die die Hoch­schu­le nach Calbecht und nicht in die­ses wun­der­ba­re Schloss Rin­gel­heim? Bau­en die­ses um, inves­tie­ren dort ihre 30 Mil­lio­nen und dann hast du die Mit­tags­pau­se, die Cafe­te­ria mit die­ser gro­ßen Trep­pe run­ter in den Gar­ten von Schloss Rin­gel­heim. Also Schloss Rin­gel­heim ist tat­säch­lich ein Ort, wo ich sagen wür­de, exzel­lent. Auch die Kir­che, die dazu gehört mit der wun­der­ba­ren Orgel drin, die machen ja wirk­lich tol­le Kon­zer­te dort auch, also von Süden dann kom­mend. Rin­gel­heim ist des­we­gen auch span­nend, weil wir dort alle Zug­kreu­zun­gen haben. Das wür­de es inter­es­sant machen für eine Hoch­schu­le auch, weil wir mit den öffent­li­chen Personenverkehrs- Nah­ver­kehrs­mit­teln hin­kom­men. Und dann gehen wir ein Stück wei­ter nörd­lich, in Bad, Bad ist eine schö­ne bezau­bern­de Klein­stadt, die in ihrem Innen­stadt­kern und dem Markt­platz nach wie vor ein wirk­lich schö­ner Platz ist. Und dann wür­de ich emp­feh­len von Bad aus die Wan­der­schu­he zu schnü­ren und über den Salz­git­ter Höhen­zug bis nach Lich­ten­berg zu wan­dern. Und dann hast du eigent­lich die­se gan­ze Über­sicht über die­sen Zwi­schen­be­reich, bevor du dann in Lich­ten­berg run­ter guckst, Bruch­macht­er­sen nach Lebens­tedt hin­ein. Und ich gehe ger­ne, wenn ich Besuch habe aus der Haupt­stadt, ken­ne sehr vie­le Men­schen aus Ber­lin, die mich dann durch­aus auch in Salz­git­ter besu­chen und dann immer ganz begeis­tert sind und mit der Chef­re­dak­teu­rin von EPD war ich Moun­tain­bi­ken auf dem, in Salz­git­ter da oben am Rei­her­see und die war völ­lig begeis­tert, sagt „du fährst ja direkt aus der Haus­tür und bist direkt oben am Rei­her­see“. Sol­cher Über­ra­schungs­ef­fekt hat man viel. Also man muss die Natur in Salz­git­ter gese­hen haben und dann wür­de ich emp­feh­len, dass man natür­lich nach Lebens­tedt geht und an den Salz­git­ter­see. Der ist die toll gewor­den! Ich könn­te mir sogar vor­stel­len, dass man den noch erwei­tert und auch die Bebau­ung rings­her­um, da hat sich viel, hat sich viel getan und dass man jetzt hier auch noch die­ses Café hat und im Som­mer unten am See die­se Bars und so eine Lounge-​Bar mit Palet­ten­mö­beln sehr, sehr schön gemacht. Der Sohn unse­res Haus­meis­ters inter­es­san­ter­wei­se, der die betreibt. Ganz wit­zig, wie sich dann auch Ver­bin­dun­gen erge­ben. Inso­fern bleibt Salz­git­ter dann doch ein Dorf. Was ich an Lebens­tedt sehr schät­ze und wenn du mich dann besuchst in Salz­git­ter, dann gehen wir in die Ber­li­ner Stra­ße und gehen schön Essen.

Sven-​David Mül­ler: Das geht wirk­lich sehr gut.

Harald Rau: Es gibt einen fan­tas­ti­schen Tür­ken in der Ber­li­ner Stra­ße und nicht nur einen, son­dern auch mehrere.

Sven-​David Mül­ler: Ich zie­he übri­gens wirk­lich nach Lebens­tedt demnächst.

Harald Rau: Ja, herz­lich willkommen.

Sven-​David Mül­ler: Ich dach­te in die Haupt­stadt von Salz­git­ter muss man doch ziehen.

Harald Rau: Ja und was ich durch­aus, ich bin ja auch schon manch­mal so biss­chen schräg drauf. Also in der Däm­me­rung, in der som­mer­li­chen Däm­me­rung durch Lebens­tedt Innen­stadt zu lau­fen, das machen wir dann wenn wir geges­sen haben in der Ber­li­ner Stra­ße. Also es gibt da so Ein­bli­cke, die sind abso­lut, ja, das ist 70er, es ist schräg, aber es hat was Beson­de­res und wenn man dann in Lebens­tedt noch run­ter zum alten Dorf läuft, zur Kul­tur­scheu­ne, also herz­lich … also ich fin­de Lebens­tedt hat durch­aus auch Lebens­qua­li­tät. Auch wenn Kul­tur­mä­ßig da …

Sven-​David Mül­ler: Müss­te man mehr machen.

Harald Rau: …  nicht so wirk­lich viel läuft.

Sven-​David Mül­ler: Das machen wir dann zusammen.

Harald Rau: Sehr gerne.

Sven-​David Mül­ler: Wo wären sol­che Orte in Wol­fen­büt­tel und Wolfs­burg, wo du sagst, da muss man wirk­lich mal hin­gu­cken und man über­sieht es viel­leicht sonst?

Harald Rau: In Wol­fen­büt­tel, ja, in Wol­fen­büt­tel fällt mir eines sofort ein. Es gibt, ich hof­fe sie ist noch, Herr Busche muss mir ver­zei­hen, ich hof­fe er hat sie noch ste­hen las­sen. Es gibt im Kel­ler der Biblio­thek gibt es eine Aus­stel­lung zu Zapf. Zapf ist ein, ist der Ent­wick­ler von Schrif­ten, ein ganz berühm­ter Ent­wick­ler von Schrif­ten und die­se Aus­stel­lung ist so bezau­bernd und so toll und da geht kei­ner hin, also die kennt auch kaum einer, aber ich wür­de wirk­lich emp­feh­len, das ist ein Klein­od und wenn sie noch da ist dann bit­te, dann bit­te dort­hin gehen, auch in die Biblio­thek. Ich fin­de das Les­sing­haus kann man sich spa­ren, aber das ist Geschmackssache.

Sven-​David Mül­ler: Es klingt toll.

Harald Rau: Und viel­leicht könn­te man auch irgend­wie … Ich find ja das, was die, was die Aka­de­mie für kul­tu­rel­le Bil­dung dort macht und was Isa­bel­le Rein­wand da auf die Bei­ne stellt jedes Jahr mit ihrem Pro­gramm fin­de ich sehr bemer­kens­wert, aber das ist natür­lich jetzt nichts, kein Ort wo man jetzt direkt hin­ge­hen kann, außer ins Gäs­te­haus, wo die exter­nen Gäs­te in der Müh­le unter­ge­bracht wer­den. Das wäre in Wol­fen­büt­tel etwas.

Sven-​David Mül­ler: Und in Wolfsburg?

Harald Rau: in Wolfs­burg, ich bin ganz ehr­lich, in Wolfs­burg gehe ich in die Autostadt.

Sven-​David Mül­ler: Ja. Das ist auch ein Kul­tur­ort, oder?

Harald Rau: Es ist ein Kul­tur­ort, ja.

Sven-​David Mül­ler: Auch wenn da kei­ne Oper statt­fin­det, wenn kein Bal­lett statt­fin­det, son­dern es ist tat­säch­lich ein kul­tu­rel­ler Ort. Ich glau­be wir müs­sen den Begriff Kul­tur auch sehr viel wei­ter fas­sen, um davon weg­zu­kom­men, dass es nicht im Mit­tel­punkt der Gesell­schaft ist.

Harald Rau: Also natür­lich den­ken wir, wenn wir an die Auto­stadt den­ken im Kul­tur­be­reich, an Movi­ment­os und ich bin aus der letz­ten Show bei dem Movi­ment­os Bal­lett bin ich anschlie­ßend raus gegan­gen und habe gesagt: Jetzt habe ich alles gese­hen, jetzt muss ich nichts mehr sehen, im Bewe­gungs­thea­ter, also sind Bal­lett Bereich. Völ­lig fas­zi­nie­rend was …

Sven-​David Mül­ler: Wäre das Staats­thea­ter gut bera­ten in der Auto­stadt ein Fes­ti­val der Oper zu brin­gen? Oper ist ja wirk­lich etwas …

Harald Rau: Mach doch! Probiert’s doch aus.

Sven-​David Mül­ler: Das müss­te so sein, oder?

Harald Rau: Also ich den­ke alle Plät­ze die … Ich kann mich gut erin­nern, ich kom­me ja aus Süd­deutsch­land, man hört es im Idi­om immer so ein biss­chen an, ich kann mich unglaub­lich gut erin­nern, es gab mal so eine Kam­pa­gne des Natio­nal­thea­ters in Mann­heim. Auch ein sehr, sehr schö­nes Haus. Also das Haus mei­ner Kind­heit im Grun­de und mei­ner Jugend und die haben wirk­lich dann gesucht danach wo gibt es Plät­ze in die­ser Stadt, in die­ser Regi­on, wo wir spon­tan mit Din­gen auf­tre­ten kön­nen. Wo wir auf­fal­len kön­nen, wo wir mit der Gesell­schaft uns ver­schrän­ken und sie haben dann ganz aktiv da auch die Nähe gesucht und des­we­gen. Ich den­ke, also über­all, wo was mög­lich ist, wo man viel­leicht auch Begeg­nung schaf­fen kann, sehr gerne.

Sven-​David Mül­ler: Die Coro­na Pan­de­mie ist ja schon mehr­mals ange­klun­gen. Wie kön­nen kul­tu­rel­le Insti­tu­tio­nen jetzt noch auf sich auf­merk­sam machen? Wir haben ja schon grund­sätz­lich das Pro­blem, dass sie nicht so sehr im Mit­tel­punkt der Gesell­schaft ste­hen wie sie ste­hen soll­ten, aber jetzt ist es ja doch sehr viel ein­di­men­sio­na­ler. Das Thea­ter, die Aus­stel­lungs­flä­che, das Orches­ter, das Muse­um, das Bau­denk­mal möch­te etwas, aber es kann es noch weni­ger kom­mu­ni­zie­ren als bis­her. Was sind dei­ne Emp­feh­lun­gen, wie könn­te man das anders machen oder ist es tat­säch­lich ein Pandemie-​bedingtes Lei­den, dass die Kul­tur noch weni­ger im Mit­tel­punkt der Gesell­schaft ist?

Harald Rau: Wie oft hast du Thea­ter­ka­nal geguckt?

Sven-​David Mül­ler: Regelmäßig.

Harald Rau: Gut. Wie oft 3sat und sol­che Dinge?

Sven-​David Mül­ler: Täglich.

Harald Rau: Siehst du. Und damit zeigst du schon mit wel­cher Aus­nah­me oder wel­che Aus­nah­men wir hier reprä­sen­tie­ren dür­fen. Also für mich ist es auch nichts Beson­de­res. Also wenn mich da, wenn ich da was Fas­zi­nie­ren­des fin­de, bin ich da auch sofort dabei, aber es ist eben ein ganz, ganz gerin­ger Aus­schnitt die­ser Gesell­schaft und die Ein­schalt­quo­ten sind ja gemes­sen und ich glau­be nicht, dass ein „ich hebe das Thea­ter in ein Bewegt­bild For­mat“, so wie wir das jetzt hier pro­du­zie­ren, ich glau­be nicht, dass es funk­tio­nie­ren wür­de. Ich glau­be nicht, dass wir so viel Reso­nanz dort fin­den, dass es trägt, dass wir … Ja, das ist so trau­rig so trau­rig es ist, aber ich glau­be nicht, dass es funktioniert.

Sven-​David Mül­ler: Wür­de es bei Face­book klap­pen oder ist das unab­hän­gig vom Absen­der sozu­sa­gen und von der Plattform?

Harald Rau: Na gut, viel­leicht mit einer sozi­al media­len Ver­schrän­kung könn­te ich mir sogar noch vor­stel­len, dass man viel­leicht noch mehr Auf­merk­sam­keit gene­rie­ren kann.

Sven-​David Mül­ler: Das heißt, man müss­te für sol­che digi­ta­len Kon­zep­te nicht ein­fach nur etwas anbie­ten, son­dern ganz neue Kon­zep­te kon­zi­pie­ren, etwas Neu­es schaffen?

Harald Rau: Gute Fra­ge. Weiß ich nicht. Also du merkst ja, dass wir von der For­schung her auch kei­ne wirk­li­chen Ant­wor­ten haben und sagen kön­nen Rezept 1 – du machst jetzt das, du nimmst jetzt das und du nimmst das, mischst das zusam­men und es funk­tio­niert und du wirst vie­le Zuschau­er haben. Mein Para­de­bei­spiel ist das Neu­jahrs­kon­zert der Wie­ner Sym­pho­ni­ker. Das hat 50 Jah­re gebraucht um heu­te eine Ein­schalt­quo­te welt­weit mit 80 Län­dern oder was, kei­ne Ahnung, zu haben und mit einem gro­ßen Mil­lio­nen­pu­bli­kum. Ich glau­be, dass ähn­lich wie im Bil­dungs­be­reich, das was online funk­tio­niert ist dann wirk­lich nur die Spit­ze, ist nur die­se Spit­ze des Kul­tur­be­triebs, aber nicht die Brei­te, also nicht die Basis. Das ist genau­so, mein Job kann ja über­flüs­sig wer­den – er wird natür­lich nicht über­flüs­sig, weil es die per­sön­li­che Betreu­ung braucht, aber mein Job wird im Grun­de online über­flüs­sig, weil alle mei­ne Stu­die­ren­den und alle mei­ne Stu­den­tin­nen und Stu­den­ten könn­ten ja zum Harvard-​Professor gehen und dort ihre Vor­le­sung hören online und alles ist gut und genau so ist es ja auch im Kul­tur­be­trieb, auch da ist es eben ein­fach mög­lich. Ich glau­be, dass wir ganz vie­le krea­ti­ve Aus­ein­an­der­set­zun­gen brau­chen und dass wir als Gesell­schaft einen Dis­kurs auch wie­der dar­über brau­chen, so wie Ende der 1960er Jah­re, wo wir das schon mal hat­ten, wo wirk­lich ganz klar her­aus­ge­ar­bei­tet wor­den ist, dass die Gesell­schaft eine kul­tu­rel­le Iden­ti­tät braucht. Und wir haben die letz­ten 40 Jah­re gut dazu nut­zen kön­nen die­se kul­tu­rel­le Iden­ti­tät zu erlan­gen und Kul­tur in einer Brei­te auf­zu­bau­en und zu unter­stüt­zen, die ein­zig­ar­tig ist und ich glau­be das Risi­ko, das zu ver­lie­ren, gera­de jetzt auch mit einem star­ken Popu­lis­mus von der rech­ten Sei­te, das Risi­ko, das zu ver­lie­ren ist … Die Nazis waren auch schon Bil­der­stür­mer und …

Sven-​David Mül­ler: Bücherverbrenner.

Harald Rau: Ja. Kom­po­nis­ten, Zer­stö­rer. Wir kom­men noch mal zurück auf Salz­git­ter. Für mich ist Salz­git­ter ein klas­si­scher Indus­trie­stand­ort, ist es geblie­ben, Gott sei Dank. Ist ja auch wich­tig für die Arbeits­plät­ze und es ist halt, das hat­ten wir schon, weni­ger bekannt als Hoch­schul­stand­ort. Wel­che kon­kre­te Aus­wir­kung hat eine so gro­ße Hoch­schu­le, mit einem doch gro­ßen Bereich in Salz­git­ter, auf die Stadt? Lässt sich das mes­sen, lässt sich das dar­stel­len, gibt es stu­den­ti­sches Leben in Salzgitter?

Harald Rau: Ich muss noch einen kur­zen Nach­trag brin­gen. Also Ent­schul­di­gung Rolf und Reza, ich habe näm­lich Thie­de und Ste­ter­burg ver­ges­sen, also Stift-​Steterburg soll­ten wir auf jeden Fall noch mit in die Lis­te, in die Lis­te auf­neh­men. Also das viel­leicht noch zu den Din­gen, die man gese­hen, die man gese­hen haben muss. Außer­dem hat Thie­de das schöns­te Neu­bau­ge­biet glau­be ich auch von Salz­git­ter. Die Ver­bin­dung die­ser Hoch­schu­le zur Stadt ist glau­be ich eine bis­lang durch­aus pro­ble­ma­ti­sche. Ich habe den Ober­bür­ger­meis­ter der Stadt bis­lang noch nicht auf den Absol­ven­ten­fei­ern gese­hen und ich bin jetzt auch schon zehn Jah­re da. Fra­ge ich mich: geht sowas, wenn man eigent­lich eine Kom­bi­na­ti­on oder eine gute Kom­bi­na­ti­on von Hoch­schu­le und Stadt haben möch­te. Salz­git­ter ist ein Hoch­schul­stand­ort und wir sind bekannt inzwi­schen. Also die Insti­tu­tio­nen in Salz­git­ter ken­nen uns und schät­zen uns auch und schät­zen auch die Ver­bin­dung. Ich glau­be aber, dass an vie­len Stel­len in Salz­git­ter noch nicht ganz ange­kom­men ist, wie so eine Hoch­schu­le funk­tio­niert und was sie … Es gibt Pro­jek­te auch zum Bei­spiel gera­de, wir haben ja Stadt und Regio­nal­ma­nage­ment als Stu­di­en­gang und dort gibt es seit vie­len, vie­len Jah­ren ganz vie­le Pro­jek­te auch direkt in der Stadt und für die Stadt und Salz­git­ter ist durch­aus auch als Forschungs‑, als For­schungs­ob­jekt nicht unin­ter­es­sant. Ein guter Freund von mir der an der Humboldt-​Universität in Ber­lin lehrt hat auch ein gro­ßes Pro­jekt gemacht, ich glau­be sogar mit DFG-​Unterstützung, wo sie eben auch ganz bewusst Salz­git­ter gewählt haben auf­grund der Bevöl­ke­rungs­struk­tur, weil man da eben bestimm­te Din­ge sehr gut prü­fen, unter­su­chen, in dem Fal­le mit qua­li­ta­ti­ver For­schung unter­le­gen kann. Ist auch ein ganz span­nen­des Pro­jekt gewe­sen. Also ja, es gibt Ver­bin­dun­gen, aber ich glau­be da gin­ge sicher­lich noch mehr, ein­fach in der gegen­sei­ti­gen Wahr­neh­mung. Man muss ja dazu sagen, die­se Hoch­schu­le ist an einem Stand­ort der mit­ten im Wald liegt, das ist die alte Gru­ben Anla­ge, han­no­ver­sche Treue. Man könn­te auch sagen Gru­be Her­mann Göring – wahr­schein­lich hat der alte Her­mann sie noch ein­ge­weiht und die Aka­zi­en vor­ne in der Ein­fahrt sind für ihn noch gepflanzt wor­den. 38 eröff­net wor­den. Der glei­che Archi­tekt übri­gens wie Tem­pel­hof, das glei­che Büro wie Tem­pel­hof. Also auch durch­aus archi­tek­to­nisch inter­es­sant. Es gibt dort eine Ver­zap­fung. Also wer sich für Innen­ar­chi­tek­tur inter­es­siert, herz­lich will­kom­men, kriegt auch eine per­sön­li­che Füh­rung von mir, ger­ne vor­her Bescheid sagen. Also es gibt da so eine Ver­zap­fungs­ar­chi­tek­tur, die gibt’s nur in Salz­git­ter, aus Höl­zern, die in den Raum ragen und dann ist dort noch mal eine Kon­struk­ti­on so als Hut oben drauf­ge­setzt, sehr schick gemacht. In die­ser Lohn­hal­le, also der Lohn­hal­le der Gru­be gabs frü­her auch Kon­zer­te, gibt es heu­te auch nicht mehr, gab einen Kul­tur­ver­ein, die die orga­ni­siert haben. Könn­te ich mir auch vor­stel­len, ob man sowas viel­leicht auch mal wie­der­be­le­ben kann, dass man ein­fach auch noch mehr Leben in so eine Hoch­schu­le bringt.

Sven-​David Mül­ler: Du bist ja auch Prä­si­dent Vor­sit­zen­der des Mar­ke­ting Clubs Braun­schweig. Wie kann man in die­sem Bereich kul­tu­rel­le Ange­bo­te för­dern? Wel­che Schnitt­punk­te gibt es sozu­sa­gen zwi­schen dem Mar­ke­ting Club der ja nun vie­le Unter­neh­men, vie­le Berei­che prä­sen­tiert, reprä­sen­tiert und den kul­tu­rel­len Ange­bo­ten in der Regi­on Braun­schweig, in der Stadt Braun­schweig, natür­lich auch in Salzgitter.

Harald Rau: Für mich ist Mar­ke­ting, ich bin ja auch kein typi­scher BWL Mar­ke­ter. Für mich ist Mar­ke­ting eine sehr brei­te Dis­zi­plin und ich find das toll, was für einen rie­sen Bogen wir hier in die­ser Sen­dung schla­gen dür­fen, weil Kul­turmar­ke­ting ist ja genau das mit dem wir ange­fan­gen haben im Grun­de unser Gespräch zu beginnen.

Sven-​David Mül­ler: Das war auch mei­ne vor­letz­te Frage.

Harald Rau: Hach, guck an, siehs­te, dann schla­gen wir einen wunderbaren …

Sven-​David Mül­ler: Der Bogen muss immer da sein.

Harald Rau: Also vie­len Dank dafür, vie­len Dank für die Füh­rung. Also schön, dass wir die­sen gro­ßen Bogen schla­gen durf­ten. Ich glau­be, dass der Kul­tur­be­reich und der Marketing-​Club sehr, sehr gut har­mo­nie­ren kön­nen mit­ein­an­der. Wir haben auch ganz vie­le Kul­tur­ein­rich­tung auch schon besucht, uns auch ange­guckt was die so machen und wie die Kulturpoli‑, wie die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­po­li­tik dort aus­sieht, wie stra­te­gi­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on dort aus­sieht. Und wir sind im Unter­schied zu ande­ren Mar­ke­ting­clubs sehr, sehr stark Agen­tur getrie­ben. Das heißt, wir haben sehr, sehr vie­le krea­ti­ve auch bei uns, die sich da natür­lich auch für den Kul­tur­be­trieb durch­aus enga­gie­ren und gro­ßes Inter­es­se zeigen.

Sven-​David Mül­ler: Und jetzt mei­ne letz­te Fra­ge, war ja schon ange­kün­digt. Ich begin­ne einen Satz und du been­dest ihn dann. Salz­git­ter ist eine lebens­wer­te Stadt, weil …

Harald Rau: … Ich dort woh­ne. Salz­git­ter ist eine lebens­wer­te Stadt, weil sie so abwechs­lungs­reich ist.

Sven-​David Mül­ler: Und gleich hin­ter an: Braun­schweig ist eine lebens­wer­te Stadt, weil … Jetzt sag nicht, weil du dort nicht wohnst.

Harald Rau: … Weil Salz­git­ter so nah ist.

Sven-​David Mül­ler: Sehr schön. In Salz­git­ter fehlt mir besonders …

Harald Rau: … Dyna­mik und Gestaltung.

Sven-​David Mül­ler: Jetzt fas­se ich es etwas wei­ter: Die Men­schen des Braun­schwei­ger Lan­des, was auch immer das sein mag, wir haben die Regi­on Braunschweig …

Harald Rau: Ist his­to­risch ja durch­aus definiert.

Sven-​David Mül­ler: Nur das Her­zog­tum. Genau, das wür­de tat­säch­lich dann dazu pas­sen. Die Men­schen des Braun­schwei­ger Lan­des sind Kunst- und Kul­tur­be­geis­tert und das zeigt sich an …

Harald Rau: Sind sie das?

Sven-​David Mül­ler: Viel­leicht las­sen wir das ein­fach mal so ste­hen. Wenn eine gute Fee käme und mir jähr­lich eine Mil­li­on schen­ken wür­de, jähr­lich, wür­de ich im kul­tu­rel­len Bereich fol­gen­des finanzieren …

Harald Rau: … Kul­tu­rel­le Bildung.

Sven-​David Mül­ler: Kul­tu­rel­le Bildung.

Harald Rau: Kul­tu­rel­le Bil­dung, und zwar nicht im Kin­der­be­reich, son­dern im post­pu­ber­tä­ren Bereich.

Sven-​David Mül­ler: Sehr gut. Das abso­lu­te Kunst- und Kultur-​Highlight im Braun­schwei­ger Land, ob‘s Wolfs­burg, Wol­fen­büt­tel, Salz­git­ter oder Braun­schweig ist, viel­leicht sogar Gos­lar. Das abso­lu­te Kunst- und Kultur-​Highlight im Braun­schwei­ger Land ist oder sind …

Harald Rau: … Die Aus­stel­lung im Wolfs­bur­ger Kunstmuseum.

Sven-​David Mül­ler: Ich wür­de Gäs­ten, die mich in Braun­schweig oder in Salz­git­ter besu­chen, beson­ders emp­feh­len … zu entdecken.

Harald Rau: Herzog-​Anton-​Ulrich-​Museum. Bei­spiel hat­ten wir, Har­dy Gund­lach muss­te dort­hin, der hat­te gar kei­ne Wahl.

Sven-​David Mül­ler: Was gibt es noch Außer­ge­wöhn­li­ches, viel­leicht auch im Bereich Archi­tek­tur, Bau­denk­mä­ler, im Braun­schwei­ger Land zu entdecken?

Harald Rau: Das Rat­haus in Lebenstedt.

Sven-​David Mül­ler: Warum?

Harald Rau: Weil es in sei­ner Archi­tek­tur für eine Zeit steht, die wir manch­mal ger­ne weg igno­rie­ren wür­den, weil in die­ser Zeit end­lich mit den Nazis auf­ge­räumt wor­den ist in die­sem Land und weil wir in die­ser Zeit einen ganz gerad­li­ni­gen Dis­kurs geführt haben und ich mir den manch­mal heu­te auch noch wün­schen wür­de, durch­aus mit der Emo­tio­na­li­tät und für die­se Gerad­li­nig­keit steht das Lebens­ted­ter Rat­haus wie eine Iko­ne für mich.

Sven-​David Mül­ler: Für die­ses Abschluss­wort dan­ke ich dir, Harald, ganz herz­lich, weil das schließt wirk­lich unser Gespräch rund ab und zeigt ganz deut­lich dei­ne Geis­tes­hal­tung. Ich dan­ke dir noch mal für das Gespräch. Das war der Kul­tur Talk. Wir sehen uns in einer der nächs­ten Sen­dun­gen wie­der, dar­auf freue ich mich. Tschüss und auf Wiedersehen.

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