Angst, über­flüs­sig zu wer­den? Unbe­grün­det!

Es soll noch ein­mal um die Leh­re an der Ost­fa­lia in Salz­git­ter gehen. In den ers­ten Tei­len die­ser Rei­he wur­de unser Autor ja durch­aus grund­sätz­lich, heu­te soll es schließ­lich um die Angst gehen, als Leh­ren-der über­flüs­sig zu wer­den, wenn schließ­lich alles digi­tal ist, auf Lan­des­ebe­ne ver­netzt zur Ver­fü­gung steht – und plötz­lich auch digi­ta­le Kon­kur­ren­ten aus ganz ande­ren Orten für Stu­die­ren­de eine Rol­le spie­len kön­nen, weil es im Netz ja um die Ecke und damit auch im über­tra­ge­nen Sin­ne nahe liegt…

Also, rich­tig, da war noch etwas, die Angst, dass man als Leh­ren­der vor Ort in Salz­git­ter nichts mehr zu tun hat, weil sich Stu­die­ren­de an Lehr­an­ge­bo­ten ande­rer Insti­tu­tio­nen bedie­nen, bei Pro­fis, die auch auf You­Tube gut rüber­kom­men. Nun, sie ist dann zumin­dest unbe­grün­det, wenn sich Hoch­schul­leh­rer dar­auf besin­nen, was Men­schen ver­än­dert, was sie ent­wi­ckelt. Der ent­schei­den­de Fak­tor heißt „Beglei­tung“ (der Autor die­ser Zei­len war unmit­tel­bar ver­sucht zu schrei­ben: „lie­ben­de Beglei­tung“, viel­leicht machen wir „zuge­wand­te Beglei­tung“ dar­aus) – und die braucht den per­sön­li­chen Kon­takt, den Aus­tausch, ob digi­tal oder ana­log ver­mit­telt, sie erfor­dert, dass Leh­rer den ein­zel­nen Men­schen sehen, sei­ne Mög­lich­kei­ten und sei­ne Anstren­gungs­mo­ti­va­ti­on, dass ihm in Lern­kri­sen zur Sei­te gestan­den wird, jeder und jede zum Wei­ter­ma­chen moti­viert wird. Ein Satz der die Essenz guter Hoch­schul­leh­re exzel­lent for­mu­liert, stammt von Timo­thy Slay­ter, der unter ande­rem Buch das „Uni­ver­si­ty Tea­ching Mat­ters“ geschrie­ben hat, ein Titel, der sich mit „Die Leh­re an der Uni hat Bedeu­tung“ grob über­set­zen lässt. Und er sagt: Gute Leh­re ist hoch kom­plex, und sie führt auf bei­den Sei­ten – bei Leh­rern wie Stu­den­ten – zu Frus­tra­tio­nen. Doch die­se Frus­tra­tio­nen sind in sei­ner Über­zeu­gung wich­tig, denn nur sie kön­nen am Ende zu Höchst­leis­tun­gen moti­vie­ren, ein Über-Sich-Hin­aus­wach­sen ermög­li­chen. Wer sich in der Grund­schu­le Mul­ti­pli­ka­ti­on oder Divi­si­on aneig­nen muss­te, weiß es, wer der aus dem Spiel mit Sub­jekt, Prä­di­kat und Objekt Fähig­kei­ten ent­wi­ckelt hat, wie jene, einen sol­chen Arti­kel, den Sie nun gera­de lesen, zu schrei­ben, weiß es mög­li­cher­wei­se noch bes­ser: Ler­nen ist anstren­gend – und es muss und darf uns an unse­re eige­nen Gren­zen füh­ren. Je öfter dies der Fall ist, des­to erfolg­rei­cher das Bil­dungs­sys­tem. Die Digi­ta­li­sie­rung gibt nun neue Mög­lich­kei­ten an die Hand, Kom­ple­xi­tät zu beherr­schen. Wenn Hoch­schul­leh­re, wie von Timo­thy Slay­ter beschrie­ben, hoch kom­plex ist, dann soll­te man die­se Mög­lich­kei­ten begrü­ßen, ja nach­ge­ra­de umar­men, sich ihrer anneh­men und dafür auch die poli­ti­schen Wei­chen stel­len.

Man könn­te es auch als Auf­for­de­rung so for­mu­lie­ren: „Wir haben aktu­ell die Chan­ce, das bes­te aller denk­ba­ren Sys­te­me hoch­schul­ge­bun­de­ner Bil­dung zu schaf­fen! Wir soll­ten sie nicht unge­nutzt vor­bei­zie­hen las­sen!“

Die bes­ten Stu­die­ren­den sind jene, die sich selbst orga­ni­sie­ren kön­nen, die sich fes­te Rou­ti­nen schaf­fen und dar­auf ein­las­sen, zur Ver­fü­gung gestell­te Mate­ria­li­en auch stu­die­ren, jene, die auf das Exter­na­li­sie­ren von Bedin­gun­gen und auf Schuld­zu­wei­sun­gen an Gege­ben­hei­ten des Sys­tems ver­zich­ten. Wäre aus­ge­präg­te Selbst­or­ga­ni­sa­ti­ons­kom­pe­tenz das ein­zi­ge, was ernst­haft Stu­die­ren­de aus einem Stu­di­um mit­neh­men, müss­te man sich um „Employa­bi­li­ty“, das ist eine die­ser Zau­ber-Voka­beln, die bil­dungs­po­li­tisch moti­vier­te Her­zen oft höher schla­gen lässt, man müss­te sich kaum mehr dar­um küm­mern, denn wer selbst­or­ga­ni­siert arbei­ten kann, kann sich in nahe­zu jede talent­na­he Tätig­keit schnell ein­ar­bei­ten. Selbst­or­ga­ni­sa­ti­ons­kom­pe­tenz kennt eine wesent­li­che Vor­aus­set­zung, sie lässt sich als Bin­sen­weis­heit for­mu­lie­ren: Wer lesen kann, ist im Vor­teil! Was man also auch in und mit die­ser Kri­se wie­der neu ler­nen darf: Lesen ist nach wie vor die wich­tigs­te Kul­tur­tech­nik – und jene, die es beherr­schen, einer­seits schnell, ande­rer­seits den­noch kon­zen­triert zu lesen, schrei­ben am Ende deut­lich bes­se­re Skiz­zen und Arbei­ten, sie sind auf­merk­sa­mer bei den Bespre­chungs­ter­mi­nen und kön­nen auf hohem Niveau mit­dis­ku­tie­ren. Inter­es­sant dabei: Es braucht sol­che Kri­sen­zei­ten, es braucht eine kon­se­quent digi­ta­li­sier­te Hoch­schul­leh­re, um dies in aller Kon­se­quenz sicht­bar zu machen.

Ergo: Das zen­tra­le Ziel von Bil­dungs­po­li­tik darf Lese­kom­pe­tenz lau­ten. Sie ist die Grund­vor­aus­set­zung der Selbst­or­ga­ni­sa­ti­ons­kom­pe­tenz. Wer ein Buch stu­die­ren kann, schei­tert an kei­nem Mood­le-Kurs, für den sind digi­ta­le Lern­an­ge­bo­te eine per­fek­te Ergän­zung, wenn sie zusätz­lich zu rei­ner Lek­tü­re Video­zu­spie­lun­gen, Audio-Vor­le­sun­gen, Inter­views, Übungs­auf­ga­ben, inten­si­ve Refle­xi­ons­übun­gen oder Kon­zep­te zur eigen­stän­di­gen Bewer­tung von Auf­ga­ben ande­rer ent­hal­ten. 

Zei­tun­gen haben in den ver­gan­ge­nen Wochen im Digi­ta­len eine bemer­kens­wer­te Renais­sance erlebt – auch das zeigt: nur wer lesen kann, ist letz­ten Endes am gesell­schaft­li­chen Pro­zess betei­ligt und akzep­tiert auch nicht leicht­fer­tig die Ver­lo­ckun­gen, die ein­fa­che­re Ver­schwö­rungs­my­then bie­ten.

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Ein bes­se­res Bei­spiel gibt es nicht: Poli­tik kann etwas bewe­gen!

Der neue Niedersächsischer Landtag 2018

Am 20. Mai berich­te­ten wir an die­ser Stel­le mit wel­chem Auf­wand die digi­ta­le Leh­re an der Ost­fa­lia in Salz­git­ter ganz kon­kret ver­bun­den ist – das ist die Schat­ten­sei­te der ins­ge­samt ja durch­aus posi­ti­ven Bilanz zum Online-Som­mer­se­mes­ter. Heu­te soll es um Poli­tik gehen – und was sie mit der Digi­ta­li­sie­rung der Hoch­schul­leh­re zu tun hat. Die für alle Leh­ren­den in Nie­der­sach­sen gel­ten­de Lehr­ver­pflich­tungs­ver­ord­nung des Lan­des, kurz LVVO erklärt seit Jahr­zehn­ten sehr deut­lich, wie die Wäh­rung an einer Hoch­schu­le lau­tet: Das Kür­zel nennt sich in Nie­der­sach­sen LVS, und es steht für Lehr­ver­an­stal­tungs­stun­den, die in die beschrie­be­nen Wochen­stun­den auf das Semes­ter bezo­gen ange­ge­ben wer­den. Die­se im Semes­ter zu erbrin­gen­den Wochen­stun­den sind Dreh- und Angel­punkt der Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­on. Was im Sys­tem aktu­ell spür­bar ist: Digi­ta­li­sier­te Lehr­an­ge­bo­te wir­ken fle­xi­bi­li­sie­rend, las­sen sich mit sche­ma­tisch zu erfas­sen­den LVS nicht abbil­den, ihre didak­tisch aus­ge­feil­te Ent­wick­lung und der Ein­satz mul­ti­me­dia­ler Ange­bo­te benö­ti­gen Stun­den, Tage, Wochen.

Die Lan­des­re­gie­rung mag zu die­ser Ein­las­sung anmer­ken: In Para­graf 14 erfasst doch die seit 2018 gül­ti­ge LVVO alle Ansprü­che, die eine digi­tal ver­mit­tel­te Leh­re mit sich bringt. Dort heißt es in Absatz 5: „Die Erstel­lung und Betreu­ung von Mul­ti­me­dia­an­ge­bo­ten kann in einem dem Zeit­auf­wand ent­spre­chen­den Umfang bei der Erfül­lung der Lehr­ver­pflich­tung berück­sich­tigt wer­den.“ So weit, so gut: Man erkennt indes unschwer in die­sen Tagen, dass die Wäh­rung „LVS“ in der Pra­xis digi­ta­ler Leh­re nicht mehr zeit­ge­mäß ist. Kon­sul­ta­tio­nen fin­den häu­fi­ger statt, sind umfang­rei­cher, Vor­le­sun­gen sind manch­mal kür­zer, dich­ter und viel­leicht auch effek­ti­ver. Zumin­dest dann, wenn sie gut pro­du­ziert sind.

Der Haken: die LVVO unter­stützt alle Lehr­an­ge­bo­te, die in die­sen Kri­sen­ta­gen „busi­ness as usu­al“ betrei­ben, ins­be­son­de­re also Vor­le­sun­gen, die vor lee­ren Sälen statt­fin­den und per Live­stream ins Netz über­tra­gen wer­den. Das mag im einen oder ande­ren Fal­le ja auch sinn­voll sein. Gute, zukunfts­ori­en­tier­te Leh­re, die alle digi­tal ver­füg­ba­ren Werk­zeu­ge und Mög­lich­kei­ten aus­schöpft, sieht anders aus. Sie wird von den geschaf­fe­nen Anreiz­sys­te­men nicht erfasst, und sie wird vom poli­ti­schen Akteur nicht aktiv geför­dert. Denn gute digi­ta­le Leh­re an Hoch­schu­len zieht alle Regis­ter der Inter­ak­ti­on, mischt Lehr­for­men und Gen­res, und ihre Akteu­re sind in der Lage selbst­si­cher Kanal­ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Das heißt, sie kön­nen schnell und am jeweils beab­sich­tig­ten Lern­er­geb­nis ori­en­tiert ent­schei­den wel­che Lern­auf­ga­ben in Form von Büchern, kür­ze­ren Bei­trä­gen und Tex­ten, in Form von Audio­da­tei­en, Video, inter­ak­ti­ven Foli­en­sät­zen, „Live­kor­rek­tu­ren“, eines Quiz, einer Sor­tier­auf­ga­be, der gegen­sei­tig digi­tal ver­teil­ten Kor­rek­tur von Haus­auf­ga­ben gestellt wer­den. All dies geschieht vor dem Hin­ter­grund didak­tisch sinn­vol­ler Ent­schei­dun­gen und sorg­fäl­ti­ger Abwä­gun­gen. Wer ein wenig län­ger dar­über nach­denkt, erkennt, wel­cher Auf­wand hier­für nötig ist, es ist ein Auf­wand, der sich in kei­ner Wei­se über die Rege­lun­gen der LVVO abbil­den lässt.

Dabei könn­te vie­les so leicht sein. Es muss ja nicht jeder das Rad neu erfin­den. War­um tun wir uns als Hoch­schul­leh­rer nicht im Land zusam­men, arbei­ten gemein­sam an den bes­ten digi­ta­len Kurs­an­ge­bo­ten, die Deutsch­land bie­ten kann, nut­zen die Kri­se, um eine gemein­sa­me Platt­form zu schaf­fen, vor­han­de­ne Digi­tal­an­ge­bo­te zusam­men­zu­füh­ren? War­um finan­zie­ren wir nicht im Land drei oder vier zen­tra­le „Netz­werk­hubs“ der Medi­en­tech­nik – mit Mög­lich­kei­ten zur hoch­qua­li­ta­ti­ven Pro­duk­ti­on von Lehr­an­ge­bo­ten. Die tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten sind gege­ben, was bei der Pla­nung in der Ver­gan­gen­heit ver­ges­sen wur­de, ist die ent­spre­chend dau­er­haft ange­leg­te Betriebs­aus­stat­tung mit Per­so­nal. Nahe­zu alle Werk­zeu­ge, mit denen wir heu­te die Digi­ta­li­sie­rung der Hoch­schul­leh­re ins Werk set­zen, sind kei­nes­falls neu. Sie sind und sie haben sich bewährt. Und vie­les von dem, was wir aktu­ell tun, hät­ten wir so oder zumin­dest ähn­lich auch bereits vor min­des­tens einer Deka­de hin­be­kom­men. War­um wir dies nicht getan haben? Die­ser Bei­trag fin­det zumin­dest eine Ant­wort: Es war nicht nötig, und: es wur­de nicht aus dem Sys­tem her­aus gestützt oder initi­iert.

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Sol­len wir den Laden zu machen? Was Stu­dis sich so wün­schen!

Am 15. April gab es an die­ser Stel­le eine ers­te, recht posi­ti­ve Bilanz zum Online-Som­mer­se­mes­ter: Mehr Zeit, die inves­tiert wer­den muss, aber auch nicht unbe­dingt weni­ger oder schlech­te­re Ergeb­nis­se. Seit die­ser Woche (18. Mai) sind unter stren­gen Auf­la­gen auch wie­der Prä­senz­lehr­ver­an­stal­tun­gen mög­lich, es bleibt an der Ost­fa­lia in Salz­git­ter den­noch erstaun­lich ruhig. Vie­le haben sich in der digi­ta­len Leh­re ein­ge­rich­tet, sich mit ihr ange­freun­det. Eine Umfra­ge am ver­gan­ge­nen Mon­tag (18.5.) im Stu­di­en­gang Kom­mu­ni­ka­tions­man­age­ment ergab: 55 Pro­zent der Stu­die­ren­den eines Jahr­gangs wol­len auch künf­tig über­wie­gend Online­leh­re, 45 Pro­zent der Teil­neh­mer brau­chen für sich auch den per­sön­li­chen Kon­takt mit Mit­stu­die­ren­den und Dozen­ten. Auch die­ses Ergeb­nis zeigt: Wer sich jetzt nicht dar­auf ein­lässt, ver­passt grund­le­gend etwas – und die ver­wend­ba­ren Werk­zeu­ge sind leich­ter zu bedie­nen und anzu­wen­den, als sich das vie­le das noch immer vor­stel­len. Ent­schei­dend ist die Didak­tik, also die Fra­ge, wie man wel­che Inhal­te in eine Struk­tur, in eine Logik, genau­er: in eine Ver­mitt­lungs­lo­gik über­führt. Wer heu­te Schwie­rig­kei­ten in und mit der Online-Umset­zung von Lehr­an­ge­bo­ten hat, darf sich also noch ein­mal inten­si­ver mit dem gene­rel­len „Wie“ beschäf­ti­gen, mit der Fra­ge, auf wel­che Wei­se The­men­fel­der oder Schwer­punk­te the­ma­ti­siert wer­den soll­ten. Es gibt zahl­rei­che Kon­zep­te – vie­le von ihnen aus den 1970er Jah­ren, sie funk­tio­nie­ren auch in der Online­welt. Genau des­halb kann man in der Kri­se auch eine Chan­ce sehen!

Beim Blick zurück könn­te man gar der Lan­des­po­li­tik Ver­säum­nis­se vor­wer­fen. Zur Erin­ne­rung: Bil­dungs­po­li­tik ist im föde­ra­len Deutsch­land Län­der­sa­che. Auch wenn das zu unter­schied­li­chen Rege­lun­gen und Qua­li­tä­ten der Schul­ab­schlüs­se führt – und dies regel­mä­ßig kri­tisch dis­ku­tiert wird, so ist das doch grund­le­gend eine sehr gute Sache. Es macht die Bil­dungs­po­li­tik fle­xi­bler, anpas­sungs­fä­hi­ger. Schließ­lich: die Poli­tik und ihre Prot­ago­nis­ten sind ein­fach „näher dran“. Doch bezo­gen auf die Digi­ta­li­sie­rung der Leh­re an den Hoch­schu­len, zei­gen sich in allen Bun­des­län­dern der­zeit Defi­zi­te. War­um? Viel­leicht liegt der Haupt­grund in den Anreiz­sys­te­men. Hoch­schul­leh­rer erken­nen aktu­ell: Digi­ta­le Hoch­schul­leh­re ist anspruchs­voll, ist inten­siv – und sie macht viel Arbeit, sehr viel Arbeit. Wer sich für die Sache enga­giert , sitzt Stun­den um Stun­den, um Screen­casts zu pro­du­zie­ren, indi­vi­du­el­le Gesprä­che anzu­bie­ten, Auf­ga­ben zu for­mu­lie­ren, Kor­rek­tur­schlei­fen ein­zu­bau­en, viel­leicht noch einen Pod­cast ein­zu­spre­chen, am Abend noch über Mail- und Mes­sen­ger­diens­te ein­ge­gan­ge­ne Fra­gen zu beant­wor­ten. Ein Bei­spiel: Für einen aktu­ell und für die­ses Semes­ter neu auf­be­rei­te­ten Online­kurs auf Mas­ter­ni­veau im Stu­di­en­gang Kom­mu­ni­ka­tions­man­age­ment wur­den von Pro­fes­so­ren und Mit­ar­bei­tern ins­ge­samt bereits 420 Stun­den an Arbeits­leis­tung inves­tiert. Dabei steht die­ser Kurs pro Semes­ter­wo­che mit ledig­lich zwei Stun­den an Lehr­zeit im Kalen­der. Jeder Pro­fes­sor, jede Pro­fes­so­rin an der Ost­fa­lia in Salz­git­ter muss im Semes­ter 18 Stun­den pro Woche unter­rich­ten. Rich­tig, der Kurs kann in den kom­men­den Jah­ren wei­ter­ver­wen­det wer­den, eine Aktua­li­sie­rung ist mit gerin­ge­rem Auf­wand mög­lich. Aber auch die Leh­ren­den müs­sen sich die Mög­lich­kei­ten digi­ta­ler Hoch­schul­leh­re erst ein­mal aneig­nen. Nicht alle die im Hör­saal über­zeu­gen, kön­nen das auch auf You­Tube. Der beschrie­be­ne Kurs ver­eint auf­be­rei­te­te Screen­casts, Video- und Audio­an­ge­bo­te, digi­ta­len Kar­tei­kar­ten, pro­gram­mier­te Ent­schei­dungs­bäu­me, gibt die Mög­lich­keit zur Ein­rei­chung von Auf­ga­ben, stellt Tex­te zur Ver­fü­gung, eine Daten­bank mit Lite­ra­tur, ein wach­sen­des Wiki zu Metho­den. Vie­les davon benö­tigt umfang­rei­che Kennt­nis­se (zum Bei­spiel, wie man Werk­zeu­ge aus dem digi­ta­len Bau­kas­ten der H5P-Fami­lie ein­bin­det, was an die­ser Stel­le nur Insi­dern etwas sagen wird) – und wenn dann alles auch noch für mobi­le Gerä­te opti­miert wer­den soll, braucht es end­gül­tig den Exper­ten.

Foto: Ben­ja­min Rech

Kom­Ma-For­scher­team erhält Ein­la­dung für Best-Paper-Award der EMMA

Die Jah­res­ta­gung der Euro­pean Media Manage­ment Asso­cia­ti­on fin­det zwar coro­nabe­dingt in die­sem Jahr nicht statt. Gleich mit drei The­men­an­ge­bo­ten war das Kom­Ma-Team erfolg­reich. Die neue Netz­werk­ana­ly­se im Pro­jekt Ver­flech­tungs­struk­tu­ren deut­scher TV-Sen­der soll­te eben­so vor­ge­stellt wer­den, wie eine Lite­ra­tur­ana­ly­se zum Kon­text-Mar­ke­ting.
Beson­ders erfolg­reich jedoch war eine Ein­rei­chung, die dem Pro­jekt Loca­ti­on-Based Ser­vices in der regio­na­len Medi­en­kom­mu­ni­ka­ti­on zuzu­ord­nen ist.
Die ein­ge­reich­te Kurz­fas­sung wur­de für den Wett­be­werb um den Best Paper Award aus­ge­wählt. In Inter­views und Fokus­grup­pen­ge­sprä­chen hat­ten die LBS-For­scher aus dem Kom­Ma-Team in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zahl­rei­che Erkennt­nis­se über die Inno­va­ti­ons­be­reit­schaft von Jour­na­lis­ten und Redak­ti­ons­ma­na­gern gewon­nen. Vor­aus­set­zung zur Teil­nah­me am Wett­be­werb: Die Ein­rei­chung eines so genann­ten Full Paper, eines umfas­sen­den For­schungs­be­rich­tes, der wie ein Bei­trag für eine wis­sen­schaft­li­che Fach­zeit­schrift gestal­tet ist.
Um die Qua­li­tät des „Papers“ zu erhö­hen, führ­ten Per Ole Uphaus, Björn Berin­ger und Harald Rau im April und Mai noch eine grö­ße­re Zahl ver­tie­fen­der Fol­low-up-Inter­views mit Redak­ti­ons­ma­na­gern und ver­ant­wort­li­chen Jour­na­lis­ten durch. Die­se wur­den in Win­des­ei­le mit Hil­fe der Kom­Ma-Tran­skrip­ti­ons­rou­ti­ne und der Soft­ware MAXQDA aus­ge­wer­tet und ver­ar­bei­tet. Meh­re­re Tage lang arbei­te­ten die Autoren und Autorin­nen des Teams – mit dabei auch Anni­ka Ehlers, ehe­ma­li­ge Kom­Ma-Mit­ar­bei­te­rin, die heu­te an der Jön­köping Busi­ness-School pro­mo­viert und arbei­tet – in enger Abstim­mung, um das Paper zu fina­li­sie­ren. Es hat funk­tio­niert, kurz vor Ablauf der Ein­rei­chungs­frist konn­te Erst­au­tor Per Ole Uphaus die fina­le Fas­sung hoch­la­den.

Jetzt stu­die­ren alle online! Geht das?

Nun also – eine neue Zeit­rech­nung. Erkennt­nis Num­mer eins: Es geht, es geht bes­ser, als vie­le von uns dach­ten. Erkennt­nis Num­mer zwei: Es ist anstren­gen­der, deut­lich anstren­gen­der und zeit­rau­ben­der als vie­le in ihren schlimms­ten Träu­men befürch­tet hat­ten. Erkennt­nis Num­mer drei: Wer digi­ta­le Hoch­schul­leh­re ernst nimmt, und wer dafür Hin­ga­be zeigt und noch mehr Hirn­schmalz inves­tiert, der erzielt gemein­sam mit den Stu­den­ten zum Teil deut­lich bes­se­re Ergeb­nis­se.

Die per­sön­li­che Erfah­rung an der Ost­fa­lia in Salz­git­ter: Beson­ders gut funk­tio­niert das mit der Digi­ta­li­sie­rung in semi­na­ris­ti­schen Kur­sen, bei denen am Ende des Semes­ters Haus- oder Pro­jekt­ar­bei­ten abge­ge­ben wer­den müs­sen. Das sieht dann zum Bei­spiel so aus: In der ers­ten Stu­fe wird eine Pro­jekt­skiz­ze ent­wi­ckelt und elek­tro­nisch auf einer Platt­form ein­ge­reicht – wie die­se Skiz­ze aus­zu­se­hen hat, ist für alle Semi­nar­teil­neh­mer per For­mu­lar vor­ge­ge­ben. Dann bewer­ten alle gegen­sei­tig ihre Abga­ben – auch dafür gibt es ein For­mu­lar, bei dem jeder sich ein Urteil über ver­schie­de­ne Aspek­te per Ankreu­zen bil­den darf – und damit eben auch die eige­ne Arbeit noch ein­mal in Fra­ge stel­len kann und muss: Ist das The­ma ver­ständ­lich for­mu­liert? Ist die Pro­jek­t­um­set­zung pass­ge­nau am Semi­nar­kon­text aus­ge­rich­tet? Stimmt der theo­re­ti­sche Hin­ter­grund? Pas­sen Beschrei­bung und der so genann­te „Workload“ zuein­an­der, also pas­sen Skiz­ze und geplan­ter Arbeits­auf­wand für das Semi­nar zusam­men? All das kön­nen die Teil­neh­mer bewer­ten – und ihren Kom­mi­li­to­nen zurück­mel­den, weil auch die­ses For­mu­lar auf der Platt­form gespei­chert wird. Erst nach­dem die Pro­jekt­skiz­zen mit den Hin­wei­sen der Mit­stu­die­ren­den ange­passt und in einer zwei­ten Fas­sung for­mu­liert sind, greift der Dozent ein – und kom­men­tiert die For­mu­la­re mit kon­kre­ten Hin­wei­sen, gibt Anre­gun­gen, kri­ti­siert, bewer­tet und for­mu­liert mög­lichst prä­zi­se Hil­fe­stel­lun­gen. Dann dür­fen die Stu­die­ren­den ihre Basis­ideen anpas­sen, viel­leicht die ursprüng­li­che Skiz­ze etwas kon­kre­ter aus­for­mu­lie­ren. Erst im An-schluss kommt es zur Begeg­nung – der Ansatz, das The­ma, die Struk­tur, der rote Faden wird im Gespräch – Face-to-Face, bes­ser: Video­bild-zu-Video­bild online dis­ku­tiert; ent­we­der mit jedem ein­zel­nen (bei klas­si­schen Haus- oder Semi­nar­ar­bei­ten) – oder aber mit gan­zen Pro­jekt­teams, je nach­dem für wel­che Arbeits­wei­se man sich im Semi­nar ent­schie­den hat. Man trifft sich online – im Han­gout, bei Duo, Sky­pe, Whats­App, bei Face­time, Zoom, Dis­cord, Slack, im Face­book-Mes­sen­ger oder mit Hil­fe des Video­kon­fe­renz­sys­tems „Big Blue But­ton“. Jede die­ser Vari­an­ten hat ihre Vor- und Nach­tei­le. Bleibt zu bemer­ken: Beherr­schen soll­te man als Hoch­schul­leh­rer inzwi­schen alle die­se Sys­te­me – das meis­te ist intui­tiv gestal­tet, und vie­les ergibt sich beim Aus­pro­bie­ren. Denn auch das ist eine Erkennt­nis die­ser Zeit, wir alle sind gedul­di­ger mit­ein­an­der.

Der größ­te Unter­schied in sol­cher­ma­ßen orga­ni­sier­ter digi­ta­ler Leh­re liegt nicht in der Tech­nik selbst, er liegt dar­in, wie Gesprä­che online ver­lau­fen, wel­che Schwer­punk­te sie set­zen und wel­che Inhal­te in ihnen aus­ge­brei­tet wer­den. Kon­sul­ta­tio­nen für Semi­nar­ar­bei­ten und Pro­jek­te, die zum Bei­spiel mit­tels Sky­pe-Video­te­le­fo­nie durch­ge­führt wer­den, sind erstaun­li­cher­wei­se meis­tens deut­lich effek­ti­ver als Sprech­stun­den, bei denen man sich im Semi­nar­raum oder Büro trifft. Wor­an das lie­gen könn­te? Nun, Stu­die­ren hat immer etwas mit Den­ken, mit Kogni­ti­on zu tun, im Büro, bei der Sprech­stun­de spie­len in der direk­ten Begeg­nung Emo­tio­nen oft die wich­ti­ge­re Rol­le. Man ist sich unsi­cher, man glaubt, schnell zu ver­ste­hen, das Pro­blem genau zu erfas­sen und erkennt dann erst spä­ter, dass man viel­leicht doch noch eine zusätz­li­che Fra­ge hät­te stel­len müs­sen; man ach­tet auf das Umfeld, auf Befind­lich­kei­ten, auf die Atmo­sphä­re, die Stim­mung. Vie­les davon fällt beim Online-Aus­tausch weg. Das sehen vie­le Mana­ger übri­gens als gro­ßen Nach­teil von „Home-Office“, man darf es getrost auch ein­mal als Vor­teil for­mu­lie­ren: Online wird mehr inhalt­lich nach­ge­fragt. Bezo­gen auf Pro­jekt­ar­bei­ten sind zumin­dest im Stu­di­en­gang Kom­mu­ni­ka­tions­man­age­ment vie­le Stu­die­ren­de in die­sem Semes­ter, das eini­ge Pro­fes­so­rin­nen und Pro­fes­so­ren schon als „Nicht­se­mes­ter“ klas­si­fi­zie­ren woll­ten, deut­lich wei­ter als in den vor­an­ge­gan­ge­nen Jah­ren, in denen es selbst­ver­ständ­lich war, sich im Semi­nar per­sön­lich zu tref­fen. Dafür aber gilt: Die Lehr­an­ge­bo­te sind inten­siv und anstren­gend, Sky­pe-Gesprä­che und –Kon­sul­ta­tio­nen zu the­ma­tisch anspruchs­vol­len Arbeits­leis­tun­gen der Stu­den­ten sind zeit­auf­wän­dig, wer Online­leh­re ernst­nimmt, arbei­tet mehr.

Foto: Harald Rau